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Die f√ľnf W-Fragen

Ein Ratgeber zum Coming-out

Es ist eine Sache, zu wissen, wer ich bin. Es ist eine andere, das auch zu kommunizieren. Was bzw. wieviel erz√§hle ich wem, wann und wie? Was, wenn ich mich gar nicht outen will? Berechtigte Fragen, die sich jede*r vor einem Coming-out stellen k√∂nnen sollte. Genau deshalb ist es so schwerwiegend, wenn man von einer anderen Person geoutet wird ‚Äď es ist ein Kontrollverlust. Kontrolle √ľber das Was, Wieviel, Wem, Wann und Wie. Habe ich allerdings die M√∂glichkeit selbst zu entscheiden, kann ich mir meine eigenen Gedanken und W√ľnsche √ľberlegen, wie mein Coming-out bestenfalls ablaufen sollte.

Folgender Ratgeber basiert gänzlich auf eigenen Erfahrungen und kann von Person zu Person abweichen.

WAS

Zuallererst kann ich f√ľr mich selbst entscheiden, ob ich mich √ľberhaupt in meinem sozialen Umfeld outen m√∂chte bzw. ob ich (momentan) in der Lage bin, so einen wichtigen Teil von mir selbst zu kommunizieren. Selbst wenn ich mir sicher bin, keine negativen Konsequenzen bef√ľrchten zu m√ľssen, kann es trotzdem ein wahnsinnig schwieriges Vorhaben sein und viel √úberwindung kosten. Sollte ich mir unsicher sein, ob Personen positiv reagieren w√ľrden, sollte ich absch√§tzen, wie wichtig es mir ist, dass diese bestimmte Person davon Bescheid wei√ü und ob es die Energie und den Stress wert w√§ren. Vor allem bei Minderj√§hrigen bzw. Personen, die noch bei Eltern/Erziehungsberechtigten wohnen, ist Achtsamkeit geboten. Sind diese Bezugspersonen schon im Vorhinein queerfeindlich, w√§re es besser, so lange auf ein Outing zu verzichten, bis ein eigenes Zuhause besteht. Der Bedarf nach einem Coming-out kann sehr gro√ü sein, aber die eigene Sicherheit und Unterkunft muss immer an erster Stelle stehen.

WIEVIEL

Habe ich mich dazu entschieden, mich aktiv zu outen, kann ich √ľberlegen, was ich denn genau kommunizieren m√∂chte. Habe ich ein bestimmtes Label, oder reicht es, wenn die Person den √úberbegriff (wie z.B. ‚Äěhomosexuell‚Äú) wei√ü? Wenn ich mehrere Labels bzw. mehrere queere Identit√§ten habe, m√∂chte ich alle oder nur bestimmte kommunizieren? Manchmal ist es besser, nur so viel wie n√∂tig von sich preiszugeben, bzw. einfacher, einen √úberbegriff zu nennen, anstatt die gegebenenfalls nicht allgemein bekannte Identit√§t (wie z.B. Pansexualit√§t) zu erkl√§ren. Au√üerdem kann ich mir √ľberlegen, ob ich im Zusammenhang mit der Kommunikation meines Labels auch bestimmte Erwartungen vermitteln m√∂chte (z.B. das Verwenden von korrekten Pronomen/Namen). Dar√ľber hinaus ist die Offenbarung einer queeren Partnerschaft ein anderes Gebiet als die Kommunikation eines Labels. Ein Label kann m√∂glicherweise noch eher akzeptiert werden als die Realit√§t einer tats√§chlichen queeren Beziehung, daher ist Achtsamkeit geboten, nicht nur f√ľr das eigene Wohl, sondern auch das der Partner*in(nen).

WEM

Nachdem ich mich dazu entschieden habe, dass ich etwas kommunizieren m√∂chte, sollte ich mir Gedanken machen, wer denn √ľberhaupt Bescheid wissen soll. Habe ich Freund*innen, denen ich meine Identit√§t anvertrauen kann? Kann ich mich darauf verlassen, dass meine Eltern mich akzeptieren, ohne Konsequenzen zu bef√ľrchten (vor allem als Minderj√§hrige*r)? Kann ich in der Arbeit von meiner Partnerschaft erz√§hlen und weiterhin eine gute Beziehung zu meinen Kolleg*innen f√ľhren? Gerade am Arbeitsplatz ist viel Umsicht geboten. Nat√ľrlich w√§re es ideal, nicht nur im privaten Milieu authentisch sein zu k√∂nnen, allerdings ist es deutlich schwieriger, queerfeindliche Situationen im Arbeitsalltag zu bew√§ltigen, da man sich aus diesem Umfeld nicht einfach entfernen kann.

Eine niederschwellige M√∂glichkeit herauszufinden, ob eine Person queerfreundlich ist bzw. positiv auf ein Coming-out reagieren w√ľrde, ist es, ein queeres Thema (ganz nebens√§chlich) in eine Konversation einzubauen. Beispiele daf√ľr w√§ren ‚Äöein Bekannter von mir hat jetzt seinen Freund geheiratet‚Äė oder ‚Äöbald ist wieder die Regenbogenparade am Ring‚Äė. Wie eine Person auf solche Themen reagiert, sagt viel dar√ľber aus, wie diese Person mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das eigene Coming-out reagieren w√ľrde.

WANN

Den ‚Äörichtigen Zeitpunkt‚Äė f√ľr ein Coming-out gibt es meistens nicht. Es gibt kein richtiges Alter und vor allem kein ‚Äözu sp√§t‚Äė. Jede*r hat eine eigene Geschwindigkeit, zu sich selbst zu finden, manche fr√ľher, manche sp√§ter, aber ein fortgeschrittenes Alter sollte nicht davon abhalten, sich im sozialen Umfeld offenbaren zu k√∂nnen. Es muss auch nicht abgewartet werden, ob das aktuelle Label das ‚Äörichtige‚Äė ist. Labels k√∂nnen sich, genau wie andere Facetten eines Menschen auch, jederzeit und wiederholt ver√§ndern. Es ist somit absolut kein Fehler, sich mit einem Label zu outen und kurze oder lange Zeit sp√§ter ein oder mehrere andere Labels zu verwenden. Sobald das Bed√ľrfnis nach Kommunikation der eigenen Identit√§t entsteht, wird sich ein geeigneter Moment finden, egal ob dieser Moment Tage, Monate oder Jahre in der Zukunft liegt.

WIE

Schlussendlich kann ich √ľberlegen, auf welche Art ich mich oute, wie zum Beispiel verbal oder nonverbal. Ein nonverbales Outing k√∂nnte etwa sein, dass ich einen Regenbogen-Pin an meiner Kleidung trage, oder auf meinen sozialen Medien bestimmte Inhalte teile. Ein nonverbales Outing hat den Vorteil, eigene Identit√§ten bzw. einen engen Bezug zu LGBTIQ-Themen nicht aktiv kommunizieren zu m√ľssen, allerdings zieht dies m√∂glicherweise invasive Nachfragen mit sich. Ein verbales Outing geht aktiv von der betroffenen Person aus, und kann schriftlich √ľber Handynachricht/Mail erfolgen oder durch ein Telefonat bzw. pers√∂nlich. Die pers√∂nliche Variante des Coming-out ist wahrscheinlich die stressigste, kann aber auch die am schnellsten zufriedenstellende Variante sein, wenn ich direkt positives Feedback erhalte.

Alles in allem ist das Coming-out wahrscheinlich eines der schwierigsten und komplexesten Themen im Zusammenhang mit queerer Identit√§t, dessen Bedeutung nicht untersch√§tzt werden darf. Muss ich zwingend meinen Mitmenschen Bescheid geben? Absolut nicht. Sollte ich allen Bescheid geben k√∂nnen, wenn ich das m√∂chte, ohne Konsequenzen zu f√ľrchten? Definitiv schon.

Von Carina Kapeller

arbeitet im Gesund-
heitswesen