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Stealth

Wir wollen alle nur unsere Arbeit machen und Spaß haben

Es war einmal

Susi und Max waren junge Geschwister in einem kleinen Dorf mitten in Europa. Sie lebten glĂŒcklich mit ihren Eltern zusammen und besuchten den Kindergarten. Doch je Ă€lter sie wurden, desto mehr spĂŒrten sie, dass etwas nicht stimmte. Sie fĂŒhlten sich anders, konnten es sich aber nicht erklĂ€ren. Nachdem Sie in einem Zimmer schliefen, tauschten sie sich abends immer wieder aus. Und irgendwann stellte sich heraus, Susi wollte Hosen tragen und Max Röcke. So beschlossen sie am nĂ€chsten Tag einfach, ihre Kleidung zu tauschen. Sie hatten aber nicht damit gerechnet, so viel Aufruhr zu erzeugen. Da sie von ĂŒberall die Antwort bekamen, dass das so nicht ginge, gaben sie schließlich ihren Plan auf. Doch es hatte sich etwas verĂ€ndert. Sie fĂŒhlten sich nach und nach immer fremder in ihrem kleinen Dorf, fast wie Außerirdische. Und je Ă€lter sie wurden, desto unheimlicher wurde ihnen. Die Angst vor dem Erwachsenwerden stieg. Sie beschlossen, mit dem Wachsen aufzuhören, was ihnen jedoch nicht gelang. GlĂŒcklicherweise hatte eine Fee ihre nĂ€chtlichen GesprĂ€che belauscht und entschloss sich, den beiden zu helfen, da sie schon so viele Jahre litten. Eines nachts, nachdem Susi und Max nach einem langen traurigen GesprĂ€ch eingeschlafen waren, kam sie zu ihnen und machte einmal „Schnipp“, tauschte ihre Körper aus, lĂ€chelte, gab beiden einen Kuss auf die Stirn und entschwand heimlich wieder. Am nĂ€chsten Morgen wachten Max und Susi auf und wunderten sich zunĂ€chst, was denn da passiert war. Schnell stieg unbĂ€ndige Freude in ihnen auf. Nachdem sie sich ausgetauscht hatten beschlossen sie, niemandem zu erzĂ€hlen, was in dieser Nacht geschah. Es fiel niemandem wirklich auf, dass Max und Susi einfach ihre Namen getauscht hatten. Zu groß war die Freude der Eltern und aller ĂŒber die glĂŒcklichen Kinder, dass die kleinen Ungereimtheiten einfach unter den Tisch gefallen sind. So lebten Max und Susi glĂŒcklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Welche*r Trans hat nicht einen Ă€hnlichen Traum in der Kindheit und Jugend gehabt? Es wĂ€re zu schön gewesen, hĂ€tte sich diese Angst vor dem Erwachsenwerden, vor den bevorstehenden VerĂ€nderungen doch einfach mit einem „Schnipp und morgen wache ich in meinem anderen Körper auf“ in Wohlgefallen aufgelöst.

On the way to stealth?

Alle Trans wĂŒnschen sich, einfach nur sie selbst sein zu können, oft einfach die Frauen oder MĂ€nner, die sie sind. Einfach in einer „NormalitĂ€t“ unterzugehen und ein „ganz normales Leben“ zu leben, wobei heute eine homosexuelle Orientierung auch als ganz normal gilt. Einige versuchen durch Ortswechsel, Wechsel der Arbeit und des Freundeskreises ihre „alte“ Geschichte loszuwerden. Das gelingt mal mehr, mal weniger, und ist nicht nur von der individuellen Entscheidung abhĂ€ngig. Da hinkt der Körper, seine Möglichkeiten und Unmöglichkeiten hinterher und auch die Angst ist stĂ€ndig prĂ€sent, die Vergangenheit könnte eine*n dann doch einholen. Stealth ist fĂŒr so manche eine gewĂ€hlte Option, wenn das Passing stimmt, da diese doch sehr viel an VerĂ€nderungen an sich vorgenommen haben um im jeweiligen „Wunschgeschlecht“ einfach so unterzutauchen. Manche verplappern sich dann nach all diesen mĂ€chtigen VerĂ€nderungen in ausgelassener Stimmung (Ulrika Schöllner 2019) und stellen dann fest, dass sich an der bestehenden Akzeptanz nichts verĂ€ndert hat. Auch wenn Ulrika es nicht vorhatte, stealth zu leben, so wollte sie doch kein „großes Ding“ aus ihrer Geschichte machen.

Nur zu verstĂ€ndlich, denn leider werden sehr viele offen lebende Trans immer auf ihr trans-Sein reduziert. „Ich bin das T in FLINTA. Aber oft werde ich auf diese Transerfahrung reduziert.“ (Sir Mantis, Leipziger Rapper und Produzent in: Missy Kalender 2024 KW 15)

Da es in Österreich kein Offenbarungsverbot nach einer PersonenstandsĂ€nderung gibt, ist der Weg in Stealth wahrscheinlich noch riskanter, da es dazu keinen gesetzlichen Schutz gibt. Auch wenn Gesetze nicht vor Missbrauch schĂŒtzen, so wĂ€re es zumindest ein Signal an die Öffentlichkeit und wĂŒrde zumindest jenen einen gewissen Schutz bieten, die wirklich viel Geld in die Hand nehmen und ihr ganzes Leben auf links drehen mussten, um endlich in Ruhe „sein“ zu dĂŒrfen. Das Buch von Ulrika Schöllner gibt, auch wenn sie nicht vorhatte stealth zu leben und die Rahmenbedingungen sich langsam Ă€ndern, einen guten Überblick darĂŒber, wie aufwendig es ist und wie viele Schritte und Kosten es bedeutet, als Transfrau einen Weg in stealth zu gehen.

Denn die Wirklichkeit sieht anders aus

Inzwischen hat sich ja glĂŒcklicherweise einiges verĂ€ndert. Allerdings gilt in Österreich (wie unter der Hand auch noch in Deutschland) noch so etwas wie der „Alltagstest“ vor einer PersonenstandsĂ€nderung. Auch wenn die frĂŒheren kruden Bestimmungen eines 2-jĂ€hrigen „Alltagstests“ noch vor der Freigabe von Hormonen, der anschließenden Unfruchtbarmachung, und ganz zum Schluss der PersonenstandsĂ€nderung inzwischen gefallen sind, gibt es immer noch die alte „therapeutische“ Richtlinie, dass die Klient*in sich Ă€ußerlich angepasst und eine gute Weile im „Wunschgeschlecht“ gelebt haben muss. Etwas, was bei der PersonenstandsĂ€nderung erst mit dem Selbstbestimmungsrecht fallen könnte. Denn bei der medizinischen Diagnostik wird dieses Kriterium wohl weiter aufrecht bleiben. Ein Alltagstest schließt mehrere Outings mit ein: Jenes vor der Familie, dem Freundeskreis, der Arbeit/Schule/Lehre. Letzten Endes stehen einem Leben in Stealth zunĂ€chst eine ganze Reihe an sozialen Kontakten zu Therapeut*innen, Ärzt*innen und Behörden im Weg. Damit gehen zeitliche und auch erhebliche finanzielle Belastungen einher.

Noch schöner wĂ€re es, wenn ein Verbot der Konversionstherapien endlich umgesetzt wĂŒrde. Da mĂŒssten abseits des Alltagstests auch noch andere Kriterien abseits des „bei einer (Konversions-)Therapie absolut therapieresistent“ fĂŒr eine klinische Diagnostik herangezogen werden.

Es ist daher umso verstĂ€ndlicher, wenn Trans dann einfach auf Grund des gesellschaftlichen Drucks und mangels Akzeptanz wieder „verschwinden“ und in ihrer „Privatheit“ und/oder in einem neuen Leben, heute wĂŒrde man Blase dazu sagen, untertauchen. Einer Frage, der Person Perry Baumgartinger in „Where have all the trannies gone“ 2011, damals auch vor dem Hintergrund der Auslöschung von trans BeitrĂ€gen aus der LGBTIN Geschichte durch weiße Schwule und Lesben, nachging. (diskursiv.diebin.at)

Ewiges Outing

Apropos weiße Lesben und Schwule. In punkto Outing gibt es eine ganze Reihe von Unterschieden bei Trans. Abgesehen vom Prozess, den Trans bis zu ihrer rechtlichen Anerkennung durchlaufen, spielen die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des eigenen Körpers eine gewichtige Rolle. Manches lĂ€sst sich operativ lösen, wobei manche Trans in die gleich „Schönheitsfalle“ wie andere fallen können. Dazu brĂ€uchte es einen eigenen Artikel zum Thema „Body Shaming / Passing“. Einiges geht allerdings aus medizinischen (oft wegen fehlender Ă€rztlicher Ressourcen), persönlichen und ganz oft aus finanziellen GrĂŒnden nicht. Denn viele, sogenannte „Àsthetische Eingriffe“, aber auch grundlegende, werden von den Krankenkassen schlicht nicht bezahlt. Das sind alles strukturelle und keine individuellen Hindernisse. So bleibt nichts anderes ĂŒber, als mit den Gegebenheiten des eigenen Körpers umzugehen. Das fĂ€ngt ganz plump bei der KörpergrĂ¶ĂŸe an, geht ĂŒber die Stimme und endet bei einer nicht so einfach zu kaschierenden Physiognomie, dem Körperbau. Damit kann es mehr oder weniger Probleme beim Passing geben. Manche TransmĂ€nner versuchen mit einigem Erfolg, ĂŒber Krafttraining ihren Körperbau anzupassen. Bodybuilding ist allerdings nicht jedai Sache. So bleibt es oft dabei, dass Trans sich nach einer Transition und/oder PersonenstandsĂ€nderung in jedem neuen sozialen Kontakt unfreiwillig neu outen (mĂŒssen). Das ist ein fundamentaler Unterschied zwischen Outing der GeschlechtsidentitĂ€t und Outing der sexuellen PrĂ€ferenz/Orientierung. Auch als Trans muss frau ihre PrĂ€ferenz/Orientierung nicht outen.

Die Stimme ist fĂŒr viele Transfrauen problematisch. Es ist einfach unglaublich, was bei Telefonaten so passiert. Nur ein Beispiel: einer Transfrau wurde bei der NamensĂ€nderung einer Kund*innenkarte schlicht gesagt, sie könne die Karte nicht einfach an die (vermeintlich angeheiratete) Frau ĂŒbertragen. Telefonische Bankberatungen können auch abenteuerliche Ausmaße annehmen. Schlicht jeder soziale Kontakt. Jeder neue soziale Kontakt ist mehr oder weniger ein Outing. Das hĂ€ngt auch vom GegenĂŒber ab. Ganz selten gibt es auch eine ĂŒberraschende positive RĂŒckmeldung; geschieht auch am Telefon und soll nicht unterschlagen werden. Genauso wenig sollen aber auch Gewalterfahrungen unterschlagen werden, die vor allem bei Outings bei Intimkontakten immer wieder vorkommen.

Essentialisierung

In den meisten FĂ€llen kommt es zu einer Ablehnung, im Extremfall zu stĂ€ndigem Misgendern, in besseren FĂ€llen zu einem Labeling. Wie oben bereits angesprochen (Sir Mantis) werden Trans oft auf ihre Transerfahrung reduziert. Damit wird ein bestimmtes Merkmal als Wesenhaft (So-Sein) in den Vordergrund gestellt und damit die Existenz (Da-Sein) in den Hintergrund gerĂŒckt. Eine Strategie, die vor allem von Rechten gerne verwendet wird, im Alltag jedoch oft anzutreffen und eine wirklich verbreitete Strategie des Ausschlusses ist. Damit kann auch die Auseinandersetzung mit der Person vermieden werden. Ich kann nur mal wieder Steffi Stankovic anlĂ€sslich 25 Jahre AGPRO zitieren: „LebensumstĂ€nde von Trans interessieren niemanden.“

Wir wollen alle nur unsere Arbeit machen und Spaß haben

Jetzt wird Trans ja oft vorgeworfen, ein Thema in den Vordergrund zu rĂŒcken, zu „hinterfragen“ und damit zu verunsichern: das des Geschlechts und was es in der Gesellschaft bedeutet. Daher ist Essentialisierung ja auch so eine beliebte Strategie, um der eigenen Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Letzten Endes geht es einfach um Ausschluss. Dabei werden alle anderen Eigenschaften von Trans durch die Reduktion auf Trans ausgeschlossen. Dabei wollen Trans auch nur ihre Arbeit machen und Spaß haben. BestĂ€tigung brauchen wir alle, nicht nur Trans.

Doch wie könnte es besser gelingen in diesem Leben als Trans, nachdem es nicht gelingt, einfach „Schnipp“ zu machen und alles ist gut? Ein Ansatz wĂ€re zu ĂŒberlegen, wann ein Outing, eine Transition am gĂŒnstigsten wĂ€re.

Wann outen?

UnabhĂ€ngig vom Alter kann das Outing nach einer anfĂ€nglichen Euphorie durch das befreite GefĂŒhl sehr belastend sein. Dennoch kann die Frage gestellt werden, in welchem Alter ein Outing und eine anschließende Transition gĂŒnstiger ist. Vieles hĂ€ngt von strukturellen Faktoren ab, wie sozialer Status, UnterstĂŒtzung des Sozialsystems (Familie, aber ganz wichtig sind auch Schule/Unternehmen) und gesundheitliche Versorgung (Erreichbarkeit und VerfĂŒgbarkeit von Trans-Ambulanzen).

Erfahrungen von inzwischen Ă€lteren Trans nach der Transition weisen jedoch darauf hin, dass ein frĂŒheres Outing/Transition gĂŒnstiger ist. Zum einen stecken viele Ă€ltere Trans lĂ€ngst im Beruf und hier zeigt sich, dass eine Transition dazu fĂŒhren kann, dass es bis zu zehn Jahre dauern kann, bis der sozioökonomische Status von vor der Transition wieder erreicht ist. Meist sind die „Karrieren“ gebrochen oder zumindest unterbrochen und von Orts- oder Arbeitgeberwechsel begleitet. Auch körperliche/medizinische Faktoren erschweren eine spĂ€te Transition, da die voll „ausgewachsenen“ Körper (ab 29) andere Anforderungen haben.

SelbstverstĂ€ndlich ist ein Outing, eine Transition fĂŒr alle eine AbwĂ€gungsfrage, gerade bei ganz Jungen. Durch die gesellschaftlichen VerĂ€nderungen, den immer besser werdenden medizinischen Leistungen, der zunehmenden Akzeptanz bei Jungen und dem oft anstehenden Wechsel des sozialen Umfeldes ist es leichter, die eigene „VerĂ€nderung“ mitzunehmen, da das neue soziale Umfeld eine*n ja nur so kennt. Je nach Zeitpunkt kann es medizinisch leichter sein, bei ganz frĂŒhen Transitionen ergeben sich jedoch auch große Herausforderungen, welche besonderer KlĂ€rungen bedĂŒrfen, je nach körperlicher Entwicklung. Da sich VerĂ€nderungen durch die PubertĂ€t nur mit extremem finanziellen Aufwand korrigieren lassen, ist ein frĂŒhes Outing bzw. eine frĂŒhe Transition aus derzeitiger Perspektive die bessere Option.

Denn Trans leisteten schon immer wichtige BeitrĂ€ge und wollen weiterhin einfach ihrer Arbeit nachgehen und Spaß haben.

Von Mia Mara Willuhn

Soziologin in Wien und seit Beginn der 1990er Jahre Transaktivistin. Sie hat 1992 die Selbsthilfegruppe fĂŒr Trans in der Rosa-Lila-Villa mitbegrĂŒndet, wie auch den Verein TransvestitIn 1994.