Für mich wird es mit jedem Artikel schwieriger zu scheiben. Egal welches Thema, es fühlt sich an wie ständig im Sperrfeuer zu stehen. Minenfelder wohin ich mich auch bewege.
Selbst banalste Tätigkeiten werden zuweilen zum Spießrutenlauf. Zuletzt, es ist grad ein paar Tage her, fragte mich eine alte geschätzt siebzigjährige Frau lauthals: „Sind sie ein Mann oder einer Frau?“ Als sei dies beim Einkaufen oder gar beim Schlange stehen auch nur im Entferntesten relevant. Vor ein paar Jahren war ich cooler drauf, als mir ein Typ in der U-Bahn die gleiche Frage stellte. Ich antwortete: „Such’s Dir aus!“, worauf er einfach wegging. Es gibt aber auch Tage an denen ich nicht ständig im Alarm-Modus bin. An denen trifft es dann tief.
Diese Frage, Mann oder Frau, scheint zurzeit zu brennen, wenn man die Kommentare zu Artikeln mit Transthemen liest. Sie ist schon länger da. Ich erinnere vor zwei, drei Jahren eine erfolgreiche Kosmetikerin, die von einer Kundin laut in Gesicht gesagt bekam: „Ich sehe, dass sie ein Mann sind!“. Wir schreiben 2022, es fühlt sich aber zuweilen an wie 1950. Es gibt inzwischen einige, die das Rad der Zeit nur zu gerne in die bleiernen Jahre des biedermeierlichen Wirtschaftswunders zurückdrehen wollen. In einem Kommentarpost einer Online Zeitung stand, hen verstünde die Aufregung nicht, die meisten Trans würden sehr zurückgezogen leben. Das traf dann auch für die Kosmetikerin zu. Das Hausverbot der Kundin hat da auch nicht mehr geholfen. Zu glauben das Outing von Trans wäre mit der einmaligen Selbstbestimmung erledigt ist eine Fiktion zur Selbstberuhigung. Dabei war das Passing der Kosmetikerin top, lebendig und natürlich. Einfach zu beneiden und eine wirklich tolle coole junge Frau.
Es ist schon ein paar Wochen her, da berichtete eine Dragqueen bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „I am too…“ (in diesem Fall war es wohl „feminine“) sie würde sich gerne erst zu Hause abschminken. Sie hätte es eine Zeitlang probiert im Make-up mit der U-Bahn nach Hause zu fahren um sich dort in aller Ruhe und Gründlichkeit abzuschminken. Sie meinte, sie könne jetzt nachvollziehen wie es Frauen ginge, die sich nicht für die U-Bahn „cleanen“ können, die ihr Frau Sein nicht einfach ablegen könnten, wie sie. Sie schminkt sich inzwischen gleich nach der Vorstellung ab. Und das ist jetzt der Punkt. Wenn die „öffentliche“ Drag-Show sich ins Private zieht bekommt Drag vielleicht eine Einsicht, hier ins U-Bahn fahren. Das ist aber bei weitem nicht das ganze Leben.
Dass in Europa Travestieshows seit den frühen Jahren des 20. Jhd. bis in 70er Jahre auch für Trans ein Hafen waren, in dem sie ihr Auskommen fanden, ist unbestritten (u.a. Eckert 2021, Dobler 2022). Später kamen dann noch die Swinger-Clubs dazu. Spätesten Anfang der 90er (in Wien) kamen die Clubs dazu und Cross-dressing war angesagt. Seit den 80er Jahren überschlugen sich auch die Modelabels mit neuen Formen und Rollen. Androgynie, im Sinne der Aufhebung der Geschlechtergrenzen, lag in der Luft, zeichnete sich wie bei Comme des Garçons ab. Deren erste Show in Paris wurde jedoch als Angriff „… auf die Mode im Allgemeinen und das Ideal der ‘westlichen Frau’ im Besonderen, kurz auf Schönheit, Erotik, Sexappeal und Anmut…“ verunglimpft (Vinken 1993). Jenny Livingstons Kultfilm „Paris is Burning“ hat es vielleicht wieder geradegerückt – er zeigt Weiblichkeit als Maskerade, kurz „Drag“. Das Kürzel „drag“ wird einer Legende nach Shakespeare zugeschrieben. Bis Mitte des 17. Jhd. gab es nur Männer als Schauspieler und er kennzeichnete in der Bühnenanweisung „Frauenrollen“ mit „drag“ für „dressed as a girl“. Also gut 17. Jhd. Trotzdem ist „girl“ für Königinnen (14x) und andere Rollen vielleicht auch damals schon abwertend gewesen. Dennoch stimmig. „I’m not a woman, I emulate a woman“ sagte Pepper Labeija, Mother des Houses Labeija. Die Geschlechtergrenzen waren also wiederhergestellt. Designer wie Gaultier, Lagerfeld, Armani, D&G, …, sind wohl alle nur Produzenten der Weiblichkeit als Maskerade, eines männlichen Blicks auf Weiblichkeit. Vielleicht verwendet Barbara Vinken ja deshalb die „Nichtidentität“ als Kennzeichen des „Anderen“ als dem Männlichen, weil es eben auf eine Bestimmung von Weiblichkeit durch Männer hinausläuft?
Wenn ich zufällig eine Drag Show in der Villa kreuzte erntete ich zuweilen böse Blicke von den Queens. Wohl weniger ob des Kreuzens doch eher wegen meines Seins. Nein, bei mir nicht für den Moment, nicht für die Bühne, nicht für das Rampenlicht, nicht zum nachher ablegen. „I am, what I am. No need für excuses“. Vielleicht auch eine „Nichtidentität“? So manche Trans läuft da, wie auch manch andere Frau, einem Ideal nach. Frei nach Colette Dowlings „Die Perfekten Frauen“ (1989) eine Flucht in die Selbstdarstellung. Manchmal wohl auch in einen Fluch der Selbstdarstellung, denn aus der Nummer kann man nicht mehr so leicht aussteigen. Bei mancher Trans muss man sich einen halben Tag vorher anmelden, weil die „Morgentoilette“ bis zu vier Stunden dauert. Ganz ehrlich. Welche Frau kann sich das leisten. Alles was länger als 10 Minuten dauert ist für die meisten Frauen wohl einfach lebensfremd. Spontanes Treffen unmöglich. Alles weit voraus geplant. Und dann: „Are you ready for the show?“ Sein oder Schein? Da wird ja das ganze Leben zu einem einzigen Drag-Race. Wenn die Kraft dafür nicht mehr reicht, bricht die ganze Identität zusammen, so im Alter (IHS Projektbericht Senior*innen-WGs für LGBTQI+-Personen 2021).
Einfach Frau sein sagte eine Bekannte zu mir. Das klingt einfacher, als es dann für viele ist, egal ob Cis oder Trans.
Und da habe ich einfach ein massives Problem mit Drag oder Travestie. Nein, ich bin nicht neidisch, dass Mario Soldo (Dame Galaxis) 1995 statt mir in die „Hans Meiser Show“ nach Köln eingeladen wurde. (Anm.: Das war der Urahn der heutigen „Barbara Karlich Show“, nur mit mehr Seelenstriptease.) Sie wollten Trans, haben dann Travestie/ Drag genommen. Dann doch lieber glatte Geschlechterklischees mit klassischem Ausgang (Huhu, bin ja doch ein Mann) statt echter Queerness. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das damals psychisch überlebt hätte.
Womit ich echt ein Problem habe, ist die Wiedereinschreibung überkommener Rollenbilder durch Drag. Ursprünglich in der Travestie vielleicht als Versuch des Umgangs von Schwulen mit, des Überlebens in, starren Rollenbildern und Gesellschaftsnormen wie in „La Cage aux Folles“ komödiantisch scheinbar zum Wohlgefallen aller auflöst, nimmt es mit Drag eine Wendung hin zur Re-Etablierung einer ganz bestimmten binären Geschlechternormativität. Damit lassen sich die Konnotation und die immer wieder vorkommenden Untergriffe „Mann im Rock“ nicht auflösen. Die biologistische Binarität wird durch Drag immer wieder bestätigt. Und das macht vielen das Leben schwer und erhöht auch den Druck der operativen Angleichung um dem Sein dann auch mehr zu entsprechen, um eben kein Mann im Rock zu sein. Das Paradox (Lindemann 1993) oder das Rätsel (Morris 1974) ist eben, dass sich das innere Empfinden nicht zwangsläufig im äußeren Erscheinen „ablesen“ lässt. Das ist kein Auseinanderfallen von Sein und Schein, wie oft behauptet, es ist ein Sein.
Vielleicht ist es ja ganz gut, dass sich Männer immer wieder um eine positive im Sinne von konkrete Beschreibung und Festmachung von Frau bemühen, ohne Frau auch nur annähernd nahe zu kommen. Denn die „Nichtidentität“, in der sich das „Weibliche“ jeder Beschreibung entzieht, ermöglicht Frau in jeder Form Frau zu sein.
Ich muss noch die Situation an der Kassa vom Anfang meines Artikels auflösen. Die Filialleiterin öffnete sofort eine zweite Kassa und der Rollator blieb an fünfter Position während ich als erste zur neu eröffneten Kassa kam. Wir leben wohl doch im Jahr 2022. Mag sein, dass es auch damit zu tun hat, dass ein Jahr zuvor ein Mann, der damals im gleichen Geschäft Kassendienst hatte, sich mit mir vor der Tür „unterhalten“ wollte. Das viel auf – ich wurde auch lauter und fragte ihn, was er denn vor der Tür wolle. Er ward an der Kassa nie wiedergesehen.
Werde die, die du bist! Die Anderen sind nicht zu ändern, und du musst auch nur das ändern, was dir selbst an dir nicht passt. Die Erfahrungen zeigen, frei nach Bob Dylan: „For the times, they (still) are a changing!“ ♕
