Der Titel des Buches ist Programm. Der tschechische Literaturhistoriker Vratislav Maňák nimmt Ludwig Wittgenstein – den schwulen Sprachphilosophen, der zeitlebens sein Privatleben geheim hielt – in Gedanken mit in die Schwulensauna. Solche Orte werden unter anderem für anonymen Sex genutzt. Maňák fragt sich: Was passiert mit der Sprache, wenn bei der Triebabfuhr nur noch die Körper kommunizieren? Er nutzt Wittgensteins Konzept der „Sprachspiele“, um die ungeschriebenen Gesetze und Codes in Saunen, Badehäusern, Clubs und Opern zu dechiffrieren. Das Buch ist als literarische Reportage angelegt, die Maňák durch verschiedene mitteleuropäische Städte führt.
In Wien besucht er die Kaiserbründl-Sauna. Dort „wird praktisch gar nicht gesprochen. Kommunikation findet überwiegend in Form von Blicken und Gesten statt“, schreibt der Autor. Schon ein kurzer Blickkontakt könne zum simplen Annäherungsversuch werden. „Der kleine Tod des Sprechens ist hier nicht nur das Ablegen der Sprache, weil sie ein zu komplizierter und überflüssiger Code wäre“, so Maňák. Der Tod des Sprechens fungiere „auch als Garant für Anonymität in einem Raum, der auf außergewöhnliche Weise menschliche Intimität exponiert und in dem der Körperkontakt das einzige Ziel von Kommunikation ist“. Die Schwulensauna sei „ein spezifischer Raum, in dem man sich aus freien Stücken auf die Rolle des sexualisierten Objektes reduzieren lässt, sich freiwillig selbst objektiviert“.
Für Maňák ist die Schwulensauna ein Ort der Ehrlichkeit. Wo Kleidung und Status wegfallen, bleibe nur der Körper und die Frage nach dem „Ich“. Wittgenstein dient dabei als Ausgangspunkt für die Überlegung, dass die Grenzen der Welt auch die Grenzen der Sprache sind – und dass manche Erfahrungen wie etwa der Sex in der Schwulensauna jenseits dieser Grenzen liegen.
Vratislav Maňák: Mit Wittgenstein in der Schwulensauna. Karl Rauch Verlag, 2026.
