Nachtrag zur Berlinale 2026
Im März-Beitrag zur Berlinale ging es um die Teddy Awards, die auch im Namen Rosa von Praunheims, der Ende 2025 verstorben war, verliehen wurden. Aber es gab weitere queer-relevante Berlinale-Beiträge, die es wert sind, besprochen zu werden.
Ganz vorneweg, weil der Film in Wien spielt und auch weil Elfriede Jelinek am Skript beteiligt war, steht „Die Blutgräfin“ von Ulrike Ottinger, ein lustiger Thriller, der außerhalb des Wettbewerbs im Berlinale Special lief. In dem trotz allem Amüsement etwas langatmigen Zweistundenspektakel macht sich Isabelle Huppert als titelgebende Blutgräfin auf, die Ehre und das Erbe der Vampir*innendynastie zu retten. Zwischendurch stärkt sie sich an attraktiven Frauenhälsen und schwebt in blutroten Roben sowie in ebensolchen Kutschen durch die Hauptstadt. Eigentlich soll das Ganze im Heute spielen, jedoch lassen plüschige Requisiten das gut kaschieren, sodass das gemütliche, etwas altertümliche Wien allgegenwärtig ist.
Unbedingt zu erwähnen ist der prominente Cast. Neben der wunderbaren Huppert, die neben Französisch auch ein bisschen österreichisches Deutsch spricht, macht Birgit Minichmayr als treuergebene Zofe eine gute Figur, die für frischblutigen Nachschub und die Reinigung der vampirischen Eckzähne sorgt. Thomas Schubert (zum Beispiel in „Roter Himmel“ von Christian Petzold) ist der entschieden vegetarisch lebende Neffe der Gräfin, der sich lieber an frisch zubereiteten Mehlspeisen als am blutigen Menschensaft labt, sich aber dem Einfluss der vampirischen Tante nicht gänzlich zu entziehen vermag. Lars Eidinger ist als sein Therapeut unterwegs, und Conchita Wurst sorgt als Zeremonienmeisterin mit ihrem ESC-Siegertitel „Rise Like A Phoenix“ für queere Stimmung.

Ein ganz anderer Beitrag ist „Lady“ von Olive Nwosu, wobei das Auto, mit dem die nigerianische Taxifahrerin Passagier*innen durch Lagos kutschiert, blutgräfinnenrot ist. Aus Geld- und Fahrgäst*innenmangel gerät die junge Frau jedenfalls in den Machtkreis eines Prostituiertenringclanchefs, der sie dazu überredet, Sexarbeiterinnen zu ihren nächtlichen „Auftritten“ zu befördern. So sehr sie sich auch mit den Frauen anfreundet und sich bemüht, ihre und die Beschäftigung ihrer Proband*innen als notwendigen Broterwerb zu sehen, so sehr missfallen der durchsetzungsfähigen Frau, die mit Männern von Haus aus nichts zu tun haben will, die offensichtlichen Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse.
„Rose“, eine österreichisch-deutsche Koproduktion von Markus Schleinzer, in der gleichnamigen Titelfigur herausragend verkörpert von Sandra Hüller, die für ihre Hauptrolle den Silbernen Bären für die Beste Schauspielerische Leistung erhielt, kann im 17. Jahrhundert ebenfalls nur durch ein subtiles Spiel ihre Ziele von Abenteuer und Unabhängigkeit erreichen. Sie verkleidet sich als Soldat, ist tougher als alle Männer zusammen, kann ohne Weiteres beeindrucken, trotzdem wird ihr mit Misstrauen begegnet, als sie Anspruch auf das Erbe eines verlassenen Gutshofes erhebt. Hüller beeindruckt jedenfalls mal wieder immens mit ihrem schauspielerischen Können, und die anderthalb Stunden Film sind viel zu kurzweilig, um sich nicht zu wünschen, dass frau/man* noch weitere Stunden (oder auch Tage) im Berlinale Palast verweilen dürfe, um dem brisanten Leben der queeren Protagonistin zu folgen.
In „The Education of Jane Cumming“ von Sophie Heldman muss Liebe zwischen Frauen – wie auch in den anderen bereits besprochenen Filmen, auch wenn das lesbische Sujet dort jeweils hinter scheinbaren Hauptthemen (Vampirismus, sexuelle Ausbeutung, Patriarchat) zu verschwinden droht – ebenfalls unter dem gesellschaftlichen Deckel gehalten werden, schließlich spielt das Drama Anfang des 19. Jahrhunderts. Zu der Zeit steht nicht nur am Schauplatz in Edinburgh Homosexualität allgemein unter Strafe beziehungsweise wird zumindest gesellschaftlich geächtet. Jedenfalls basiert die Handlung auf Gerichtsakten aus der Zeit, als es einen Skandal um ein Mädcheninternat gab, wo zwei Lehrerinnen der „lesbischen Unzucht“ bezichtigt wurden.
„Where to?“ von Assaf Machnes knüpft da schon eher an „Lady“ an, auch wenn Taxifahrer Hassan seine Partygäst*innen durch Berlin statt Lagos kutschiert. Hassan ist jedenfalls palästinensischer Herkunft, was ihn aus konfliktreichen Gründen mit einem durch Berlin strauchelnden jungen Israeli auf besondere Weise verbindet. Auch hier scheint die homosexuelle Orientierung des Stammgastes eher nebensächlich für die Haupthandlung zu sein, bringt den älteren Taxifahrer aber dazu, über seinen eigenen Lebensweg, eine verlorene Liebe und das von Unverständnis geprägte Verhältnis zu seiner nach Unabhängigkeit strebenden Tochter nachzudenken.
Die diesjährige Berlinale war eine gelungene und – trotz oder gerade auch aufgrund politischer Diskussionen um Kriege und weltweite Auseinandersetzungen – konstruktive sowie insgesamt harmonische Veranstaltung. Am Rande wurde zwar erörtert, ob der Wettbewerb zu wenig Staraufgebot habe, aber gerade der Umstand, dass auch weniger bekannte Schauspieler*innen eine große Bühne finden, macht das Festival so einzigartig ausgewogen. Und so konnten Wettbewerbsbeiträge mit sozialpolitisch brisanten Inhalten, wie zum Beispiel zu den Themen staatliche Repressionen und ihre Folgen, Clankämpfe in altpatriarchalen Zusammenhängen sowie Demenzerkrankung und Selbstbestimmung, die sonst eher als Randthemen behandelt werden, die ersten Preise holen: Goldener Bär an „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak, Silberne Bären an „Kurtuluş“ von Emin Alper und „Queen at Sea“ von Lance Hammer.
