Kategorien
Editorial

„Bist du schwul, oder was!?“

Angst und Hoffnung

Wer hätte das gedacht? Die Vereinszeitschrift der HOSI Wien hat sich die letzten Jahre gefühlt mit allen anderen Themen als schwul beschäftigt und ist nun endlich „zum Beginn“ zurück gekehrt!? Aber haben wir es einfach vergessen? Sind Schwule dadurch unsichtbar geworden?

Das sind Fragen, die wir uns nicht nur als Redaktion gestellt haben, sondern sicher so manch eine Person aus der Regenbogen-Community selbst.

Es könnte fast so wirken, als seien homosexuelle Männer einfach nicht mehr so wichtig für den Kampf, gerade weil manche von ihnen ihren eigenen für Gleichberechtigung bereits als beendet ansehen. Ich möchte jedoch genau das Gegenteil behaupten. Welche andere Gruppe der Buchstaben L(G)BTIQ hätte denn am ehesten die Möglichekeit einfach in einen Raum reinzustampfen und Menschenrechte für die anderen zu fordern?

Es waren in der HOSI Wien zuerst schwule (und bisexuelle) Männer, die den Verein gegründeten, nicht ohne Grund.

Wenn dann also der Mann, auf dessen Mist ursprünglich die Idee für einen solchen Verein gewachsen ist, unserer Redaktion schreibt, dass er Bedenken habe, wenn es jetzt immer nur noch „queer“ bei uns heißt, das schwule Erbe könnte gefährdet sein, dann nehmen wir das natürlich sehr ernst.

Die Rede ist natürlich von Wolfgang Förster, dem Mann, der sich 1979 in der legendären ORF-Sendung Club 2 als homosexuell outete. Und das unter so ganz anderen Vorzeichen, als das heutzutage der Fall sein könnte. Sogar vom damaligen Vereinsverbot, ließen sich er und seine Mitstreiter nicht abbringen. Das Gründungsfoto war hier schon oft abgedruckt und ist auch im Vereinszentrum Gugg noch heute zu bestaunen.

So wie auch ihn, kann ich hoffentlich einige Sorgen­geplagte beruhigen: Das Wort schwul wird erstmal nicht aus unserem Wortschatz verschwinden. Genauso wenig wie „homosexuell“. Bestes Beispiel hierfür ist wohl unsere Neu(alt)benennung der HOSI Wien, bzw. die Reevaluierung der Aktualität unseres Vereinsnamens. Nachdem ich selbst das Transgenderreferat leite und ins Leben gerufen habe, war es mir persönlich immer recht unangenehm, dass auch im langen Vereinsnamen allein Lesben und Schwule gewürdigt wurden, obwohl wir als Organisation schon lange auch bisexuelle, trans Personen und in Absprache mit VIMÖ auch inter* Personen (mit-)vertreten. In Respekt vor der Historizität des Namens Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien, hat sich eine Mehrheit für die Erhaltung des Hauptteils unseres Namens im Verein gefunden. In diesen Prozess waren junge Mitglieder, jung gebliebene, aktive und weniger aktive Mitglieder und viele mehr involviert. Zu bedenken war auch unsere Gedenkarbeit, nachdem wir unter diesem Namen bspw. im Gesetz um die Gedenkstätte des KZ Mauthausen stehen. Der erst später in der Vereinsgeschichte hinzugefügte Beititel 1. Lesben- und Schwulenverband Österreichs ist dem neuen Vereinsmotto LGBTIQ-Interessenvertretung und Community-Verein gewichen.

Diese Umbenennung, oder der Prozess der Reevaluierung, war bereits lange überfällig. Er rückt ein Unrecht gerade, das unter anderem zur Wertschätzung der Lesbenbewegung eingeführt wurde, heute in dieser Form jedoch nicht mehr zeitgemäß, oder besser gesagt, wahr war.

Schwule sind noch heute zahlentechnisch massiv überrepräsentiert. Es gibt wenige bis keine LGBTIQ-Zeitschriften, die wirklich versuchen die ganze Bandbreite des Regenbogens sichtbar zu machen. Dabei sind Schwule nicht mal die größte Gruppe in der Community. Und trotzdem darf man auf sie nicht vergessen!

Diese Ausgabe soll ein Friedensangebot und ein Appell sein: Schwulsein kann die feministische Arbeit, die queere Frauen im Vorfeld zur Schwulenbewegung vor allem in feministischen Gruppierungen gemacht haben (weil sie sich überhaupt erstmal als Frauen Rechte erkämpfen mussten) sichtbar machen. Schwulsein kann toxische Männlichkeitsbilder der heteronormativen Gesellschaft hinterfragen. Schwulsein kann bedeuten die gesellschaftliche Stellung als „Platzhirsch“ der Community zu nutzen, um sich solidarisch gegen Angriffe auf die trans Community zu zeigen. Schwulsein kann heißen, Bisexuelle anzuerkennen und ihnen das Gefühl zu geben willkommen und wertvoll zu sein.

Dafür müssen wir aber auch verstehen, dass es nichts bringt in Vorverurteilungen gegenüber der schwulen Community zu verfallen, während unsere männerliebenden Brüder sich immer weniger gehört fühlen. Weil sie selbst ja auch Diskriminierung außerhalb der Community erfahren.

Wir sind nunmal alle unsere eigene kollektive Rettungsboje…sobald eine Gruppe los lässt, gehen wir alle unter!!!

Von Mo Blau

HOSI Wien transgender Referat, früher Coming-Out-Team
(Foto: © Marie Dvorzak)