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Kultur

Berlinale 2021

Gewalt, Gender, Glück und die Schwere des Seins

Man kann die Coronakrise als „chaotische Zeiten“ bezeichnen, wie die Veranstalter*Innen des 35. Teddy Awards es tun, oder sie auch als stille Phase betrachten, denn für die Besucher*Innen der BERLINALE war das sonst so quirlige Festival, dessen erster Teil in diesem zweiten Coronajahr im März stattfand, wohl eher einsam. Hastete man noch im vergangenen Jahr von Kinosaal zu Kinosaal und von Publikumsgespräch zu Pressekonferenz, fanden nun alle Events online statt, sowohl die Filmvorführungen, als auch die vereinzelten Talks. War das Festival bisher unübersichtlich vielfältig, gestaltete es sich in diesem Jahr eher beschaulich am heimischen Computer, an dem viele ohnehin fast ihre gesamte Arbeits- und Freizeit verbringen. Und auch der zweite Teil der diesjährigen BERLINALE, der eigentlich in präsenter Form im Juni stattfinden sollte, steht inzwischen zur Disposition. Wenn überhaupt wird das Publikumsfest wohl unter freiem Himmel veranstaltet und damit nicht die gewohnte Technik, Akustik und Atmosphäre bieten können. Und so schön es auch war, Anfang März die Filme im eigenen Tempo anschauen zu können, so fehlen doch im Rückblick die Live-Momente, die man mit den Filmen verbindet, wenn zum Beispiel Regisseur*Innen auf die Bühne treten, begeistert beklatscht und/oder mit Fragen gelöchert, beziehungsweise nachdenklichem Schweigen bedacht werden. Im Nachhinein betrachtet verschwimmen die Filme zu einer fast monotonen Veranstaltung. Und doch werde ich mich im Folgenden bemühen, die Lichtblicke, die hier und da aufblitzten, mit Euch zu teilen, verehrte Lambda-Leser*Innen!

Um gleich mit einem Film anzufangen, der gut in unsere unberechenbare Zeit passt, erwähne ich den USA-Beitrag „Ted K“ von Tony Stone. Ted K ist Theodore John Kaczynski, der sogenannte Unabomber, ein hochbegabter Mathematikdozent, der 25 Jahre in einer einsamen Waldhütte in Montana lebte, wo er ab Ende der 1970er Briefbomben baute, die er an Entscheidungsträger an Universitäten und Airlines schickte. Drei seiner Adressaten kamen bei den Attentaten ums Leben, viele wurden verletzt. 1995 wollte er seine anarchistisch-technologiekritischen Theorien einem erweiterten Publikum zugänglich machen, weshalb er einigen Zeitungsverlagen die Veröffentlichung der Texte ans Herz legte, mit dem Versprechen, nach Veröffentlichung den Terror einzustellen. Anhand dieser Texte und eines Hinweises seines Bruders konnte Kaczynski 1996 gefasst werden. Er ist heute noch in Haft. Der Film zeichnet seinen Werdegang nach und legt besonderen Wert auf sein Leben im Wald und die selbsterklärte Verbundenheit mit der Natur. Mit sozialen Kontakten tut er sich schwer, pflegt sporadischen Kontakt zu Mutter und Bruder, die ihn mit den Jahren nicht mehr mit Geldzuwendungen unterstützen wollen, nachdem sein Traum von der Selbstversorgung zu scheitern droht. Zwischen den spärlichen Dialogen gibt es längere Betrachtungen auf abgeholzte Flächen, verschmutzte Gewässer und ihrer Lebensgrundlage beraubter Wildtiere. Zusammengehalten wird das Ganze von gelesenen Passagen aus Kaczynskis Schriften. Der Film zeigt einen durch persönliche Erfahrungen traumatisierten Menschen, der der Umweltverschmutzung und Naturzerstörung um ihn herum ohnmächtig gegenübersteht, und der daraus die Konsequenz zieht, dass jeglicher wissenschaftlicher und technischer Fortschritt von dem Übel gezeichnet ist, das er ein friedliches Leben in der Natur und Zusammenleben von Menschen zunichte macht. Das Paradoxe ist, dass er glaubt, er habe ein Recht, mit Gewaltausübung gegen die potentiellen Verursacher beziehungsweise Verantwortlichen vorzugehen. Dabei kann man zerstörerisches Handeln nicht durch Gewaltakte korrigieren.

Um Gewalt geht es auch in einem weiteren USA-Beitrag, nämlich „The Inheritance“ von Ephraim Asili, allerdings eher um Gewaltfreiheit, nach der ein Kollektiv in Philadelphia strebt. Die Gruppe stellt verschiedene Aspekte rund um die Themen afroamerikanische Kultur- und Sprachtheorie, Literatur, Kunst und Geschichte vor. Im Zusammenleben und Zusammenarbeiten der neun Frauen und Männer kommt es zu Alltags- und Kompetenzkonflikten, die detailliert ausgefochten werden. Bezug genommen wird unter anderem auf die 1972 gegründete Bewegung MOVE, Christian Movement for Life, und ihren Initiator John Africa, der mit anderen Aktivist*Innen in Philadelphia über Rassismus, Korruption und Polizeigewalt unterrichtete.

Miguel’s War

Auch die queeren Filme haben es in sich. Auch sie verhandeln Aspekte von Gewalt und Gewaltbereitschaft. „Genderation“, „Glück“, „It’s a sin“, „Language Lessons“, „Miguel’s war“ und „North by current“ jonglieren zwischen dem Gefühl von verlorener Jugend beziehungsweise verpassten Chancen und unverbesserlichem Optimismus, einem Trotzalledem und der Hoffnung auf „Was uns nicht umbringt, macht uns nur stärker“.

In der Doku „Genderation“ besucht Monika Treut zwanzig Jahre nach ihrem Film „Gendernauts“ die Protagonist*Innen der Transgenderszene San Franciscos erneut. Vieles hat sich verändert, die Stadt ist gentrifiziert, die Technikindustrie hat queere Kiezstrukturen verdrängt, und zuletzt fielen Antidiskriminierungsrechte der Trump-Herrschaft zum Opfer. Andererseits ist der Kampfgeist der Szene geblieben, Perspektiven haben sich entwickelt, neue Strömungen wurden integriert. Trotz Rückschrittserfahrungen der Protagonist*Innen strahlt Treuts Film Hoffnung aus. Allen Widrigkeiten zum Trotz haben sich die Portraitierten etabliert, sich ihre kleinen, familiären, künstlerischen und gesellschaftlichen Idylle geschaffen.

North by current“ ist ebenfalls eine Doku, die US-amerikanische Geschichte aufarbeitet, nämlich Regisseur Angelo Madsen Minax‘ eigene Geschichte als Transmann, der aus einer Mormonenfamilie in Michigan stammt, die er für die Filmarbeiten regelmäßig aufsucht, um in der Auseinandersetzung mit ihr Kränkungen und Verletzungen aufzuarbeiten und sich seines Emanzipationsweges zu vergewissern.

Glück

Auch der schwule Protagonist in „Miguel’s War“ von Eliane Raheb reist zurück zu seinen Wurzeln, in diesem Falle Libanon, um Jahrzehnte nach seiner Flucht Konflikten um die eigene Identität auf die Spur zu kommen. Und mit der Serie „It’s a sin“ macht sich Peter Hoar in die Aids-Krise der 1980er Jahre in Großbritannien auf, wenn er sich an die fiktiven Fersen von Ritchie, Colin und Roscoe heftet, die das Londoner Nachtleben erkunden und zusammen in einer queeren WG leben. Alles scheint verheißungsvoll und möglich, bis das tödliche Virus sich auch im Freundeskreis ausbreitet. „Glück“ von Henrika Kull handelt von Maria und Sascha, Kolleginnen in einem Berliner Bordell, die sich ineinander verlieben und für sich als Paar eine alternative Realität etablieren, die außerhalb ihrer ausbeuterischen Arbeitswelt existiert. Ganz anders ist da „Language Lessons“ von Natalie Morales, in der die Filmemacherin selbst die Hauptrolle als Spanischlehrerin spielt, neben Mark Duplass als Schüler, der von seinem Ehemann die Sprachstunden geschenkt bekommt. In den wöchentlichen Onlinekonferenzschaltungen kommen sich Lehrerin und Schüler näher, durchleben schwierige Phasen miteinander und stehen sich in Freundschaft zur Seite. Klingt eher langweilig, ist aber in der jeweiligen Situationskomik zuweilen köstlich und an manchen Stellen sogar unterhaltsam tragisch-dramatisch.

Una película de policías

Die Preise der Internationalen Jury wurden bereits verliehen, andere Preise, wie zum Beispiel die Teddys, sollen in der Sommerverleihung folgen.

  • Goldene Bär für den Besten Film: Regisseur Radu Jude und Produzentin Ada Solomon für „Babardeala cu bucluc sau porno balamuc“ (eine satirische Social-Network-Story über ein Pornovideo und die digitale Aburteilung seiner Heldin)
  • Silberner Bär Großer Preis der Jury: „Guzen to sozo“ (Schicksale um drei Frauenfiguren und eine Dreieckskonstellation) von Ryusuke Hamaguchi
  • Silberner Bär Preis der Jury: „Herr Bachmann und seine Klasse“ (Portrait einer multikulturellen hessischen Schulklasse und ihres Lehrers) von Maria Speth
  • Silberner Bär für die Beste Regie: „Természetes fény“ (1943 in der besetzten Sowjetunion, eine ungarische Sondereinheit durchsucht die Dörfer nach Partisanen) von Dénes Nagy
  • Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Maren Eggert in „Ich bin dein Mensch“ (ein Experiment, in dem ein Robotermann einer alleinstehenden Frau der perfekte Lebenspartner sein soll) von Maria Schrader
  • Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle: Lilla Kizlinger in „Rengeteg – mindenhol látlak“ (Psychokaleidoskop um schweigenden Großvater, zum Kleiderschrank sprechenden Mann, die Mütter schockierende junge Männer, einen in den Tod treibenden Scharlatan) von Bence Fliegauf
  • Silberner Bär für das Beste Drehbuch an Hong Sangsoo für „Inteurodeoksyeon“ (Studium in Berlin, Mütter vermitteln Bekanntschaften und Möglichkeiten, es kommt anders als geplant) von Hong Sangsoo
  • Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung: Yibrán Asuad für die Montage von „Una pelicula de policias“ (Analyse um die Frage, was es bedeutet, Polizist in Mexico City zu sein) von Alonso Ruizpalacios.

Von Anette Stührmann

Lambda Autorin, Kultur