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Editorial

Die rückständigen Ansichten mancher Menschen

Warum wir uns diese nicht zu eigen machen dürfen

We’re all born naked, the rest is drag (Wir werden alle nackt geboren, der Rest ist Drag/Verkleidung) ist ein relativ bekannter Ausspruch der amerikanischen Dragqueen RuPaul. Wenn es jedoch so einfach wäre und sich diese pseudo-weisen Worte als Grundsatz der Geschlechterkultur durchgesetzt hätten, dann wären die letzten Wochen in der österreichischen Medienlandschaft deutlich entspannter gewesen. Leider ist es aber noch immer so, dass viele, und unter ihnen in der Community einst zutiefst respektierte Menschen, der Meinung sind, das biologische Geschlecht bedinge alles.

Wenn ich mir die bunte Mischung von Gäst*innen mittwochs beim LesBiFem-Abend anschaue, bin ich sehr froh darüber, dass diese Frauen und nicht-binären Personen ein ganz anderes Bild darstellen. Am Mittwoch vereinen sich die unterschiedlichsten Darstellung und Performances, die in irgendeiner Weise mit Frau und/oder lesbisch sein in Verbindung stehen: Das Bild der Butch mit kurzen Haaren und „Männer“-Klamotten, die langhaarigen It-Girls, bei denen einem die fetten Markennamen auf den Klamotten mehr ins Gesicht springen als alles andere, die Unauffälligen, die auf der Straße oft als hetero gelesen werden, die Punks und Hippies, und alle, die in keine Kategorie so recht reinpassen. Jede* sagt mit dem eigenen Aussehen etwas aus, und keine* davon könnte man auf ein lesbisches oder weibliches Stereotyp reduzieren – und das ist auch gut so!

Wie man auch im Jahr 2022 noch auf die Idee kommen kann, dass es notwendig sei, Menschen aufgrund eines vermeintlichen biologischen Geschlechts in Kategorien zu stecken und diese dann politisch nutzen zu wollen, ist mir schleierhaft. Die LesBiFem-Gruppe schaut auf eine (als Lesbengruppe teils) durchwachsene aber doch trans-inklusive Geschichte, und die aktuellen Gäst*innen zeigen, dass eine Aufspaltung in biologische Geschlechter (unabhängig davon, dass es eine Vielzahl von Varianten der Geschlechtsmerkmale gibt) weder gewünscht noch sinnhaft ist. Die vereinende Erfahrung der Besuchenden des LesBiFem-Abends ist geprägt von den patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft, die oft in verschiedene Formen von Gewalt münden. Wir brauchen im Angesicht dieser Zustände keine Vereinzelung, damit jede* mit ihrer Erfahrung allein bleibt. Was wir sehr wohl brauchen, ist einander mit Solidarität zu begegnen und das gemeinsame, empathievolle Führen von Kämpfen – und nicht zuletzt Community-Räume, in denen auch der Spaß im Vordergrund stehen kann. Eine Drag Show am LesBiFem-Abend ist deshalb auch ein längst überfälliges Projekt. ♕

Von Lisa Hermanns

LesBiFem*referentin HOSI Wien (Foto: © Marie Dvorzak)