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Jugendstil

Queeres Jugendzentrum ohne doppelten Boden?

Die Lücke von der niemand wissen will?

„Reicht da nicht ein Bücherregal“ – Diese Frage, oder vergleichbare, wurde uns oft gestellt, als wir im Krisenjahr 2020 im Zuge unserer IDAHOBIT-Kampagne lautstark ein queeres Jugendzentrum forderten. Die bestehenden Jugendzentren seien doch alle bereits Schutzräume für benachteiligte Gruppen wie uns: junge LGBTIQ-Personen. Es gäbe bereits Aktionen und Fortbildungen zum Themenkomplex Geschlecht, und über die Regenbogenparade habe man auch schon mal gesprochen. 

Wer allerdings zu unserem Donnerstagabend im Gugg kommt, erlebt ein anderes Bild. Immer wieder kommen Jugendliche von eben diesen Jugendzentren, weil sie dort denjenigen begegnen, vor denen sie eigentlich außerhalb der Schule flüchten wollen. Die bestehenden Jugendzentren sind natürlicherweise eine Spiegelung der Gesellschaft, die solche Jugendzentren erst notwendig machen. Familien, die nicht die Privilegien haben sich neben der Erwerbsarbeit Vollzeit um ihre Kinder zu kümmern, Platzmangel, Einsamkeit, Diskriminierung auf der einen oder anderen Ebene. Da ist es klar, warum auch innerhalb der Jugendzentren nicht immer alles unbeschwert ist. Genau das sollen sie aber leisten. Es gibt zum Glück uns, Ehrenamtliche, die in ihrer Freizeit unbezahlt Jugendabende organisieren, bei denen junge queere Menschen bis inklusive 28 an einem Abend die Woche Gleichgesinnte treffen, Fragen stellen und einfach sie selbst sein dürfen, ohne Angst angegriffen zu werden. Das ist zwar schon super, aber wir können es nicht leisten in diesem Kontext teils 12-jährige intensiv über mehrere Tage in der Woche zu betreuen. Dieser Bedarf ist aber da! Sie kommen zu uns, weil sie keinen anderen Platz haben, wo sie hingehen können ohne Angst zu haben, sich verstellen zu müssen, wo zur Abwechslung mal nicht nur ihre Queerness im Vordergrund steht. 

Ein Missverständnis, welches gerade bei vielen Menschen besteht, die nicht Teil der LGBTIQ-Community sind, oder die in ihrer Jugend gar nicht geglaubt haben, dass es irgendwann mal möglich sein wird einen Raum wie den QYVIE Jugendabend zu haben, ist die scheinbare “Sexualisierung immer jüngerer Kinder”, vor Allem bezogen auf Bildung zum Thema Homosexualität. Untersuchungen zeigen jedoch, das Alter des ersten sexuellen Kontakts ist nicht signifikant gesunken in den letzten zwei Jahrzehnten. Verändert hat sich jedoch der Zugang zu Wissen. Gerade transgeschlechtliche Personen berichten immer wieder, dass sie bereits im frühen Kindesalter sicher waren trans* zu sein, jedoch aufgrund von äußeren Einflüssen lange Probleme hatten, sich selbst zu akzeptieren oder nach Hilfe zu fragen. Das führt bei einsetzender Pubertät mitunter zu unwiderruflichen Veränderungen des Körpers und dadurch auch zu psychischen Belastungen. 

All diesen spezifischen Herausforderungen kann sich ein Jugendzentrum “für alle Jugendlichen” einfach nicht in notwendigem Ausmaß stellen. Was junge Menschen brauchen, ist Sicherheit und Stabilität, die sie vielleicht zu Hause oder in der Schule nicht immer finden. Gerade solche, die von außen signalisiert bekommen, dass sie nicht so ganz reinpassen, weil sie LGBTIQ sind, oder sich dahingehend noch nicht so ganz sicher sind. 

Selbstverständlich freuen wir uns auch weiterhin, die QYVIE-Abende am Donnerstag, gemeinsame Workshops, Hilfe und Beratung, etc. anzubieten, der Bedarf ist in jedem Fall da! Wir freuen uns aber auch über die Möglichkeit in einem offenen, coolen, queeren Jugendzentrum Angebote für unsere diverse Community zu haben, damit sich einzelne Buchstaben des Regenbogens je nach Bedarf austauschen können, und trotzdem mal unter sich sein können. Es wirkt sehr heilend, zum Beispiel mal nicht die einzige bisexuelle Person im Raum  zu sein. 

Es ist wichtig sich nochmal vor Augen zu führen, wie dringend dieses queere Jugendzentrum benötigt wird. Wie in anderen Bereichen war die Pandemie, was häusliche Diskriminierung und andere Gewalt angeht, ein Brandbeschleuniger. Viele waren mit den Menschen ihrer Familie oder Wohngemeinschaft eingesperrt, die sie nicht vollständig akzeptieren, manche mussten sogar zurück zu ihren Eltern ziehen, die sie mit Mühe und Not durch einen Lohnjob haben verlassen können. Die mentale Gesundheit darf auch hier keine Geldfrage sein. 

Aber denken wir mal weiter in die Zukunft, es ist … sagen wir das Jahr 2024, wir haben nun das langersehnte queere Jugendzentrum, es läuft super, Alle haben sich eingespielt, es kommen junge queere Menschen in Scharen, davon ist momentan ja auszugehen, und folgender Fall tritt ein: “Ich bin 12, trans*, und möchte psychologische Beratung.”, oder “Ich bin 15 und brauche einen Schlafplatz, weil ich mich bei meinen Eltern als lesbisch geoutet habe und rausgeworfen wurde.”, oder “Ich bin verrückt nach Fußball, werde aber beim Vereinssport ausgeschlossen, weil ich schwul bin und weiß jetzt nicht wohin.” 

In einem utopisch angelegten queeren Jugendzentrum, mit bestens ausgebildeten Sozialarbeitenden, super öffentlicher Anbindung, und weiteren tollsten Eigenschaften, wohin schicke ich die Jugendlichen, für die es in Wien keine Anlaufstelle gibt? Ein queeres Jugendzentrum muss sich natürlich mit den bestehenden Angeboten der Stadt und der LGBTIQ-Community vernetzen, wissen wer was anbietet, wo es welche Ressourcen gibt, nur was nützt das ohne ein größer gedachtes Netzwerk an bedarfsorientierten Angeboten? Wir denken viel, nur eben nicht genug. 

In den Köpfen vieler Menschen stecken schreckliche Bilder der Aidskrise, Staaten die Homosexuelle hinrichten, und sie fragen sich was in Österreich noch benötigt wird, da wir doch scheinbar alles Mögliche erreicht haben, was es für die Regenbogencommunity zu erreichen gibt, doch das ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich! Selbst heute ist die Suizidrate unter queeren Jugendlichen signifikant höher als die heterosexueller cisgeschlechtlicher, selbst heute werden Jugendliche von Stelle zu Stelle weitergereicht, weil die Stadt Wien kein Notfallwohnprojekt für junge queere Menschen hat, und die medizinische Versorgung von transidenten Jugendlichen, sowohl physische als auch psychische, ist noch immer mehr ein Hobby weniger Mediziner*innen statt Bestandteil der Grundausbildung, das trifft auch intergeschlechtliche hart. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. 

Es braucht noch viel Arbeit, Geld und strukturelle Veränderung, bis ein im Wiener Gemeinderat bereits beschlossenes queeres Jugendzentrum effizient arbeiten kann. Denn zu einer wirklichen Veränderung kann das Jugendzentrum nur beitragen; sollte es dabei allein bleiben, wäre das für unsere Community fatal. Wir wollen nicht immer nur vertröstet werden, sondern echte Hilfe!

Von Mo Blau

HOSI Wien Coming-Out-Team, transgender Referat (Foto: © Marie Dvorzak)