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Editorial

Lieber eine reflektierte als eine separierte Welt

In den 70er und 80er Jahren haben Feministinnen in aller Welt Frauen-only Kommunen gegründet, weil sie sich in ihrem Leben möglichst nicht mehr dem Kontakt mit Männern und der damit einhergehenden Unterdrückung in einer patriarchalen Gesellschaft aussetzen wollten. Auch der Begriff „politische Lesbe“ stammt aus dieser Zeit, in der einige (wenige) Feministinnen Frauen aufriefen, lesbisch zu werden oder für sich das Zölibat zu wählen, um keine Beziehung mit Vertretern des Patriarchats einzugehen. Für diese Feministinnen war eine Welt ohne Männer nicht nur vorstellbar, sondern einige haben sie sich, soweit möglich, selbst geschaffen.

Während diese Bewegung sicher als eine extreme Reaktion auf das Patriarchat und seine Vertreter gesehen werden kann, wird diese feministische Utopie, zumindest im Scherz bzw. aus Ärger über die Auswirkungen des Patriarchats auch heute noch als Wunsch geäußert. Nicht selten hat die Autorin sich augenverdrehend eine Welt ohne Männer gewünscht, wenn sich beispielsweise die Diskussionen im Vorstand der HOSI mal wieder im Kreise drehen, weil die männlichen Mitglieder einander das Wort reden und sich auch dann gegenseitig wiederholen, wenn eindeutig feststeht, dass sie zum jeweiligen Thema keine Expertise vorzuweisen haben.

Aber ist es wirklich der Wunsch nach einer Welt ohne Männer, der da zeitvergessen durch den Kopf wandert, oder geht es nicht vielmehr um eine Welt mit anderen Männern, in mancher Hinsicht besseren gar?

Mir persönlich jedenfalls ist der Gedanke eigentlich zuwider, gänzlich sektiererisch zu agieren. Zwar braucht es Schutzräume wie die LesBiFem-Gruppe (im übrigen auch für andere Gruppen der Community!), aber politisch wie sozial würden wir uns keinen Gefallen tun, wenn wir nicht die Zusammenarbeit mit allen Gruppen der Community anstrebten.

Was also macht die Pride-Utopie aus? Aus feministischer Sicht selbstredend das Ziel der Gleichberechtigung aller Geschlechter auf allen Ebenen. Dazu gehört jedoch, und das ist eines der größten Missverständnisse am Feminismus, nicht die Gleichmachung aller Menschen. Auch die Abschaffung von Geschlecht als Kategorie ist nur in kleinen Splittergruppen des Queer-Feminismus ein Überzeugungsziel. Wenn für alle alles gleich wäre, ist aus feministischer Perspektive nichts gewonnen. Denn so sehr es wünschenswert wäre, dass alle Menschen, aber insbesondere Männer, ihr eigenes Sozialverhalten reflektierten und antrainierte Mechanismen, wie zu allem eine Meinung zu haben und diese auch unbedingt äußern zu müssen, zu ändern, so wird dieser Wunsch nie dazu führen, dass alle das gleiche von sich geben. Denn Meinungen sind ja trotzdem erwünscht, und im besten Fall sehr hilfreich! Wenn diese aber mehr auf Wissen und weniger auf Meinung basieren würden, wären viele Diskussionen deutlich weniger anstrengend…

Das Oberthema dieser Ausgabe, Pride-Utopien, könnte implizieren, dass es für unsere Community in all ihrer Vielfalt eine einheitliche utopische Gesellschaftsvision gäbe. Dass dies vermutlich nicht der Fall ist, wird niemanden überraschen. Bevor nun aber Separatismus ausbricht und sich jeder Buchstabe des queeren Alphabets ein eigenes Stück Utopie ausdenkt, sollten wir uns einander zuwenden, auf allen Seiten mit der Bereitschaft, etwas dazuzulernen, und mit der Offenheit, uns selbst zu reflektieren. So können wir ein bisschen Utopie miteinander schaffen.

Von Lisa Hermanns

LesBiFem*referentin HOSI Wien
(Foto: © Marie Dvorzak)