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Editorial

Sprachliche Inklusion soll Weg zum gemeinsamen feministischen Kampf ebnen

Queere Frauen haben viele Gründe zusammen zu stehen und gemeinsam zu kämpfen. Gegen das Patriarchat, dessen Strukturen uns unterdrücken und das so viele Menschen (inklusive viele Männer) an einem freien und selbstbestimmten Leben hindert. Und trotzdem kommt es immer wieder zu Zerwürfnissen zwischen queeren Frauen, wie zum Beispiel in diesem Jahr über das Lesbenfrühlingstreffen, das seit 1974 an jährlich wechselnden Orten in Europa stattfindet. Bei Streitigkeiten zwischen Lesben bzw. queeren Frauen und Feministinnen unterschiedlicher Richtungen geht es oft um die vermeintliche Problematik der Inklusion von trans* Frauen. Beim Lesbenfrühlingstreffen 2021 ist es mal wieder eine der ältesten Institutionen für lesbische Frauen, die sich nicht mit Ruhm bekleckert hat, sondern vermutlich den ersten Stich für ihr eigenes Grab getan hat: Es wurde über, aber nicht mit trans* Frauen gesprochen, da als Referentinnen nur cis Frauen eingeladen waren. Für die allermeisten modernen queeren Frauen und Feministinnen stellt sich die Frage, ob trans* Frauen in lesbische und/oder feministische Räume gehören, aber erst gar nicht, sondern ihre Inklusion ist eine Selbstverständlichkeit.

Natürlich kann man respektvoll, sachlich und an einem ehrlichen Fortschritt für ALLE vom Patriarchat betroffenen Personen interessiert diskutieren, was die Inklusion von trans* Frauen für das politische Subjekt „Frau“ (so es sie denn in dieser Verallgemeinerung gibt) bedeutet. Natürlich machen trans* Frauen andere Erfahrungen als cis Frauen, genau wie lesbische Frauen (egal ob trans* oder cis) andere Erfahrungen machen als Heteras. Diese unterschiedlichen Erfahrungen anzuerkennen darf aber nie eine Vereinzelung unserer Kämpfe bedeuten. Gerade die Vielfalt an Erfahrungen muss unsere Stärke im Kampf gegen das Patriarchat sein – denn je mehr Erfahrungen wir anerkennen und einbeziehen, desto größer die Kraft unserer Bewegung.

Im L.Mag (Ausgabe Juli/August 2021), dem einzigen deutschsprachigen Lesben-Magazin, kontert eine der Organisatorinnen des Lesbenfrühlingstreffens den Vorwurf der Transfeindlichkeit, indem sie behauptet, Kritik an Lesbenprojekten ohne Sternchen sei frauenfeindlich, auch weil diese Kritik oft härter ausfällt als Kritik an schwulen Projekten ohne Sternchen. Meiner Ansicht nach sind das Problem aber nicht Projekte ohne Sternchen, sondern der Umgang dieser mit trans* Personen. Auch macht die Vehemenz der Kritik an lesbischen Projekten im Vergleich zu schwulen Projekten die Kritik nicht frauenfeindlich – sondern der Ausschluss von (binären) trans* Frauen aus lesbischen Projekten ist frauenfeindlich.

Im Sinne der Bündelung unserer Kräfte und Erfahrungen gegen das Patriarchat müssen wir einen inklusiven Zugang schaffen, und hier ist das Thema Sprache besonders wichtig. Oft reden wir aneinander vorbei, übereinander statt miteinander. Wen heißen wir bei unseren Veranstaltungen willkommen? Wen denken wir mit? Und wen schließen wir aus? Gegenseitiger Respekt ist nicht verhandelbar und muss auch in unserer Art zu sprechen und zu schreiben sichtbar sein. Es geht nicht darum, immer perfekt zu sein. Immer alle anzusprechen, die gemeint sind, ist eine Kunst. Aber es geht um das Bemühen, niemanden auszuschließen oder gar zu ignorieren. Das ist auch mein Anspruch an die Lesben*gruppe: Im feministischen Sinne bemüht, alle vom Patriarchat betroffenen Personen einzuladen, und gleichzeitig ein Raum bleiben für Frauen und Weiblichkeit in all ihren Formen. Eines bleibt aber nicht verhandelbar: Trans* Frauen ihr Frausein abzuerkennen, ist frauenfeindlich. Und gegen Frauenfeindlichkeit müssen wir kämpfen, egal in welchem Kontext und insbesondere in unserem eigenen Umfeld.

Von Lisa Hermanns

Lesben*referentin HOSI Wien (Foto: © Marie Dvorzak)