Mit dreizehn Jahren sagte die Autorin Sophie Herrndorf zu sich: „Entweder werde ich Nonne oder lesbisch“. Sie entschied sich für Zweiteres. Heute hat sie eine Partnerin und eine Tochter. Ihr neuer Roman thematisiert lesbische Mutterschaft, queere Lebensentwürfe und die Zerreißprobe zwischen Verantwortung und Selbstverwirklichung. Das Buch wird aus der Perspektive von zwei Frauen erzählt, deren Leben von gesellschaftlichen Erwartungen geprägt ist. Beide Frauen lieben die Freiheit. Sie stehen aber vor schmerzhaften Entscheidungen. Toni ist lesbisch und die Mutter von Henni. Sie hadert teilweise mit der Rolle als Mutter und sehnt sich nach ihrem aufregenden Job als Kriegsfotografin. Dann gibt es Chris, die als Journalistin arbeitet und kurz vor einem Auslandseinsatz steht. Schließlich erfährt sie, dass ihre Mutter schwer krank ist. Chris soll sich nun um ihre Mutter kümmern. Am Sterbebett blickt sie auf eine schwierige Kindheit zurück. Ihr Vater war abwesend und die Mutter traumatisiert. Immer wieder hörte sie als Kind von der Mutter den Satz: „Sei eine gute Tochter“. Als Erwachsene geht Chris in Therapie. Ihre Therapeutin sagt, sie solle tief durchatmen, wenn sie wütend sei. Ihr inneres Kind sei aktiv, ihr Schattenkind reagiere, weil es nie verwunden habe, dass es nicht bedingungslos geliebt worden sei. In der Zeit des Abschiedsnehmens von der Mutter begegnet sie Steph. Jetzt erfährt Chris echte Nähe. Steph hatte sich zunächst als lesbisch geoutet. Das zweite Outing als Transmann war härter. In dem Roman geht es um Fragen wie: Muss jemand eigenen Pläne opfern, um für eine sterbende Mutter oder ein Kind da zu sein? Wie kann die Ambivalenz zwischen Verantwortung und Selbstbestimmung gelöst werden? Wie sieht ein erfülltes Leben aus?
Sophie Herrndorf: Gehen wollen, bleiben sollen. Querverlag, Berlin 2026.
