In meinem letzten Artikel habe ich erwähnt, dass Gender Fluidity noch recht unsichtbar ist und es relativ mühsam ist, dazu Literatur zu finden, auch in einem queeren Space. Natürlich habe ich mich nicht davon entmutigen lassen und blieb weiterhin auf der Suche und, siehe da, bin sogar fündig geworden. Hier sind drei Bücher, die ich euch nicht vorenthalten möchte – sie sind vollgepackt mit persönlichen Lebensgeschichten, Entdeckungsanekdoten zur eigenen fluiden Identität, unterschiedlichen kulturellen Sichtweisen (u.a. Kanada, USA, Australien, England) und und und. Durch diese drei (Auto)Biografien wird schnell deutlich, wie anders das Aufwachsen und die alltäglichen Herausforderungen von genderfluiden Personen gegenüber anderen queeren Menschengruppen sind.
Das erste Buch, das ich empfehlen kann, ist „A Two-Spirit Journey“ von Ma-nee Chacaby. Oft hört man ja, dass „queer sein“ ein neuer Trend ist. Tatsächlich findet man aber eine Art von Gender Fluidity bereits zur Zeit vor der Kolonialisierung bei den Native Americans und First Nations. „Two Spirit“ Menschen sind Personen, die Eigenschaften von zwei Geschlechtern (Mann und Frau) innehaben. Man kann daher gut nachvollziehen, woher der Bezug zur Gender Fluidity kommt. Bei Two Spirit Personen sind jedoch, anders als bei genderfluiden Personen, oft spirituelle soziale Rollen damit verbunden. Aufpassen muss man daher auf folgendes: Beanspruchen nicht-indigene Menschen die Two Spirit Identität für sich, läuft man Gefahr, sich der kulturellen Aneignung schuldig zu machen. Es gibt genug andere Bezeichnungen, die man stattdessen verwenden kann, wie zum Beispiel Bigender. Aber zurück zum Buch: darin geht es um ein* Two Spirit Ojibwa-Cree Ältest* und die Reise, die es manchmal braucht, bis man sich eingestehen kann, wer man wirklich ist. Nebenbei lernt man auch allerhand über die heutige indigene Gesellschaft in Amerika, das Leben mit einer Beeinträchtigung und Frauengeschichte – weitere Pluspunkte. (Trigger-Warnung: Sucht, häusliche und sexuelle Gewalt, Rassismus und Queerphobie).

Ein weiteres genderfluides Buch, das ich empfehlen kann, ist abermals eine Autobiografie: „Caught in the Act“ von Shane Jenek (alias Drag Queen Courtney Act). Shane Jenek (er/sie) ist in Australien aufgewachsen und genderfluid. Die Stellen, die über Kindheit und Jugend erzählen, sind der Grund, weshalb ich dieses Buch empfehle; sie beschreiben Momente, die viele genderfluide Personen kennen: das Gefühl zwischen verschiedenen Geschlechtergruppen in der Schule hin- und hergerissen zu sein; das zwei unterschiedliche Kleiderschränke Haben; das ewige Grübeln warum man sich „nicht entscheiden kann“ etc. Selten habe ich so ein Buch gelesen, das widerspiegelt, wie das Aufwachsen und die Gedankengänge einer genderfluiden Person sind. (Trigger-Warnung: Homophobie, Misogynie und Drogenkonsum).

Meine letzte Buchempfehlung ist die gutrecherchierte Biographie „Fanny and Stella“ von Neil McKenna. Es handelt von zwei Personen – eine davon, Stella alias Ernest Boulton, ist sehr wahrscheinlich genderfluid gewesen. „Wahrscheinlich“, da es zu der Zeit (viktorianisches Zeitalter) noch nicht die Begrifflichkeit dazu gegeben hat. Stellas/Ernests Kampf, innerhalb der Gesellschaft weder als Mann noch als Frau akzeptiert zu werden, zieht sich durch das ganze Buch hindurch: entweder wird sie als Frau zusammengeschlagen, da angenommen wird, dass Stella ein Mann ist und sich als Frau verkleidet, oder er wird als Mann aus der Gesellschaft der Männern ausgeschlossen, da angenommen wird, dass Ernest eine Frau ist und sich als Mann verkleidet. Das nie ganz einem Geschlecht gerecht Werden; nie ganz dazu zu gehören; die Ängste und teilweise auch die Einsamkeit, die dadurch entstehen, liegen nahe an der Lebensrealität vieler genderfluiden Menschen – auch noch heute. (Trigger-Warnung: Queer- und Transphobie und sexuelle Gewalt).
Vielleicht lassen sich ja einige von euch auf ein Leseabenteuer mit einem dieser Bücher ein. Jedenfalls: viel Spaß beim Lesen und Entdecken!
