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Exotische = erotische Abenteuer?

Wenn die Person zum Objekt der Begierde wird

„It’s not gay, I’m non-binary, bro!“ „Das ist nicht schwul, Ich bin nicht-binär, Kumpel!“ – ist der Text zu einem Meme, in dem sich zwei muskulöse Menschen erotisch umschlungen ihren Gelüsten hingeben. Nun sind Witze, die erklärt werden müssen, wie wir alle wissen, nur selten lustig. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle für den Kontext kurz erklären was hier gemeint ist: Dieser Witz spielt mit der Angst vieler cis-Männer und -Frauen, bei einem sexuellen Kontakt mit demselben Geschlecht als homosexuell „gebrandmarkt“ zu werden. Gleichzeitig impliziert er, dass nicht-binäre Geschlechtsidentität durch bloße Behauptung zustande kommt und wir sie uns je nach Laune überstülpen können. Okay, ich gebe zu, das wurde jetzt wirklich schnell eher traurig als lustig. Aber vielleicht fällt es mir auch schwer über Transphobie zu lachen, weil ich selbst betroffen bin.

Gehen wir jetzt mal von einer ganz anderen Situation aus: Menschen die explizit nach trans* Personen suchen. Das klingt doch super…nach all den Malen die ich abgelehnt wurde, weil ich bestimmten eingeschränkten Idealen von cis-Personen nicht entsprechen konnte, sucht da jemand nach…mir!?

Warte mal! Was bedeutet das eigentlich? Ist das die positive Bestätigung, nach der ich so lange gesucht habe, nachdem in vielen Onlineprofilen und auch im echten Leben Leute eher ablehnend gegenüber trans-Personen sind? Wir sollten einen zweiten Blick drauf werfen. Denn auch hier gibt es zuerst schwer erkennbare Implikationen; wie stehen Aussage und Inhalt zueinander? Es macht einen Unterschied, wenn eine trans*Person nach einer trans*Person sucht, oder besser gesagt, aus welchen Gründen. Hier geht es darum jemanden zu finden, der die gleichen Dinge wie man selbst durchmacht, also versteht. Nicht selten zielen die Anmachsprüche von cis-Personen jedoch auf die trans*­Identität ab, also Dinge wie „du bist doch nicht-binär, wie exotisch muss wohl der Sex mit dir sein?!“, oder „are you a chick with dick? I like that!“ („bist du ein Mädel mit nem Schwanz? Das mag ich!“). Hier geht es nicht darum einer Person Komplimente zu machen, dieses Individuum kennenzulernen oder einen Körper in individueller Weise sexuell anziehend zu finden, es geht um das trans-Sein an sich. Einen Haken hinter „ich habe mit einer nicht-binären Person geschlafen“ machen. Ein ganz persönliches Kabinett der Kuriositäten ansammeln.

Es mag vielleicht manchmal so wirken, aber wir sind nicht kurios, nicht exotisch, keine Zootiere. Zumindest nicht mehr als andere Menschen.

Gegen ehrliche Attraktion ist nichts einzuwenden, jedoch sollte ein Mensch nicht auf ein einziges Merkmal reduziert werden, das dann zum einzig begehrens­werten an einem degradiert wird. Besonders häufig tritt dieses Phänomen bei trans*Personen auf, die sich so präsentieren, dass es vom Großteil der Gesellschaft als weiblich gelesen wird. Der Mann jagt, das Weib wird gejagt. Es gibt sogar einen Begriff dafür: „trans chaser“. Das können dann sowohl binäre, wie auch nicht-binäre trans*Personen sein. So differenziert sehen es die meisten trans chaser gar nicht. Sie fetischisieren das trans-Sein als solches, zu ihrer eigenen Befriedigung. Die Individuen dahinter verschwimmen, der Mensch wird zur Sache, fast wie ein Sexspielzeug und Gebrauchsgegenstand.

Es kommt einem vor, als ob die Kämpfe des Feminismus, früher und auch noch heute, gar nicht so unähnlich mit denen von uns nicht-binären Personen sind: Wir wollen als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft gesehen werden, unsere Anliegen sollen gehört werden und diese Anliegen sollen genauso viel Wert haben, wie die von anderen. Auch wir wollen frei über unsere Beziehungen entscheiden können, nicht fremdbestimmt sein, nicht objektifiziert werden, nicht zum Fremden stilisiert werden. Zu dem kommt etwas, das in der Homosexuellenbewegung ganz ähnlich ist: wir wollen kein Geheimnis sein und keines sein müssen. Wir sind nicht weniger wichtig, weil wir nicht binär sind.

Nur geteiltes Recht ist wahres Recht. Das gilt sowohl im Schlafzimmer, als auch in allen anderen Bereichen des Lebens. Wir mögen selbst Fetische haben, jedoch nicht der Fetisch an sich sein!

Von Mo Blau

HOSI Wien Coming-Out-Team, transgender Referat (Foto: © Marie Dvorzak)