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Gewalt hat viele Gesichter

Wenn wir über Gewalt sprechen, denken viele zunächst an körperliche Übergriffe. Gewalt kann aber sehr unterschiedliche Formen annehmen und sie kommt in allen Altersgruppen, sozialen Schichten und kulturellen und religiösen Gruppen vor. Auch in einem Verein können Menschen Gewalt oder Diskriminierung erfahren. Deshalb ist es wichtig, hinzuschauen, zuzuhören und Grenzüberschreitungen ernst zu nehmen.

Physische Gewalt ist die unmittelbar sichtbare Form: Schlagen, Treten, Stoßen oder gewaltsames Festhalten gehören dazu. Daneben gibt es psychische oder seelische Gewalt. Sie kann ebenso verletzend sein, auch wenn keine körperlichen Spuren zurückbleiben. Einschüchterung, Drohungen, Demütigungen, Anschreien, Verleumdungen oder wiederholte Ausgrenzung können das Selbstbewusstsein und Wohlbefinden eines Menschen erheblich beeinträchtigen und verletzen, genauso wie körperliche Gewalt.

Auch finanzielle Gewalt ist eine Form der psychischen Gewalt. Sie kann bspw. vorkommen, wenn die finanzielle Lage einer Person für den eigenen Vorteil ausgenutzt wird, indem der Person bspw. ein Schlafplatz oder eine Mahlzeit im Austausch gegen sexuelle Gefälligkeiten angeboten wird. Sie kann aber auch in Beziehungen vorkommen, wenn ein*e Partner*in durch finanzielle Kontrolle Macht ausübt.

Eine besondere Form ist spirituelle Gewalt. Sie entsteht, wenn geistliche oder religiöse Autorität missbraucht wird, um Druck auszuüben, Abhängigkeiten zu schaffen oder anderen Menschen bestimmte Handlungen als vermeintlich „göttlichen Willen“ aufzuzwingen.

Besonders sensibel ist der Bereich der sexualisierten Gewalt. Dabei wird ein Macht- oder Abhängigkeitsverhältnis ausgenutzt, um sexuelle Handlungen zu erzwingen oder Grenzen zu überschreiten. Sexualisierte Gewalt kann mit oder ohne Körperkontakt stattfinden und umfasst sowohl versuchte als auch vollendete Übergriffe. Bei Kindern und Jugendlichen kommt hinzu, dass sie aufgrund ihres Entwicklungsstandes sexuellen Handlungen mit Erwachsenen nicht wissentlich zustimmen können. Unabhängig vom Alter spielen auch das Gefälle an Macht, Autorität und Durchsetzungsvermögen zwischen Täter*in und Opfer eine Rolle.

Diskriminierung ist ebenfalls Gewalt

Neben Gewalt, die sich unmittelbar gegen einzelne Menschen richtet, gibt es strukturelle Diskriminierung, also Diskriminierung aufgrund von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Menschen werden dabei aufgrund ihrer (vermeintlichen) Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe abgewertet oder benachteiligt. Queere Menschen erfahren regelmäßig Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und/oder Geschlechts­iden­tität durch die heteronormative Dominanz­ge­sell­schaft.

Weitere Formen von struktureller Diskriminierung sind:

  • Rassismus: Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe bzw. einer angenommenen Herkunft/Nationalität/ethnischen Zugehörigkeit gegenüber Schwarzen Menschen und People of Colour. Rassismus beinhaltet u. a. auch die Vorstellung, dass diese Merkmale eine Ordnung in der Gesellschaft vorgeben, z. B. dass weiße Menschen mehr wert seien als andere.
  • Sexismus: Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, Sexualisierung aufgrund des Geschlechts.
  • Ableismus (Behindertenfeindlichkeit): Diskriminierung von Menschen mit körperlichen und/oder psychischen Einschränkungen oder Lernschwierigkeiten
  • Ageism (Altersdiskriminierung): Diskriminierung aufgrund des (zu niedrigen/zu hohen) Alters
  • Klassismus: Diskriminierung aufgrund eines angenommenen oder vermeintlichen sozialen und/oder finanziellen Status. Hier spielen sowohl finanzielle Ressourcen als auch kulturelle Bildung, aber auch Faktoren wie Benehmen und Interessen eine Rolle in der Bewertung der „Klassenzugehörigkeit“.
  • Diskriminierung aufgrund der Religion oder Weltanschauung: Auch hier geht es um gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, also die Herabsetzung aufgrund der (angenommenen) Zugehörigkeit zu einer Religion/Weltanschauung, wie bspw. Islamfeindlichkeit.
  • Antisemitismus: Vorurteile gegenüber und Ablehnung von Jüdinnen*Juden gemäß der Arbeitsdefinition der IHRA, die insbesondere angesichts der österreichischen und europäischen Geschichte, aber auch aufgrund verschiedenster politischer und religiöser Strömungen in unserer Zeit relevant sind.

Menschen können mehrfach von struktureller Diskriminierung betroffen sein. Das nennt man intersektionale Diskriminierung.

Von Lisa Hermanns

Generalsekretärin
Vienna Pride Sekretärin
HOSI Wien
(Foto: © Marie Dvorzak)