Ich hatte mich immer gefragt, warum Frauen bei Partner*innen bleiben, die sie schlagen. Und habe mir immer geschworen, dass ich gehe, sobald jemand die Hand gegen mich erhebt.
Sie hat mich nie geschlagen oder körperlich bedroht. Und trotzdem ging ich bereits nach wenigen Monaten Beziehung nicht mehr aus dem Haus, stellte nach und nach den Kontakt zu meinen Freund*innen ein und kapselte mich von meiner Familie ab. Wie war es dazu gekommen?
Als ich C. kennenlernte, war ich schon länger unglücklich single und mein Selbstwert im Keller. Ich traf sie in einer Bar und hatte schon nach kurzer Zeit Schmetterlinge im Bauch. Wir redeten den ganzen Abend und die halbe Nacht hindurch. Noch am selben Abend küssten wir uns das erste Mal. Von da an schrieb sie mir jeden Tag und wollte mich in jeder freien Minute sehen. Sie brachte mir Blumen mit, machte mir reichlich Komplimente und las mir auch im Bett jeden Wunsch von den Augen ab. Da ich gerade aus meiner WG ausziehen musste, bot sie mir an, bei ihr zu übernachten und half mir bei der Wohnungssuche. Sie begleitete mich zu Besichtigungsterminen, half mir beim Umzug, schenkte mir sogar eine Waschmaschine und einen Staubsauger, strich meine neue Wohnung komplett aus. Nach bereits zwei Wochen sagte sie mir, wie sehr sie mich liebte, wie wundervoll ich sei. Ich war wie high, voller Zuneigung, und wurde darin förmlich ertränkt. Es schien zu schön, um wahr zu sein.
Als wir von meiner neuen Wohnung sprachen, begann C. immer öfter von unserer neuen Wohnung zu sprechen. Ich dachte zuerst, es sei ein Missverständnis. Schließlich hatten wir nie darüber gesprochen und kannten uns erst ein paar Wochen. Aber sie hatte so viel für die Wohnung gekauft und getan, dass ich bereits ein schlechtes Gewissen hatte. Nachdem sie so viel für mich getan hatte… konnte ich sie da wirklich abweisen? Ich schob mein mulmiges Gefühl zur Seite.
Und warum auch nicht? Die gemeinsame Zeit war großartig. Sie kochte jeden Abend groß für mich, sagte mir immer wieder, wie wunderschön ich sei, und schrieb mir schon in der Arbeit, dass sie mich vermisse. Jeden Morgen brachte sie mir Kaffee ans Bett, küsste meine Hände und dann auch mich innig, bevor sie ging. Was wünscht man sich mehr?
Es fing früh an zu kippen. Sie beschwerte sich, dass ich nicht Bescheid gab, sobald ich in der Arbeit oder zu Hause angekommen war. Zuerst versuchte ich mich zu wehren, mir war das viel zu viel und es stresste mich. Aber wie der stete Tropfen den Stein höhlt, fing sie immer wieder davon an und begründete es mit Sorgen, mir könnte etwas passiert sein. Sie marodierte langsam und allmählich mein ohnehin nur schwaches Nein.
Wenn sie sich doch Sorgen machte? In Beziehungen muss man doch Kompromisse eingehen, oder? Außerdem hatte sie mir früh viel von ihrer schwierigen Kindheit und massiven körperlichen Misshandlungen erzählt. Wie wenig Liebe sie als Kind bekommen hatte. Wie schwer ihr es deswegen fiel, an Liebe zu glauben und zu vertrauen. Wenn ich nicht schrieb, fragte sie, ob sie mir nicht wichtig genug sei oder ob ich sie nicht genug liebte. Ich wollte ihr zeigen, dass das nicht so war, und versuchte, mich anzupassen.
Als das erste Mal ein Termin in der Arbeit unerwartet länger dauerte und ich mich nicht melden konnte, bombardierte sie mich mit Nachrichten. Ohne Ankündigung holte sie mich von der Arbeit ab und schimpfte wütend darüber, wie lange ich sie hatte warten lassen. Ich war komplett verwirrt und versuchte mich zu erklären. Sie warf mir nur vor, ein Workaholic zu sein, und dass mir die Arbeit wichtiger sei als sie und unsere Beziehung. Auf der Fahrt nach Hause strafte sie mich mit eisigem Schweigen, antwortete nicht und reagierte auf nichts, was ich sagte. Als ich zu Hause versuchte, ihre Hand oder Schulter zu berühren, wich sie mir aus. Sie tat so, als wäre ich Luft. Mir wurde eiskalt, es schnürte mir den Hals zu, mein Herz raste und die Angst schoss mir kalt durch die Adern. Ich war wie erstarrt. Während sie rasch einschlief, lag ich die ganze Nacht wach. Das Hoch der Anfangsphase war wie weggeblasen.
Am nächsten Morgen war mir klar, dass das, was passiert war, nicht normal gewesen war. Aber sie sprach davon, wie überfordert sie gewesen war, wie gekränkt und verletzt, dass sie nicht wusste, wie sie anders mit der Situation hätte umgehen sollen. Ich erklärte, wie es mir dadurch gegangen war. Sie hörte zu. Entschuldigte sich. Beteuerte wieder ihre innige Liebe. Dass sie sich bessern wollte. Es wurde schlimmer statt besser.
Das erste Mal, dass sie explodierte, kam für mich völlig unerwartet. Wir sprachen über ihre Tochter. Sie hatte mir erzählt, dass sie in ihrer vorherigen Beziehung kaum noch bei ihrer Tochter übernachtet hatte, weil es deswegen immer wieder Streit gegeben hatte. Für mich war selbstverständlich, dass sie Zeit mit ihrer Tochter verbringen sollte. Als sie daher erzählte, ihre Tochter am Wochenende zu besuchen, und darüber nachdachte, dort zu übernachten, bestärkte ich sie darin.
Ihre Reaktion traf mich völlig unvorbereitet. Sie wurde wütend und tobte. In Wahrheit wolle ich sie wohl loswerden. Ich wolle wohl keine Zeit mit ihr verbringen. Ich würde sie nicht genug lieben, wolle vielleicht selbst woanders schlafen oder sogar fremdgehen. Ich versuchte immer wieder zu erklären, wie ich es gemeint hatte, aber nichts davon kam bei ihr an. Der Streit eskalierte und plötzlich drohte sie damit, ihre Sachen zu packen und zu gehen.
Ich erstarrte, geriet regelrecht in Panik, fing an zu weinen, entschuldigte mich immer wieder. Vielleicht war das, was ich gesagt hatte, ja tatsächlich nicht Ok gewesen? Es brachte nichts. Sie ging.
Zehn Minuten später stand sie wieder vor der Tür, fiel mir tränenüberströmt um den Hals und entschuldigte sich. Sie erklärte ihre Reaktion mit ihrer Kindheit und ihrer letzten Beziehung, in der ihre Ex so streitsüchtig gewesen sei und bei der sie sich nie sicher und geliebt gefühlt habe. Ich sei jedenfalls die Erste, mit der sie so eine Verbundenheit spüre. Sie wisse selbst nicht, was da gerade mit ihr los gewesen sei.
Bereits zwei Monate, nachdem ich sie kennengelernt hatte, schaffte ich es nicht einmal mehr spontan mit Freund*innen zu einem Open-Air-Konzert zu gehen. Sie bombardierte mich mit Nachrichten. Ich versuchte, sie zu ignorieren und den Abend zu genießen. Aber während ich dort war, war ich völlig angespannt, erstarrt und mein Herz raste. Nach nur einer Stunde verabschiedete ich mich wieder und eilte nach Hause. Wo trotzdem der nächste Streit auf mich wartete. Nicht zum ersten Mal saß C. betrunken und weinend am Küchenboden, warf mir vor, dass ich sie nicht liebte und sie mir egal wäre. Dann warf sie mir vor, dass ich sie betrogen hätte. Das Ganze eskalierte derart, dass ich keinen Ausweg mehr sah, außer ihr anzubieten, dass sie mein Handy durchsuchen könne, was sie schließlich auch tat. Von da an traute ich mich kaum noch, Freund*innen oder Familie von der Beziehung zu erzählen.
In der folgenden Zeit wurde das zu einem wiederkehrenden Muster. Auf Streit, Trennungsdrohungen und stundenlanger Kälte folgten Entschuldigungen, Liebesbeteuerungen und besonders intensive Nähe. Und jedes Mal trat danach nur eins ein: tiefe Erleichterung. Weil der massive Stress, unter dem ich gestanden hatte, plötzlich nachließ. Natürlich war mir bereits längst klar, dass ich in einer Beziehung steckte, die mir überhaupt nicht guttat. Aber genauso wie man weiß, dass es nicht gesund ist, sich eine Zigarette anzuzünden, lechzt man doch ständig nach dem nächsten Kick Nikotin.
Warum ich nicht gegangen bin?
Weil ich vor der Beziehung unglücklich war und ein geringes Selbstwertgefühl hatte.
Weil sie mir vor Augen geführt hatte, wie schön es sein könnte.
Weil die Kontrolle nicht plötzlich kam, sondern schleichend, bis ich kaum noch merkte, wie viel Freiheit ich aufgegeben hatte.
Weil ich Mitgefühl mit ihr hatte und dachte, dass man mit genug Liebe alles schaffen kann.
Weil ich geglaubt habe, ich müsse mich nur richtig verhalten, dann würde alles gut werden.
Weil ich mehr als alles andere geliebt werden wollte.
Beitrag von Sarah
Psychologin, große Schwester, Träumerin, Lesbe
