Gewalt in einer Beziehung kann jede Person treffen, unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung oder der Beziehungsform, wie zum Beispiel nicht-monogame Beziehungsformen. Dennoch können sich Gewalt- und Manipulationsdynamiken in queeren Beziehungen unter bestimmten Bedingungen anders zeigen als in heterosexuellen Beziehungen. Gesellschaftliche Vorurteile oder die geringere Sichtbarkeit bestimmter Beziehungskonstellationen können beeinflussen, wie Gewalt entsteht, erkannt wird und welche Möglichkeiten Betroffene haben, Unterstützung zu finden. Niemals ist die betroffene Person daran schuld oder verantwortlich, wenn ein Mensch sie kontrolliert, manipuliert oder verletzt.
Narzissmus ist ein Begriff, der durch Social Media in den letzten Jahren weit verbreitet wurde. Nicht alles, was so bezeichnet wird, fällt auch wirklich unter eine krankhafte Form des Narzissmus. Denn letztendlich haben fast alle Menschen in der einen oder anderen Form narzisstische Verhaltensmuster und das ist auch gesund so. Schwierig wird es, wenn die Grenzen anderer Personen überschritten werden oder es zu Manipulationen kommt.
Die Schwierigkeit narzisstische Verhaltensweisen zu erkennen liegt daran, dass es viele unterschiedliche Formen gibt. Personen mit zum Beispiel grandiosem Narzissmus wirken im Auftreten sehr selbstbewusst, dominant, suchen nach Bewunderung und Status, reagieren auf Kritik oft mit Wut und der Abwertung anderer Menschen. Dem gegenüber steht der vulnerable/verdeckte Narzissmus, das sind Personen, die schüchtern oder unsicher wirken und unter wenig Selbstwert leiden. Auch sie können mit Kritik nicht gut umgehen, sind aber eher in der Opferrolle und passiv-agressiv. Im Großen und Ganzen haben narzisstische Personen kein gutes Selbstwertgefühl und keine stabile Persönlichkeit, sind selbstbezogen, manipulativ und oft wenig empathisch. Daher werden sie die Verantwortung für ihre Taten nicht übernehmen, sondern das Opfer verantwortlich machen.
Um dies ein wenig greifbarer zu machen, möchte ich hier Beispiele aus meiner Beratungspraxis bringen, welche erstens mit den betreffenden Personen abgesprochen sind und zweitens so verallgemeinert sind, dass keine Möglichkeit besteht, die Personen zu erkennen (Namen sind ebenfalls geändert). Es handelt sich hier um Personen, die in Beziehungen mit Menschen sind, die in unterschiedlichen Ausprägungen und Formen narzisstische Züge haben. Als psychosoziale Beraterin einerseits und andererseits, weil ich nur die betroffenen Personen kenne, kann ich die Verhaltensweisen beschreiben und die dahinterliegende Gewalt aufzeigen. Weder kann, noch möchte ich eine Ferndiagnose über die Beziehungspartner:innen stellen.
Häufig beginnen Beziehungen mit narzisstischen Personen mit dem sogenannten Love Bombing. Dies ist eine Strategie, um die andere Person an sich zu binden. Als Anna mit Claudia zu daten beginnt, denkt sie ihre Traumfrau kennen gelernt zu haben. Es fühlt sich wie eine Seelenverwandtschaft an, sie verbringen jede freie Minute miteinander. Nachdem Anna wieder einmal einen Abend mit einer Freundin verbringen möchte, reagiert Claudia gekränkt und beleidigt. Der Druck bringt Anna dazu, das Treffen abzusagen. Als sie einige Wochen später doch eine Freundin trifft, wird Claudia wütend und terrorisiert Anna am Telefon. Sie beginnt sie außerdem zu manipulieren und ihr einzureden, dass ihre Freundinnen nicht okay sind. Durch dieses Kontrollverhalten verliert Anna nach und nach ihren Freundeskreis. In dieser Phase der Beziehung kommt es immer öfter zur Abwertung von Anna durch Claudia. Sie kann ihr nichts mehr recht machen, Claudia ist eifersüchtig und möchte immer wieder Zugang zu ihrem Handy haben. In der Hoffnung, dass Claudia wieder die Person wird, die sie am Anfang der Beziehung, also in der Love Bombing-Phase war, passt sich Anna an und verbiegt sich immer mehr. Claudia sagt ihr, dass sie es nicht wagen solle, nach einer Trennung wieder ins Gugg zu gehen, weil sie, Claudia, dort hingehen wird. Das Gugg war vor der Beziehung der Safe Space von Anna. Um diesen nicht zu verlieren, bleibt sie länger als gewollt in der Beziehung. Die Kontrolle, die Eifersucht, die überschrittenen Grenzen, all das ist massive psychische Gewalt und darf bzw. muss auch so benannt werden.
Bei Michael, Stephan und Andreas sieht die Situation anders aus. Sie sind viel unterwegs und gelten nach außen als Traumkonstellation. Michael ist anfänglich Stolz darauf, so souverän und selbstbewusst wirkende Personen wie Stephan und Andreas zu daten. In der Beziehung selbst kommt es allerdings immer wieder zu physischer Gewalt durch Stephan. So schubst er Michael, der kleiner ist als er, einmal gegen die Wand oder schlägt neben seinem Kopf in die Mauer, als er seine Eifersucht nicht mehr unter Kontrolle hat. Als Michael Stephan und Andreas mit einer anderen Person im Darkroom sieht, obwohl diese nur aufs WC gehen wollten und dies nicht abgesprochen war, belügen die beiden Michael, der bald seinen eigenen Wahrnehmungen nicht mehr traut und nicht mehr sicher ist, was er gesehen hat. Als die drei zusammenziehen, in eine Wohnung, die über Michaels Budget liegt, üben sie finanzielle Gewalt aus, indem sie Michaels Ein- und Ausgaben kontrollieren und darauf achten, dass er keine Möglichkeit hat, etwas Anzusparen. Dadurch ist es für ihn schwieriger auszuziehen, als es für ihn nicht mehr erträglich ist in der Beziehung. Er hat auch Angst davor, sich zu trennen, weil er am Arbeitsplatz nicht geoutet ist und in einem Streit der Satz gefallen ist, Stephan würde ihn dort outen.
Grundsätzlich unterscheiden sich diese Beispiele nicht wesentlich von heterosexuellen Beziehungen mit Personen mit narzisstischen Anteilen. Jeder Mensch kann in so eine Beziehung rutschen, denn Personen mit narzisstischen Anteilen sind gut darin, diese zu verdecken. Die Phasen können von Monaten bis zu Jahrzehnten gehen. Nicht übersehen werden darf die Nachtrennungsgewalt.
Wie erkennt man narzisstische Verhaltensweisen? Ein Warnzeichen kann sein, dass du zunehmend das Gefühl hast, aufpassen zu müssen, was du sagst, mit wem du Kontakt hast oder wie du dich verhältst, damit die andere Person nicht wütend, beleidigt oder bestrafend reagiert. Eine weitere Dynamik kann sein, dass dir deine Wahrnehmung wiederholt abgesprochen wird und du immer mehr das Gefühl hast, dir nicht mehr vertrauen zu können (Gaslighting). Du musst auch nicht wissen, ob die andere Person eine echte Narzist:in ist. Es reicht, wenn du dich unwohl fühlst, deine Grenzen wiederholt überschritten werden und deine Beziehung kein sicherer Ort ist.
Während in heterosexuellen Beziehungen traditionelle Geschlechterrollen bestimmte Machtmuster begünstigen und gesellschaftlich leichter verständlich machen (die in der Realität allerdings auch nicht immer greifen, weil nicht immer die männliche Person die Täterperson und umgekehrt nicht immer die weibliche Person die betroffene Person sein muss), greifen diese Bilder in queeren Beziehungen nicht. Daher ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass: Eine Frau eine andere Frau kontrollieren kann. Ein Mann von seinem männlichen Partner psychisch oder körperlich misshandelt werden kann. Nichtbinäre Menschen können Gewalt durch Partner:innen erleben. Und in polyamoren oder anderen nicht-monogamen Beziehungen kann ebenfalls Gewalt stattfinden.
Hilfe bei jeglicher Form von Gewalt in Beziehungen erhalten betroffene Personen bei der Polizei oder bei Beratungsstellen (z. B. Courage Wien, Frauen* beraten Frauen*, Männerberatung Wien). Für queere Personen kann das Rufen der Polizei jedoch schwierig sein, da sie möglicherweise bereits Diskriminierungserfahrung gemacht haben. Allerdings ist es nur der Polizei möglich, ein Betretungs- und Annäherungsverbot zu erwirken. Durch die Aufklärungsarbeit, die innerhalb der Polizei stattfindet, kann bereits am Telefon darum gebeten werden, eine sensibilisierte Person zu schicken; Garantie gibt es aber nicht.
Text von Regina Riebl
Psychosoziale Beraterin
