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Lasst uns wütend sein

Gewalt gegen lesbische* Frauen und nicht-binäre Personen ist keine Ausnahme. Sie ist auch in Österreich Alltag. Während über Gewalt gegen Frauen punktuell gesprochen wird und Hassverbrechen statistisch erfasst werden, bleiben viele queere Lebensrealitäten unsichtbar. Lesbische* Perspektiven werden mitgemeint und dadurch unsichtbar gemacht; nicht-binäre Personen tauchen oft gar nicht erst auf. Das betrifft nicht nur Studien, sondern auch politische Strategien. Dabei ist dieses Schweigen kein Zufall, denn es ist Teil eines Systems, das entscheidet, wessen Sicherheit zählt und wessen Lebensrealitäten Raum bekommen, und wessen nicht.

Dabei ist die Realität eindeutig. Laut Berichten zu Hassverbrechen in Österreich steigt queerfeindliche Gewalt seit Jahren an. Gleichzeitig zeigen Erfahrungen aus Beratungsstellen und Community-Strukturen, dass ein großer Teil der Übergriffe nie angezeigt wird. Aus Angst, nicht ernst genommen zu werden, aus Angst vor weiterer Diskriminierung und aus der Erfahrung heraus, dass keine Konsequenzen auf gemeldete Vorfälle folgen oder Täter nicht identifiziert werden (können). Wer queer lebt und liebt, entzieht sich einer Ordnung, die Frauen für Männer verfügbar machen will, und stellt die Grundlage dieser Ordnung infrage. Auch das provoziert Gewalt. Es geht nicht um einzelne Täter. Es geht um ein gesellschaftliches Klima, in dem diese Gewalt möglich und für viele sogar denkbar wird.

Die Angriffe selbst sind vielfältig: Sie reichen von alltäglichen Beleidigungen bis hin zu massiven körperlichen Übergriffen. Vom gezielten Outing über digitale Hetze bis hin zu sexualisierter Gewalt. Und sie passieren nicht im luftleeren Raum. Sie werden ermöglicht durch Institutionen, die nicht hinschauen, durch Behörden, die nicht ausreichend sensibilisiert sind, durch eine Öffentlichkeit, die Gewalt erst dann erkennt, wenn sie sich nicht mehr ignorieren lässt, und sie selbst dann noch in Frage stellt. Online wie offline vernetzen sich Männer in Räumen, in denen Frauenhass und Queerfeindlichkeit nicht nur reproduziert, sondern gezielt radikalisiert werden. In sogenannten Incel-Communities (Selbstbezeichnung heterosexueller Männer, die sexuell enthaltsam leben und Schuld daran Frauen*, Feminismus und der Gesellschaft geben; sie gruppieren sich v.a. in Internetforen und radikalisieren sich; sie sehen sich als Opfer) werden Gewaltfantasien normalisiert und wird der Anspruch formuliert, Zugriff auf Körper zu haben. Lesbische* Frauen werden dort explizit als Herausforderung gelesen, als etwas, das „gebrochen“ und „korrigiert“ werden müsse. Nicht-binäre Personen werden entmenschlicht und verspottet.

Dass diese Ideologien nicht im Digitalen bleiben, ist längst belegt. Fälle wie jener von Gisèle Pelicot haben sichtbar gemacht, wie organisiert und kollektiv sexualisierte Gewalt sein kann. Gisèle Pelicot ist durch ihren damaligen Ehemann und andere Täter (82 Angeklagte, 50 Verurteilte) über 10 Jahre lang Opfer von sexualisierter Gewalt geworden und setzte durch, dass der Strafprozess gegen diese öffentlich geführt wurde. Weiter zeigen journalistische Recherchen zu Chatgruppen, auch auf Plattformen wie Telegram, wie offen sich Männer über Vergewaltigung austauschen, wie Gewalt relativiert und normalisiert wird. Diese Räume sind keine Randphänomene. Sie sind Teil einer Realität, die konkrete Auswirkungen hat.

Für queere Frauen und nicht-binäre Personen verschärft sich diese Situation zusätzlich. Sie sind gleichzeitig Ziel von Misogynie und Queerfeindlichkeit. Sexualisierte Gewalt wird als „Korrektur“ gerechtfertigt. Identitäten werden abgesprochen. Körper werden kontrolliert. Das ist keine abstrakte Debatte. Das ist konkrete Gewalt. Und eine intersektionale Perspektive zeigt, dass diese Gewalt nicht alle gleich trifft. Queere People of Color sind zusätzlich rassistischer Gewalt ausgesetzt. Armut macht es schwerer, sich Schutz zu organisieren und kann Abhängigkeiten schaffen. Menschen mit Behinderungen stoßen auf weitere Barrieren und sind statistisch gesehen häufiger betroffen. Trans und nicht-binäre Personen sind besonders häufig betroffen und gleichzeitig am wenigsten sichtbar. Queere Eltern, die mit ihren Kindern gemeinsam unterwegs sind, sehen sich ebenfalls einem besonderen Risiko ausgesetzt, da sie natürlich ihre Kinder schützen möchten und müssen. Wer über Gewalt spricht und diese Ebenen ausblendet, versteht sie nicht.

Und trotzdem wird die Verantwortung immer wieder individualisiert. Betroffene sollen sich schützen, anpassen, vorsichtig sein. Sie sollen erklären, warum sie Angst haben. Sie sollen beweisen, dass ihre Erfahrungen real sind. Dabei sind die Konsequenzen konkret. Sichtbarkeit wird zur Risikoabwägung. Zuneigung im öffentlichen Raum wird zur Mutprobe. Der eigene Ausdruck wird angepasst, reduziert, versteckt. Das ist kein individuelles Problem. Es ist eine kollektive Einschränkung von Freiheit. Was fehlt, ist eine gesellschaftliche Wut darüber, dass diese Zustände überhaupt existieren und das Verständnis, dass sie durch die Verharmlosung von Gewalttaten und Rollenbildern in Medien weiter ermöglicht werden. Diese Wut ist notwendig. Nicht als Selbstzweck, sondern als politische Kraft. Solange Gewalt beschämt und verschwiegen wird, bleibt sie bestehen. Solange Betroffene das Gefühl haben, leise sein zu müssen, ändert sich nichts. Es reicht nicht, betroffen zu sein. Es braucht eine klare, laute, kollektive Antwort.

In Österreich bedeutet das auch, politische Verantwortung einzufordern. Es braucht Daten, die nicht-binäre Personen erfassen. Es braucht Gewaltschutz, der queer gedacht ist. Es braucht Polizei und Justiz, die nicht erst lernen müssen, dass queerfeindliche Gewalt existiert. Der Nationale Aktionsplan gegen Hass (siehe: https://hosiwien.at/nap-jetzt) muss umgesetzt werden und für Schutz sorgen, der bislang fehlt. Und es braucht Ressourcen für Community-Strukturen, die seit Jahren die Arbeit leisten, die staatliche Systeme nicht abdecken können oder wollen. Vor allem aber braucht es eine klare Benennung der Ursachen und einen Perspektivenwechsel. Diese Gewalt entsteht nicht zufällig. Sie wächst in einer Gesellschaft, die patriarchale Ansprüche, Heteronormativität und starre Geschlechterbilder immer noch reproduziert. Und in einer Gesellschaft, in der behauptet wird, dass bereits Gleichstellung erreicht wäre. Der Fokus darf nicht darauf liegen, wie wir uns schützen können, er muss auf der gesellschaftlichen Veränderung liegen. Gisèle Pelicot sagte: „Die Scham muss die Seite wechseln“, und zeigte unfassbare Stärke in ihrem Prozess und während der medialen Berichterstattung. Wir müssen weg von der Scham. Wir müssen hin zu Wut, Solidarität und Handlung. Denn nichts an dieser Situation ist hinnehmbar. Und nichts wird sich ändern, solange wir so tun, als wäre sie es.

Von Patricia Stromitzki

LesBiFem-Team
HOSI Wien