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Wie Therapie helfen kann

Als Psychotherapeut helfe ich Menschen, die Gewalt erlebt haben. Wegen der Verschwiegenheitspflicht darf ich nicht über meine Klient*innen erzählen. Daher möchte ich von meinen Gewalt­er­fah­rungen berichten – und wie ich mich davon befreit habe.

Ich bin schwul und habe eine Mehrfachbehinderung. Ich bin in einem kleinen Dorf auf dem Land aufgewachsen – zu einer Zeit, als es kein Internet gab. Gleichgeschlechtliche Liebe galt damals als verachtenswert und krankhaft. In der Schule wurde ich wegen meiner Behinderung gemobbt – nicht nur von Schüler*innen, sondern auch von Lehrer*innen. Keine Person hat mir dabei geholfen. Ich habe früh gelernt, dass ich schwierige Herausforderungen alleine bewältigen muss. Ich bemerkte in der Jugend, dass ich mich zu Männern hingezogen fühlte. Aus Angst vor weiteren Ausgrenzungen habe ich meine gleichgeschlechtliche Identität verschwiegen. Ich war einsam. Ich durfte nicht auffallen. Ich tat alles, um mich und meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Niemand sollte erfahren, dass ich schwul bin.

Meinen Eltern konnte ich mich nicht anvertrauen. Ich hatte vor ihnen Angst. Sie waren hart zu sich selbst und hart zu uns Kindern. Ich bin vom Vater verprügelt worden. Hatte ich einmal in der Schule schlechte Noten, war ich so verzweifelt, dass ich die Unterschrift meiner Eltern fälschte. Wenn die Eltern ein Fehlverhalten von mir bemerkten, hielten sie eine lange Standpauke. Dabei erstarrte ich innerlich vor Angst. Ich brachte kein Wort heraus, was meinen Vater noch wütender machte. Ich war wie gelähmt, konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Denn ich wusste, dass ich bald verprügelt werde. Das Gefühl, innerlich einzufrieren, ist ein automatischer Schutzmechanismus des Nervensystems, der bei einer Bedrohung oder bei einer starken Überforderung auftreten kann.

Alte Muster loslassen 

Als ich für das Studium nach Wien gegangen bin, wollte ich die Vergangenheit loslassen. Doch das hat nicht funktioniert. In bestimmten Situationen schaltete das Nervensystem auf das alte Muster um. Ich bin an der Universität in Prüfungssituationen erstarrt. Ähnlich erging es mir, wenn ich ein Referat halten oder vor einer Gruppe sprechen sollte. Ich wollte am liebsten unsichtbar sein. Ich tat mir mit Menschen schwer, die bei Diskussionen schnell laut werden. Auch in Freundschaften wich ich Konflikten aus. Ich klärte wichtige Herausforderungen zuerst für mich alleine, bevor ich mit meinen damaligen Freund*innen sprach.

Es gibt neben der Erstarrung noch andere Reaktionsmuster auf frühere Gewalterfahrungen und traumatische Erlebnisse. Dazu gehören etwa Alpträume, Flashbacks, Wut- oder Gefühlsausbrüche, Schlafstörungen, Gereiztheit, Konzentrationsstörungen, Schreckhaftigkeit. Nicht selten tritt auch ein Vermeidungsverhalten auf. Hier wird zwischen der inneren und äußeren Vermeidung unterschieden. Es können Gedanken, Gefühle oder Erinnerungen, die mit dem traumatischen Erlebnissen zu tun haben, gemieden werden. Beim äußeren Vermeidungsverhalten geht es um Orte, Personen, Gespräche oder Aktivitäten, die an das Trauma erinnern. 

Stabilisierung und Sicherheit 

Psychotherapie hat mir geholfen, aus meinen Mustern herauszukommen. Es war für mich anfangs nicht leicht, Hilfe anzunehmen. In der Therapie habe ich langsam meine Mobbing- und Gewalterfahrungen aufgearbeitet. Vereinfacht gesagt, verläuft eine Therapie bei traumatischen Erlebnissen in drei Phasen ab. In der ersten Phase stehen die Stabilisierung und die Sicherheit im Vordergrund. Die Therapie soll ein sicherer Ort sein. Dazu gehört der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu Therapeut*innen. Ich habe anfangs verschiedene Methoden zur Stressregulation ausprobiert wie Atemtechniken oder Imaginationsübungen. Kam ich in ein Erstarrungsmuster, waren körperliche Übungen hilfreich. Auch habe ich gelernt, wie ich schwierige Herausforderungen im Alltag bewältigen kann. Denn in einer Situation, die auf mich wie eine Bedrohung wirkte, schaltete das Nervensystem auf das alte Alarmsystem um. Mir wurde immer mehr bewusst, dass meine Erstarrungen mit dem früheren Trauma zusammenhängen und wenig mit der aktuellen Situation zu tun haben. Mein Freund ist nicht wie mein Vater. Er hat mich nicht verprügelt, sondern versuchte, auf mich einzugehen. Trotzdem schaltete mein Nervensystem bei gewissen Trigger-Momenten (wie laute Stimme und ein sich anbahnender Streit) automatisch in den alten Panikmodus.

Wenn Menschen sich stabil und sicher fühlen, folgt in der zweiten Phase die eigentliche Traumabearbeitung. Hier werden die belastenden Ergebnisse aus der Vergangenheit in einem kontrollierten und sicheren Rahmen besprochen und aufgearbeitet. Auch können fragmentierte Erinnerungen langsam zusammengefügt werden. Schritt für Schritt werden Situationen, die früher Angst gemacht haben, durchgegangen. Ziel ist es, die alte Erfahrung der Angst mit einer neuen Erfahrung der Sicherheit zu überschreiben. Auch können alle früher nicht zugelassenen Gefühle wie Wut, Schmerz und Trauer in einem sicheren Rahmen zugelassen und verarbeitet werden. Ich habe beispielsweise meine Wut auf die Menschen, die mir Gewalt angetan haben, ausgesprochen. Ich habe mir in der Therapie vorgestellt, wie ich meinen Vater anschreie und ihn mit seinem schädigenden Verhalten konfrontiere. Es gab in der Therapie Situationen, in denen mir die Erinnerungen zu heftig und zu viel wurden. Dann versuchte ich, mit Hilfe der erlernten Methoden in einen Zustand der inneren Sicherheit zu kommen. Auch alte und verzerrte Gedanken und Glaubenssätze (wie „Ich bin nirgends sicher“ – „Ich kann keiner Person vertrauen“ – „Ich muss alles mit mir alleine ausmachen“ – „Ich bin wenig wert“) wurden im Zuge der Therapie langsam korrigiert. Dafür ist es notwendig, dass keine Beziehungen zu Täter*innen bestehen.

Liebevolle Beziehung zu sich selbst 

In der dritten Phase der Therapie stehen die Integration der traumatischen Erfahrungen und eine Neuorientierung im Vordergrund. Die früheren Ereignisse werden langsam zu abgeschlossenen Teilen der Biografie und bestimmen nicht mehr so stark das gegenwärtige Leben. Ich kann meine eigenen Gefühle und Grenzen besser wahrnehmen und habe weniger Angst, diese auszusprechen. In der Neuorientierungsphase geht es darum, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen und das eigene Beziehungs- und Bindungsverhalten auf eine positive Weise zu verändern. 

Dazu gehört auch, eine liebevolle Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Nur wer lernt, sich selbst zu lieben, kann andere lieben. Von meinen Eltern habe ich keine Liebe bekommen. Somit musste ich lernen, mich selbst zu lieben. Eine Traumatherapie braucht Zeit und Geduld. Die Veränderungen geschehen meist nicht linear, sondern in Wellen. Bei mir hat es sich so angefühlt, dass ich zwei oder drei Schritte nach vorne gehe und dann erfolgte ein Schritt zurück. Denn es meldeten sich alte Muster. Doch auf lange Sicht sind die Rückschritte kleiner geworden. Auch wenn der Prozess nicht einfach war, hat es sich für mich gelohnt.

Von Christian Höller

Christian Höller ist Psychotherapeut und hat eine Praxis in Wien.