Gewaltschutz in der HOSI Wien
Ein Präventionskonzept ist nicht einfach ein Stück Papier, das sich ein Verein verordnet. Es ist ein lebendiges Dokument: Es gibt in schwierigen Situationen Orientierung, zeigt Handlungsmöglichkeiten auf und wirkt gleichzeitig präventiv.
Leider ist Gewalt in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Entsprechend unserem Leitbild wollen wir in unseren Räumlichkeiten und bei unseren Veranstaltungen bestmöglich dafür sorgen, dass niemand Gewalt oder Diskriminierung erfährt. Garantieren können wir einen vollständig gewalt- und diskriminierungsfreien Raum leider nicht. Präventionsarbeit kann aber dazu beitragen, die Hürden für Täter*innen zu erhöhen und Grenzverletzungen schneller sichtbar und ansprechbar zu machen. Und sie hilft uns dabei, in Krisensituationen nicht den Kopf zu verlieren, sondern schnell und im besten Sinne aller Betroffenen handeln zu können.
Die Ziele unserer Präventionsarbeit sind im Präventionskonzept klar definiert:
- Wir stärken queere Menschen im Allgemeinen und Jugendliche im Besonderen.
- Wir beziehen aktiv Position gegen (sexualisierte) Gewalt und Diskriminierung.
- Wir beugen Risiken vor und übernehmen angesichts der gesellschaftlichen Faktenlage Verantwortung.
- Wir sichern den Schutzraum, den wir schaffen.
- Wir sind uns als Verein über unsere Handlungsoptionen bei Verdachtsfällen und in Krisen im Klaren.
- Wir leben einen verantwortungsbewussten Umgang mit Nähe und Distanz. Insbesondere die ehrenamtlich aktiven Mitglieder übernehmen Verantwortung als Vorbilder für positive zwischenmenschliche Beziehungen.
- Wir professionalisieren unsere Arbeit und sichern diese ab.
Wir solidarisieren uns mit Betroffenen von Gewalt und Diskriminierung und schaffen Strukturen, die es ermöglichen, Vorfälle anzusprechen. Mit unserem Konzept sichern wir die Schutzräume, die wir bieten, weiter ab und beziehen klar Stellung gegen Gewalt und Diskriminierung. Dieser Anspruch gilt sowohl gegenüber den ehrenamtlich Engagierten und den Angestellten der HOSI als auch gegenüber allen Gäst*innen.
Wie unser Konzept entstanden ist
Das Gewaltschutzkonzept der HOSI Wien besteht aus drei Teilen: einem Präventionskonzept, einem Verhaltenskodex und einem Interventionsplan. Im September 2023 wurde es von der Generalversammlung einstimmig verabschiedet.
Bis dahin war es allerdings ein langer Weg. Ich habe zunächst eine Ausbildung zur Fachkraft für Prävention und Intervention absolviert. Anschließend haben sich die Menschen, die bei uns Verantwortung tragen, unter meiner Anleitung fast zwei Jahre lang mit Fragen des Gewaltschutzes auseinandergesetzt. In gemeinsamen Workshops haben wir intensiv darüber reflektiert, was unsere Verantwortung als Verein bedeutet.
Dazu gehörte auch, dass wir erstmals ausführlich und konkret über Standards gesprochen haben, die wir in unserer Arbeit mit queeren Menschen einhalten wollen. Solche gemeinsamen Standards sind ein wichtiges Werkzeug in der Prävention: Je genauer festgelegt ist, wie sich Teammitglieder in bestimmten Situationen verhalten sollen, desto leichter lässt sich auch konkretes Fehlverhalten ansprechen, ohne dass es ein persönlicher Angriff ist.
Standards geben Sicherheit
Ein Beispiel dafür sind unsere Standards für Beratungsgespräche. Wir bieten Beratungen auf Peer-to-Peer-Basis an, also auf Augenhöhe zwischen Menschen, die als queere Menschen schon viele Erfahrungen gesammelt haben, und anderen, die eher am Anfang ihres Findungsprozesses als queere Menschen stehen. Das bedeutet, dass allen Beteiligten bewusst ist, dass es sich nicht um eine professionelle Beratung handelt. Häufig finden diese Gespräche informell während der Gruppenabende statt, wenn beispielsweise konkrete Fragen zu queeren Rechten oder Coming-out-Erfahrungen in einer lockeren Tischrunde geteilt werden. Für vertrauliche Beratungsgespräche steht der „Salon Helga“ zur Verfügung.
Nach Möglichkeit soll ein Sechs-Augen-Setting angestrebt werden, also ein Gespräch mit zwei Teammitgliedern. Wenn dies nicht gewünscht wird, können auch Vier-Augen-Gespräche vereinbart werden, vorausgesetzt, sowohl die beratende als auch die Beratung suchende Person fühlen sich damit wohl.
Beratungsgespräche werden entweder an einem Tisch oder in der Beratungsecke (Sesselecke) geführt. Dabei wird auf ausreichende Beleuchtung geachtet. Das gewählte Setting trägt zu einer professionellen Distanz bei.
Eine Sorge, die Menschen häufig äußern, wenn ein Präventionskonzept erarbeitet wird, ist, dass dadurch alle unter einen Generalverdacht gestellt würden. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Der entscheidende Unterschied, den gemeinsam vereinbarte professionelle Standards machen, besteht darin, dass für alle Beteiligten klar ist, was erwartet wird. Auf dieser gemeinsamen Grundlage können Konsequenzen bei Fehlverhalten gezogen werden. Niemand muss aufgrund einer lediglich gefühlten oder unterschiedlich interpretierten Regelverletzung angegangen werden.
Nicht jede Grenzüberschreitung ist gleich schwer – aber jede verdient Aufmerksamkeit
Ob eine Handlung als verletzend oder grenzüberschreitend erlebt wird, hängt auch von den persönlichen Erfahrungen und der jeweiligen Situation ab. Deshalb steht die Wahrnehmung der betroffenen Person für uns im Mittelpunkt.
Wir unterscheiden zwischen Grenzverletzungen, Übergriffen und Straftaten: Eine Grenzverletzung kann unbeabsichtigt und einmalig passieren und sich beispielsweise in einem klärenden Gespräch zwischen den Beteiligten ausräumen lassen. Ein Übergriff geschieht dagegen bewusst und/oder wiederholt und kann unterschiedlich schwer sein. Oftmals ist es für die betroffene Person nicht möglich, die Situation allein mit der übergriffigen Person zu klären. Eine Straftat ist eine strafrechtlich relevante Handlung.
Bei Diskriminierung gilt für uns eine besondere Klarheit: Diskriminierende Äußerungen und Handlungen werden nicht geduldet. Dafür muss nicht erst eine betroffene Person Einspruch erheben. Entscheidend ist auch die Wirkung auf die betroffene Gruppe und die Tatsache, dass Menschen aufgrund eines Merkmals abgewertet oder stereotypisiert werden.
Gewaltschutz beginnt deshalb mit Aufmerksamkeit: Grenzen wahrnehmen, Betroffenen zuhören, Diskriminierung widersprechen und Verantwortung übernehmen.
Prävention ist nie „zu Ende“
Damit sich unsere ehrenamtlich Aktiven sowie neue ehrenamtliche Mitglieder regelmäßig mit Gewaltprävention beschäftigen können, ernennt der Vorstand der HOSI Wien nach jeder Generalversammlung zwei Präventionsbeauftragte. Diese müssen im Bereich Prävention ausgebildet sein. Sie sollten unterschiedlichen Geschlechts sein und nicht im gleichen Team arbeiten. Derzeit bekleiden Peter Funk und ich diese Funktion.
Als Präventionsbeauftragte organisieren wir einmal im Jahr unsere Basisschulung zur Gewaltprävention in der HOSI. An dieser müssen alle Ehrenamtlichen sowie Angestellten einmal teilnehmen. Nachdem wir seit der Verabschiedung des Gewaltschutzkonzepts bereits fleißig geschult haben, können wir nun auch vertiefende Workshops zu einzelnen Themenschwerpunkten entwickeln. So können alle am Thema Prävention dranbleiben und gleichzeitig Neues lernen.
Denn Prävention ist ein Thema, das niemals endgültig abgeschlossen ist. Durch neue Menschen und Teamzusammensetzungen, strukturelle Veränderungen im Verein und gesellschaftliche Entwicklungen ist es wichtig, immer wieder hinzuschauen: Haben wir alles im Blick? Und sind wir noch auf einer Wellenlänge was unsere Standards betrifft?
Unser Präventionskonzept kann uns nicht auf jede gewaltvolle Situation vorbereiten. Aber es gibt uns das notwendige Handwerkszeug, um flexibel und sensibel zu reagieren. Und es bietet gerade dann Sicherheit, wenn in schwierigen Situationen der klare Verstand einmal aussetzt.
Das Präventionskonzept der HOSI Wien findet ihr hier zum Nachlesen: https://hosiwien.at/assets/files/Praeventionskonzept_FINAL.pdf. Alle Vereinsmitglieder sind herzlich eingeladen, an unserer Basisschulung teilzunehmen. Schreibt uns gerne unter [email protected]!
