Konsens in BDSM
Sven: Möchtest Du Dich kurz vorstellen?
Violet: Ich bin Violet, Mitte 40, und seit Anfang 40 in der BDSM-Szene. Ich bin queer und würde mich als lesbisch bezeichnen. Ich spiele im BDSM auch mit Männern, also da bin ich genderoffen – und offen auch in vielen Rollen. Ich bin Switch, das bedeutet, ich bin je nach Gegenüber mal submissiv und mal dominant – auch ganz gerne mal sadistisch. Masochistisch bin ich nicht, aber trotzdem gehört Impact Play, also das Spiel mit dem Schmerzreiz, für mich dazu. Bondage mag ich passiv, also gefesselt werden.
Wir wollen uns heute hier über das Prinzip des Konsenses unterhalten, der Zustimmung und wie man das umsetzen soll in Bezug auf Sexualität, sexuelle Spielereien und BDSM-Situationen. Lange Zeit galt das Konzept: „Nur Nein heißt Nein, nichts zu sagen bedeutet Zustimmung“.
Das Problem daran ist, dass besonders weiblich sozialisierte Personen sich oft schwer tun, Nein zu sagen. Genauso kann es Personen passieren, natürlich auch bereits traumatisierten Personen, dass sie, wenn sie bedrängt werden, nicht Nein sagen können, weil der Körper die Situation als Gefahrensituation wahrnimmt und deshalb erstarrt oder einfriert. Das ist das Problem bei „Nur Nein heißt Nein“.
Es gibt ja auch das sogenannte „Date Raping“ – dass eine Person sich aufgrund des Dates verpflichtet fühlt, Sex zu haben.
Ganz klar, eine Einladung zum Essen und ein schönes Date verpflichten nicht zu Sex. Das ist gar keine Frage; egal was jemand für einen tut, man ist nie verpflichtet, etwas zurückzugeben. Aber der Punkt ist, dass Menschen oft dieses Gefühl haben: „Jetzt hat eine Person was für mich getan oder macht sogar Druck deshalb, jetzt MUSS ich etwas zurückgeben.“ Und das ist nicht wahr.
Und wie geht man mit Drogen- und Alkoholkonsum um? Wer hat eigentlich die Verantwortung in solchen Situationen?
Die Frage ist: Sind beide betrunken oder ist nur eine Person betrunken? Also, wenn eine Person nüchtern ist, dann hat definitiv die nüchterne Person die Verantwortung, Grenzen nicht zu überschreiten. Wenn beide betrunken sind, ist es eine sehr schwierig beantwortbare Frage.
Bis zu welchem Punkt kann man die Verantwortung für sich selber noch übernehmen? Manchmal kann man nicht mehr „Nein“ sagen. Wenn eine Person dann so viel getrunken hat, dass sie gar nicht mehr reagieren kann, dann ist es definitiv eine Vergewaltigung. Deswegen ist „Nein heißt Nein“ schwierig und es gilt inzwischen „Nur Ja heißt Ja“. Dann muss jede Person aktiv „Ja“ sagen. Das ist wichtig. Ich bin absolut dafür, dass es auch gesetzlich hingehen soll zu „Nur Ja heißt Ja“.
In der BDSM-Szene wird wenig getrunken und auch Drogenkonsum ist nicht gerne gesehen. Spiel und Alkohol verträgt sich eben nicht. Es gibt aber leider immer auch Ausnahmen.
Du spielst gerne. Spielen impliziert Spielregeln. Wie baust du deine Spiel-Dates auf?
Wenn ich mit einer Person das erste Mal spiele, dann wird verhandelt: Es wird besprochen, was sind die Dinge, die wir beide mögen, was können wir uns vorstellen und wo sind unsere Grenzen? Dann wird besprochen, was passieren darf – das heißt aber nicht, dass es passieren muss – und was eben nicht passieren darf. Niemals würde ich mit einer Person spielen, die sagt: „Du darfst alles mit mir machen.“. Jeder Mensch hat Grenzen und muss wissen, wo diese Grenzen liegen, und sie setzen können.
Und dann geht’s los, dann kann man spielen (lacht). Aber das heißt nicht, dass es nicht trotzdem noch Grenzen geben kann, wo man vielleicht im Vorhinein zugesagt hat. Deshalb checkt man regelmäßig bei der Person ein. Zum Beispiel beim Spanken, wenn eine Person die andere schlägt, dann kommt’s drauf an: Wie stark wird sie geschlagen? Ich frage nach: „Wie war jetzt dieser Schlag auf einer Skala von 1-10?“. Oder nach dem Ampelsystem: Grün ist alles in Ordnung, Orange bedeutet, die Person ist an ihrer Grenze. Bei Rot stoppe ich sofort, ist mir aber noch nicht passiert. Meistens sieht man als dominante Person schon davor anhand der Körpersprache, wie es der Person geht. Je besser man eine Person kennt, desto besser kann man dann auch die Körpersprache lesen. Man muss wissen, dass eine Person im Subspace, das ist eine Art Trance die passieren kann, nicht mehr „Nein“ sagen kann. Die dominante Person hat also sehr viel Verantwortung.
Bei einer langfristigen Spielpartnerschaft muss natürlich nicht jedes Mal neu verhandelt werden. Da gibt es dann schon viel Vertrauen, dennoch ist die Tagesverfassung ausschlaggebend, was an dem Tag möglich ist und was nicht. Da muss die dominante Person ebenso gut darauf achten.
Dann noch eine Frage. Wie ist das denn eigentlich mit dem Konzept der Gewalt, denn Gewalt ist ja sozusagen Teil von BDSM. Gibt es gute Gewalt?
Ich würde es nicht gute Gewalt nennen. Wenn es Spaß macht und der anderen Person etwas gibt, dann ist es eigentlich keine Gewalt, auch wenn es danach aussieht. Und es kann manchmal sehr heftig aussehen, wenn man anderen Personen in BDSM-Lokalen zusieht. Gewalt beginnt dort, wo eine Grenze überschritten wird, wenn etwas getan wird, was die andere Person nicht möchte oder nicht abgesprochen war. Psychisch oder physisch ist dann egal.
Die Erfahrung hat mir gezeigt, wenn man BDSM-Fantasien safe auslebt, sind sie fast langweilig (lacht). Weil du, wenn du mit der richtigen Person spielst, weißt, dass du sicher bist. Ich spiele zum Beispiel gern mit der Angst, ich mag dieses Gefühl, Angst zu haben. Aber in Wirklichkeit weiß ich, auch wenn ich nah an meine Grenze komme, wird mir nichts passieren, was meine Grenze überschreitet. Es gibt aber unterschiedliche Spielarten, seltener auch solche, wo Grenzüberschreitungen dazu gehören. Ich bin davon kein Fan.
Als submissive Person gibt man ja bewusst die Kontrolle ab.
Ja, es braucht viel Vertrauen. Die dominante Person hat Macht über einen, aber diese Macht ist nur geborgt. Wenn die submissive Person diese Macht wieder entzieht, dann hat die dominante Person nichts. Deshalb ist die starke Person immer die submissive Person. Was ja skurril ist, weil’s ja verkehrt wirkt. Aber eine dominante Person ist nichts ohne eine submissive Person.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich so etwas selbst ausdenkt. Wie lernt man das und trifft Leute aus der Szene?
Am besten man geht zu Stammtischen. Dort lernt man Leute kennen und man lernt, wie man sicher spielt. Im Internet gibt’s auch viel. Ich habe mir viel angelesen. Es gibt aber nicht „die eine richtige Art zu spielen“, sondern ganz viele unterschiedliche Möglichkeiten. Neben den individuellen Vorlieben und Wünschen beobachte ich große Generationsunterschiede.
Es gibt natürlich auch übergriffige Menschen. Das ist wie beim normalen Daten, da würde ich auch niemandem empfehlen, sich gleich in der Wohnung zu treffen. Lieber trifft man die Person im öffentlichen Raum und gibt einer befreundeten Person Bescheid, wo man wann ist. Wenn dann Spielinteresse besteht, gibt es die Möglichkeit in BDSM-Lokalen zu spielen, z. B. die Kammer mieten im SMart Cafe oder dem Atelier Mystique. Dort sind auch andere Personen, die im Notfall einschreiten können. Mayday ist ein bekanntes Safeword, wo alle Bescheid wissen. Erst wenn Vertrauen aufgebaut ist, würde ich nach Hause mitgehen.
Hast du durch die Erfahrungen mit der BDSM-Szene das Gefühl, dass du Situationen im realen Leben anders angehst?
Also tatsächlich habe ich „Nein-Sagen“ gelernt. Früher habe ich mir wegen meiner Sozialisation schwerer getan, Menschen einfach einen Korb zu geben. Da muss man freundlich und nett sein, so werden weiblich gelesene Personen sozialisiert. Inzwischen sag ich einfach, was ich will und was nicht. Ich bin auch im realen Leben dominanter geworden und habe mich – würde ich sagen – menschlich sehr weiterentwickelt.
Was ich noch sagen möchte: Ich finde Aufklärung über BDSM sehr wichtig, denn meine Erfahrung ist, dass Menschen, die ihre Fantasien nicht ausleben (können), einen riesigen Leidensdruck haben. Wenn sie diese Fantasien und Situationen in einem sicheren Rahmen ausleben können, dann fällt dieser Leidensdruck weg. Wenn man es aber nicht kann, weil z. B. die Partnerperson das nicht möchte oder man es sich nicht ausleben traut, dann wird’s zu etwas ganz Großem, weil es etwas Unerreichbares ist.
