Chemsex und sexuelle Übergriffe
Der Berliner Urs Gamsavar arbeitet mit Menschen, die sexualisierter Gewalt erlebt haben sowie mit Menschen, die selbst Grenzen überschritten. Und er leitet das neue Selbsthilfeprogramm „CheMP“ für Chemsex-Praktizierende (https://www.aidshilfe.de/de/chemp).
Wie definierst du Safe Spaces?
Ich spreche lieber von Safer Spaces oder Brave Spaces. Denn wir können keinen Ort versprechen, in dem nie etwas passieren wird. Vielmehr geht es um Räume, in denen man gemeinsam ein gutes Miteinander gestaltet und aushandelt. Das gilt auch für Orte, an denen Chemsex praktiziert wird. Sex ist immer ein Aushandlungsprozess, wir gestalten ihn aktiv. Deshalb können wir uns der Verantwortung in diesen Räumen nicht entziehen – unabhängig von Substanzkonsum.
Welche Fragen stellst du zu Chemsex und sexuellen Übergriffen?
Bei sexuellen Übergriffen und Gewalt wird grundsätzlich in Täter*in und betroffene Person unterschieden. Diese Unterteilung ist in vielfacher Hinsicht wichtig und richtig. Sexuelle Übergriffe passieren mit und ohne Konsum. Grenzen werden sowohl mutwillig als auch ohne entsprechende Absicht überschritten. Wichtige generelle Fragen sind z. B. Kenne ich meine Grenzen? Was macht mir Spaß ? Was möchte ich und was nicht? Bei Chemsex wird es komplexer und kommt als Frage z. B. dazu: Was passiert mit meinen Grenzen, wenn ich konsumiere? Es kann ja z. B. sein, dass eine sexuelle Handlung vereinbart wurde, sich das Erleben aber völlig anders anfühlt. Mit Konsum bin ich vielleicht nicht in der Lage, stopp zu sagen. Da spielen viele Faktoren zusammen.
Wie erlebst du Menschen, die Grenzen überschritten haben?
Auch hier gibt es eine große Bandbreite. Ich arbeite z. B. auch mit Menschen, die sich im Nachhinein fragen: War ich sexuell übergriffig? Manche erleben eine tiefe Erschütterung und wollen verstehen, was passiert ist. Was verändert sich bei mir, wenn ich konsumiere? Woher kommen bestimmte grenzverletzende Wünsche? Was kann ich tun, damit so etwas nicht wieder passiert?
Chemsex bringt viele unterschiedliche Faktoren zusammen. Natürlich müssen sexualisierte Gewalt und Verantwortlichkeiten klar benannt werden. Für die Beratungs- und therapeutische Arbeit ist es gleichzeitig wichtig, über eine reine Zuordnung von Täter- und Opferpositionen hinaus auf die Dynamiken zu schauen. Das bedeutet nicht, Gewalt zu relativieren, sondern Situationen differenzierter zu verstehen – um dadurch angemessen mit Grenzverletzungen und Verantwortung arbeiten zu können.
Welchen Support braucht es?
Es braucht Angebote auf allen Ebenen. Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, müssen gestärkt und unterstützt werden. Und es brauchen Menschen Unterstützung, die unsicher sind, ob sie Grenzen überschritten haben, oder die wissen, dass sie übergriffig waren und daran arbeiten wollen. Wir sollten sexueller Gewalt präventiv etwas entgegenstellen. Und Menschen nicht erst dann erreichen, wenn bereits etwas passiert ist.
Entwickeln sich neue Angebote?
Wir starten gerade ein Projekt namens CheMP. Es setzt auf Selbsthilfe und Empowerment und wird von Chemsex-erfahrenen Menschen erarbeitet. Sie wissen am besten, was Themen und Schwierigkeiten sind. CheMP wird Tools anbieten, mit denen sich Menschen selbst und gegenseitig stärken können. Auch Personen aus Österreich sind eingeladen mitzumachen.
Was kannst du zusätzlich empfehlen?
Ich empfehle z. B. den Berliner Online-Chemsex-Check (https://checkpoint-bln.de/chemsex-check/). Er hilft, sich mit eigenen Grenzen und der persönlichen „roten Linie“ beim Chemsex auseinanderzusetzen.
Und mein Tipp: Nehmt euch ein Herz und horcht in euch hinein: Wie zufrieden bin ich mit meinem Chemsex? Verschieben sich meine Grenzen? Worum geht es mir dabei? Ist Chemsex gerade das, was ich brauche?
Das sind keine einfachen Fragen Aber es geht darum, Bedürfnisse wahrzunehmen und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.
