Kategorien
Gesundheit Schwerpunkt

Reisen mit HIV

Strukturelle Gewalt an der Grenze macht kein Urlaubsgefühl

Für viele Menschen bedeutet der Sommer auch Urlaub und Reisezeit. Doch nicht für alle Menschen sind alle Reisen möglich. Für Menschen mit HIV gibt es viele Länder mit gesonderten Einreise- und Aufenthaltsbeschränkungen. Reisen mit HIV bedeutet daher auch, sich mit dieser Form der strukturellen Gewalt auseinanderzusetzen.

Die moderne HIV-Therapie ermöglicht Menschen mit HIV ein Leben mit guter Gesundheit und hoher Lebenserwartung. Dementsprechend kann das Leben ganz nach den eigenen Perspektiven gestaltet werden. Reisen, globale Mobilität und Urlaubsgefühl sind auch für viele Menschen mit HIV ein Bestandteil von Lebensqualität. Allerdings kann das Urlaubsgefühl an manchen Staatsgrenzen abrupt enden.

Dutzende Staaten haben gesonderte Einreise- und Aufenthaltsbeschränkungen für Menschen mit HIV. Einige Länder erlauben zwar kurzfristige Besuche für Tourist*innen mit HIV, verwehren jedoch längere Aufenthalte für Arbeit oder Studium. Andere Länder haben vollständige Einreiseverbote und es kann zu einer Ausweisung kommen, wenn der HIV-Status festgestellt wird.

Die Website „Positive Destination“ recherchiert (soweit möglich) und listet HIV-bezogene Reise- und Aufenthaltsbeschränkungen. Derzeit sind von 50 Staaten Restriktionen bekannt, die z. B. Einreiseverbote oder verpflichtende HIV-Tests beinhalten. Bei weiteren 68 Ländern ist die Lage nicht gänzlich geklärt und der Einsatz von Beschränkungen für Menschen mit HIV kann nicht abgeschätzt werden. Mit 83 der 201 gelisteten Staaten haben nur ca. 41% der Länder keine HIV-spezifischen Einreise- und Aufenthaltsregeln!

Oftmals begründen Regierungen die diesbezügliche Gesetzeslage damit, dass sie die öffentliche Gesundheit schützen müssten. Sie würden mit den Einreisebeschränkungen die Anzahl der Übertragungen innerhalb des Landes eingrenzen. Diese Aussage ist keinesfalls haltbar, sofern man biologische, medizinische und epidemiologische Fakten beachtet. Es werden lediglich Menschen pauschal als gefährlich abgestempelt und damit wird die Diskriminierung gegenüber der Bevölkerung mit HIV aufrechterhalten und verstärkt.

Stigmatisierungen dieser Art haben besonders tiefgreifende Auswirkungen. Es handelt sich um eine staatlich institutionalisierte und damit vollkommen legale und sozusagen gesetzlich vorgeschriebene Diskriminierung. In Anbetracht der potenziellen Auswirkungen kann man durchaus auch von struktureller Gewalt sprechen.

Denn es ist recht leicht, sich etwa zu überlegen, was solche Gesetzeslagen für Menschen bedeuten, die im jeweiligen Land selbst mit HIV leben oder einem höheren Risiko für HIV ausgesetzt sind. Ihre Möglichkeiten für Information, sich aktiv vor einer Infektion zu schützen, sowie für HIV-Tests oder auch eine HIV-Therapie – alle diese wichtigen Optionen sind wahrscheinlich drastisch eingeschränkt. Das wiederum gefährdet als direkte Konsequenz die Lebensqualität und Gesundheit der Menschen.

Und noch ein Resultat liegt auf der Hand: Diese Situation führt zu mehr HIV-Infektionen. Sie erreicht also genau das Gegenteil von dem, was die Regierungen als Begründung für die Gesetze vorschieben.

Das Thema „Reisen“ ist oft mit einem Urlaubsgefühl verbunden. Beim Thema „Reisen mit HIV“ hört das Urlaubsgefühl angesichts der bestehenden diskriminierenden Gesetzeslagen schnell auf. Und zwar auf beiden Seiten der jeweiligen Grenze.

https://www.positivedestinations.info/

Von Birgit Leichsenring

Mikrobiologin und biomed. Wissenschaftskommunikatorin (www.med-info.at)