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30 Jahre Regenbogenparade

Vielfalt organisieren
Persönlich, gemeinsam, jedes Jahr neu

Wenn wir heute an die Regenbogenparade denken, sehen wir nicht nur die bunten Bilder, die Musik und tausende Menschen auf der Straße.

Wir sehen unzählige organisatorische Momente dahinter: Abstimmungen, Planungstreffen, spontane Lösungen und dieses besondere Gefühl, wenn am Ende alles zusammenkommt.

Seit 30 Jahren gibt es die Regenbogenparade. Für viele ist sie ein fixer Bestandteil des Jahres, ein politisches Statement, ein Ort, an dem man sich zum ersten Mal wirklich gesehen fühlt. Für uns ist sie all das und gleichzeitig auch ein großes gemeinsames Projekt und ein Zusammenspiel, das nur funktioniert, weil sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen dafür einsetzen. Menschen mit Familie, mit und ohne Vorerfahrung. Menschen mit verschiedenen beruflichen Hintergründen und diversen Lebensrealitäten. Ein ehrenamtliches Organisationsteam, das in seiner Freizeit die größte Demonstration Österreichs organisiert.

Bei meiner ersten Regenbogenparade im Jahr 2013 spürte ich nicht nur die Größe oder die Stimmung, sondern vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der Vielfalt sichtbar wurde. Genau dieses Gefühl versuchen wir weiterzutragen.

Bereits in ihrer ersten Durchführung 1996 wurde die Regenbogenparade als fröhlicher Protest gedacht. 20.000–25.000 Menschen nahmen daran teil. Heute ist die Regenbogenparade weiterhin ein fröhlicher Protest. Der Andrang ist nur um das 15-fache höher, und mit über 300.000 protestierenden Menschen wird eine vielfältigere Community als jemals zuvor in den Fokus gerückt.

Karl, Orgateammitglied seit 2000 und seit mehreren Jahren Regenbogenparadenleitung
„Die Regenbogenparade hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr gewandelt. Mit der steigenden Teilnehmer*innenzahl kann sich die Community so vielfältig zeigen, wie sie ist, und ihre Forderungen nach Menschenrechten auf die Straße bringen.“

Christopher und Sarah beim Tanzen auf der großen Bühne (Foto: Vienna Pride)

Ein Team, das Vielfalt lebt

Wir erleben jeden Tag, wie vielfältig unser Organisationsteam ist. Und genau das ist unsere größte Stärke. Wir sind nicht nur lesbisch, schwul, bi+, inter und/oder trans. Familiendasein, Migrationshintergründe, Behinderungen und unsere verschiedenen Altersklassen prägen uns privat und auch innerhalb unserer Arbeit für die Regenbogenparade.

Diese Vielfalt führt oft zum Entstehen der besten Ideen. Es braucht unterschiedliche Blickwinkel, um eine Demonstration wie die Regenbogenparade zu organisieren, die möglichst viele Menschen anspricht.

Sarah, Teilnehmer*innen-Betreuung
„Es ist nicht immer einfach, die Familie, den Job und das Ehrenamt unter einen Hut zu bringen. Am Tag der Regenbogenparade dann Familien zu sehen, die ihren Kindern zeigen, dass Vielfalt etwas Wunderschönes ist, und für die Zukunft meines eigenen Kindes zu kämpfen, motiviert mich enorm, mich für die Regenbogenparade zu engagieren.“

Alicja, Infostandbetreuung
„Als Polin weiß ich, wie unterschiedlich es sich anfühlen kann, dazuzugehören. Gerade deshalb bedeutet mir die Arbeit bei der Regenbogenparade so viel. Hier wird Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern gefeiert. Für mich ist die Regenbogenparade ein Ort, an dem ich Hoffnung und Mut für uns alle spüre.“

Warum wir das machen

Unsere eigene Intersektionalität und unsere eigene Geschichte sind ein Motor für unsere Arbeit. Einige von uns werden oft gefragt, warum man so viel Zeit in die Organisation einer Parade steckt, die am Ende „nur“ ein paar Stunden dauert.

Die Antwort ist ganz einfach: Weil dieser eine Tag unglaublich viel bewirkt. Wir haben es selbst erlebt: das Versteckspiel der eigenen Identität, die Erfahrungen aufgrund von Mehrfachdiskriminierung und dann dieser eine Tag, wenn man zum ersten Mal, an einem Samstag im Juni, auf die Ringstraße geht und sieht: Es gibt tausende Menschen wie mich, und wir können ein glückliches Leben führen.

Diesen Platz und diesen Moment für Menschen zu schaffen, erzeugt in uns ein großes Glücksgefühl.

Mars, Ehrenamtlichenbetreuung
„Hier habe ich Menschen gefunden, die sich wie Familie anfühlen. Gemeinsam etwas so Großes zu schaffen, verbindet auf eine ganz besondere Weise. Und genau das macht diese Arbeit für mich so wertvoll.“

Und dann gibt es noch diesen einen Punkt, der bei Nachbesprechungen immer wieder genannt wird, wenn nach dem Highlight des vergangenen Paradentages gefragt wird: natürlich das Tanzen auf der großen Bühne am Rathausplatz zur Musik von DJ Nica und DJ Katie Kace. Denn dann ist dieser eine Moment da, wenn das ganze Team vergnügt und mit abgefallener Anspannung sich selbst und das Geleistete feiern darf. In diesem Moment blicken wir auf den Rathausplatz, der voller Menschen ist. Gleichzeitig werden auch wir gesehen. Und für einen Augenblick wird ganz greifbar, wofür wir die vielen Monate gearbeitet haben. Dieser Perspektivenwechsel vom Organisieren zum Erleben ist für viele von uns etwas ganz Besonderes.

Einige kleine Teams, die zusammen etwas ganz Großes schaffen: das Organisationsteam der Regenbogenparade, das Team der Stonewall GmbH und das Vienna-Pride-Gremium (unvollständig) (Foto: Vienna Pride)

Hinter den Kulissen: was es wirklich braucht

Die Regenbogenparade ist ein komplexes Projekt, das einige Monate an Planungszeit in Anspruch nimmt.

Schon bevor die letzte tanzende Person das Parkett des Regenbogenballs verlassen hat, beginnt die Planung der nächsten Regenbogenparade.

Laufende Abstimmungen mit den Behörden, das Fixieren von Securityfirmen, das Erstellen von Zeitplänen und das Überarbeiten von Vereinbarungen machen unser Frühjahr arbeitsintensiv.

Teilnehmende Gruppen werden ab März durch unzählige Mails von unserem Teilnehmer*innen-Betreuungsteam betreut und koordiniert.

Die Startzone wird geplant, ehrenamtliche Mitarbeiter*innen werden gesucht und betreut, Kommunikationspläne erarbeitet und minutengenaue Abläufe für die komplette Strecke am Ring erstellt.

Dazu braucht es auch einiges an Logistik, die natürlich geplant werden muss. Wer kann den Transportwagen fahren, und wo genau ist denn der Stapler abgestellt?

Natürlich soll es ein Gleichgewicht an Fuß- und motorisierten Gruppen im Paradenzug geben. Um das sicherzustellen und außerdem allen Gruppen die gleichen Voraussetzungen für ihren Platz innerhalb der Parade zu geben, machen wir eine Startnummernverlosung im Gugg.

In einer Zeit, in der die LGBTIQ-Community wieder ein größeres Ziel von Angriffen ist, ist eine enge Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden unumgänglich. An dieser Stelle ein Dankeschön an unseren Sicherheitskoordinator, die Behörden und alle, die dafür sorgen, dass wir in Sicherheit demonstrieren können.

Manuel, Teilnehmer*innen-Betreuung
„Ich habe ein paar Jahre bei einer kleineren Pride mitgearbeitet, und das war schon besonders. Aber hier an der Regenbogenparade mitzuwirken, ist eine ganz andere Dimension: Tausende Menschen, monatelange Planung und unzählige Hände, die alles möglich machen. Zu sehen, wie daraus am Ende die größte Demonstration des Landes entsteht, erfüllt mich jedes Mal mit Stolz und Gänsehaut.“

Warum die Parade weiterhin wichtig ist

Auch nach 30 Jahren ist die Regenbogenparade für uns kein „Selbstläufer“. Im Gegenteil: Gerade heute sehen wir, wie wichtig es ist, sichtbar zu bleiben.

Es gibt Fortschritte, keine Frage. Aber es gibt auch immer noch Herausforderungen, mit denen viele Menschen konfrontiert sind. Die Parade ist deshalb nicht nur ein Fest, sondern auch ein klares Zeichen: Wir sind da, wir sind viele, und wir stehen füreinander ein.

Ein Gedanke, der uns dabei oft begleitet, ist, dass Sichtbarkeit nicht nur für die Menschen wichtig ist, die teilnehmen, sondern auch für jene, die am Straßenrand stehen und zum ersten Mal sehen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist.

Gerade diese Wirkung nach außen wird oft unterschätzt. Die Regenbogenparade schafft Begegnung. Auch dort, wo es sonst vielleicht keine Berührungspunkte gibt.

Blick nach vorne

30 Jahre Regenbogenparade sind ein besonderer Moment. Für uns ist es aber kein Abschluss, vielmehr ein Zwischenschritt.

Wir überlegen im Team ständig, wie wir die Parade weiterentwickeln können: Wie erreichen wir noch mehr Menschen? Wie können wir noch inklusiver werden? Welche Themen müssen wir stärker sichtbar machen?

Dabei geht es nicht nur um Wachstum, sondern auch um Qualität: Wie schaffen wir es, die ursprüngliche Idee der Pride-Bewegung zu bewahren und gleichzeitig offen für Neues zu bleiben?

Die Parade muss ein Platz für die gesamte LGBTIQ-Community sein.

Regenbogenfamilien, trans Personen, die Fetisch-Community und alle anderen Gruppen innerhalb der Community müssen selbstverständlich dazugehören.

Ich wünsche mir, dass die Parade auch in Zukunft ein Ort bleibt, an dem sich Menschen willkommen fühlen. Unabhängig davon, wer sie sind oder woher sie kommen.

Und ich hoffe, dass auch in den nächsten 30 Jahren Menschen bereit sind, sich einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.

Denn am Ende ist die Regenbogenparade genau das: ein Gemeinschaftsprojekt.

Die Regenbogenparade ist nicht nur das, was man sieht, sondern vor allem das, was wir gemeinsam daraus machen.

Text von Michi Redlich

Teamleitung
Organisationsteam der Regenbogenparade

Von HOSI Wien

Artikel von HOSI Wien Arbeitsgruppen und Projekten.