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Zwischen Landstraße und Zukunft

Die Nachricht kam, wie solche Nachrichten damals kamen: durch Zufall, durch Flüstern, durch einen Zettel, den irgendwer mitnahm. Zwischen Landstraße und Zukunft. Ich war 18, die Matura gerade hinter mir, und irgendwie war diese Information zu mir durchgesickert: In Wien soll die erste Regenbogenparade stattfinden. Der erste lesbisch-schwule und transgender Festzug Österreichs. Unter dem Motto „SICHTBAR ’96“.

In meiner Schule, in meiner Heimatgemeinde bei Salzburg, war ich vollständig ungeoutet. Gefühlt als die Einzige am Land hatte ich schlicht nicht den Mut dazu gehabt. Nicht den Mut, nicht die Worte, nicht die Menschen, denen gegenüber das möglich gewesen wäre. Stattdessen: dieser eine Satz, der sich festgesetzt hatte. Wien. Ringstraße. 29. Juni 1996.

Ich schloss mich einer Reisegruppe aus Salzburg an. Eine kleine Truppe, die früh morgens in den Zug stieg, noch ehe der Tag richtig hell war, als würden wir gemeinsam etwas tun, das keinen Namen hatte und gerade deswegen so viel bedeutete.

Dann standen wir am Ring. Die Initiatorinnen und Initiatoren, Andreas Brunner, Hannes Sulzenbacher und ihre Mitstreiter, hatten bewusst die Ringstraße gewählt: sichtbar, wo einst Kaiser flanierten. Den Namen „Regenbogenparade“ hatte Mario Soldo erdacht, Szeneikone und erste Drag Queen Österreichs, weil „Christopher Street Day“ zu sperrig klang für das, was hier entstehen sollte.

Und wir zogen los. Von der Staatsoper bis zum Schottentor, in der Fahrtrichtung des Rings, vorbei an Parlament, Rathaus, Burgtheater. Noch nicht gegen den Strom, das kam erst 1997. Aber auch so, in dieser ersten Runde, spürte man: Das hier ist neu. Das hier bleibt.

Ich erinnere mich noch heute an die lesbische Volleyballgruppe. Sie tauchten wie aus dem Nichts auf, mit Leibchen, Lachen, Selbstverständlichkeit. Es gibt Sportgruppen! Das mag klein klingen, aber für mich war es ein Erschüttern. Der Gedanke, dass Menschen wie ich nicht nur existieren, sondern sich organisieren und trainieren wollen wie alle anderen, traf mich irgendwo, wo ich vorher nicht gewusst hatte, dass dort etwas war.

Ich wanderte nach vorne, wieder zurück, wieder nach vorne, als könnte ich mich in dieses neue Bild von Welt hineinspazieren. Die Farben, die Musik, die Plakate, der Mut auf all diesen Gesichtern. 25.000 Menschen an diesem Samstag, in einem Land, in dem Homosexualität erst 1971 von der Verbotsliste gestrichen worden war.

Irgendwann fand ich mich bei einem Truck aus Linz wieder. Eine Truppe Jugendlicher, ungefähr in meinem Alter. Wir tanzten, wir lachten, wir schrien Dinge in die Wiener Juniluft, die ich vorher nicht laut gesagt hatte. Freundschaften entstanden schnell, ohne Vorsicht, mit der ganzen aufgestauten Energie von Menschen, die endlich angekommen sind.

Im Laufe des Tages war eine Entscheidung gefallen: Ein Studium in Linz wäre großartig. Die Aufnahmeprüfung legte ich mit starkem Support meiner neuen Freundinnen und Freunde ab. Eine kleine Erinnerung hat sich eingebrannt: Erdbeeren mit Pfeffer und Balsamico am Schlossberg, vor uns die Stadt, meine neue Heimat. Der Geschmack von etwas, das sich anfühlte wie Anfang.

Dieses warme Willkommen war in der Folge der Grund, warum ich begann, mich selbst in der queeren Community zu engagieren. Wir stellten vieles zum ersten Mal auf die Beine: ein Sommercamp für queere Jugendliche, ein monatliches Frauenevent, Webseiten, Ausstellungen, ein Magazin. Der Hunger nach Sichtbarkeit ist, wenn er einmal geweckt ist, ist nicht mehr zu stillen.

Dieser Drive ist geblieben. In verschiedenen Städten, in verschiedenen Initiativen, in der Politik und heute wieder in Salzburg bei den Heublumen für queere Menschen am Land. Menschen, die vielleicht gerade irgendwo sitzen und noch nicht wissen, dass es eine Information gibt, die auf sie wartet. Zwischen Landstraße und Zukunft.

Text von Carola Zentara

Interim Stellvertretende Obperson von dem ländlichen queeren Verein Heublumen – LGBTQIA+ Initiative.
Carola engagiert sich seit Jahren in der queeren Community, in verschiedenen Städten, Initiativen und in der Politik. Nach 30 Jahren abseits der Heimat wohnt sie heute wieder in Salzburg, nah an den Menschen, für die es einmal keinen Raum gab.

Von Gastautor*in

Unter diesem Tag versammeln sich verschiedene Gastautor*innen der Lambda.