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Zwischen TikTok und Straße

Wie soziale Medien Community und Aktivismus verändern

Seit der ersten Regenbogenparade vor 30 Jahren hat sich die queere Community und ihr Aktivismus stark verändert. Viele junge Queers finden ihren ersten Anschluss heute nicht mehr auf der Straße oder in queeren Lokalen, sondern auf TikTok oder Instagram. Über Coming-out-Storytimes, Dating-Geschichten und queeren Memes entsteht ein Gefühl von Zugehörigkeit oft zuerst am Bildschirm. Während sich queere Spaces immer mehr ins Digitale verschieben, stellt sich die Frage, ob Social Media ausreicht, um echte Community aufzubauen.

Gerade für junge Queers kann Social Media einen wichtigen Raum bieten, in dem man* sich gesehen und gehört fühlt. Wer im eigenen Umfeld niemanden kennt, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat, findet online oft zum ersten Mal Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, dieselben Interessen haben, dieselben Unsicherheiten und Probleme teilen und darüber erzählen. Manche haben ihr erstes Coming-out im Internet – ich hab damals auch auf Reddit zum ersten Mal über meine eigene Queerness geschrieben. So entsteht das Gefühl: Ich bin nicht allein. Gleichzeitig verschwimmen bei queeren Creator*innen oft die Grenzen zwischen wirksamem Aktivismus, der reale Veränderungen anstrebt und performativem Aktionismus, der Queerness nur für Content, Ästhetik und Selbstzweck nutzt. Die Gefahr ist dann, dass Community nur in der Kommentarspalte stattfindet. Außerdem kann Social Media Einsamkeit fördern und das Gefühl verstärken, nichts gegen Queerfeindlichkeit und Missstände tun zu können.

Das ist auch ein Grund, warum Pride-Paraden und physische queere Räume trotzdem weiterhin wichtig bleiben. Denn egal wie vernetzt und verbunden wir online auch wirken, echte Gemeinschaft entsteht selten rein über den Bildschirm. Sie entsteht dort, wo Menschen sich real begegnen. Auf der Straße. In Jugendzentren. In Clubs, Cafés oder Lokalen. Hier wird Solidarität richtig spürbar und man* sieht, dass Gleichgesinnte auch bei sich in der Nähe leben. Nur sterben diese Spaces immer weiter aus (besonders jene ohne Konsumzwang) und werden immer unattraktiver für junge Queers. Dazu trägt auch bei, dass Social Media verändert hat, wie Aktivismus funktioniert und organisiert wird. Es gibt unzählige WhatsApp-Gruppen, Discord-Server, Subreddits, in denen sich lokale Communities vernetzen und organisieren, statt sich in Vereinen zu engagieren und diese im Sinne der Jugend weiterzuentwickeln. Dabei ist es auch wichtig, auf Demos präsent zu sein und gemeinsam für Veränderung zu streiten. Auch hier tut es gut, zu sehen, wie viele es von uns gibt. Aber abgesehen von Prides ist es teils schwierig, junge Menschen für Demos zu mobilisieren. Für queere Vereine und Organisationen bedeutet das, dass sie auch kritisch reflektieren müssen, wie sie Gen Z, Gen Alpha und künftige Generationen ansprechen und einbinden können und physischen mit digitalem Aktivismus verflechten können. So könnte man* präsenter auf sozialen Plattformen sein und gezielt jüngere Menschen ansprechen. Denn wenn Vereine diese Brücke nicht hinbekommen, gehen ihnen viele Aktivistis verloren. Aber auch wir junge Menschen sollten uns fragen, ob wir nicht wieder mehr in reale Spaces gehen wollen und miteinander etwas bewegen wollen. Seitdem ich mich engagiere merke ich, wie wertvoll und bereichernd politische Arbeit sein kann und dass dadurch auch Freundschaften entstehen können.

Social Media Content kann also zeigen, dass wir existieren. Aber echte Community entsteht dort, wo Menschen sich tatsächlich begegnen. Und vielleicht ist es die Aufgabe meiner Generation, wieder mehr in der realen Welt zusammenzukommen.

Wir sehen uns auf der Straße!

Text von Daniel Scheibner

QYVIE
Queer Youth Vienna
HOSI Wien

Von HOSI Wien

Artikel von HOSI Wien Arbeitsgruppen und Projekten.