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Auf die Parade kommen!

Anlässlich des 30. Jubiläums der Regenbogenparade habe ich Personen in der Buchhandlung Löwenherz zu einem Gespräch getroffen, die maßgeblich an der 1. Parade mitgewirkt haben. Hannes Sulzenbacher, Veit Georg Schmidt und Chris Svatos über anfängliche Herausforderungen, berührende Momente, Glücksgefühle und die Parade im Wandel der Zeit.

Wann und wie habt ihr aktiv angefangen, die queere Community zu unterstützen?

Hannes Sulzenbacher: Ich habe 1990 angefangen, mich aktivistisch in der Rosa-Lila-Villa zu engagieren, wir haben dort die Zeitschrift Tam Tam und auch sonst jede Menge Aktivismus in allen Formen gemacht, wir sind auf die wenigen Demos, die es damals gab, gegangen und haben versucht, verschiedene Dinge auf den Weg zu bringen. Mein nächster Schritt war das ÖLSF, dann war ich beim Aufbau der Buchhandlung Löwenherz (Anm.: Buchhandlung für Lesben, Schwule und queere Menschen in Wien) dabei. Und der nächste Step war die Parade.

Chris Svatos: Ich habe das erste Transgender-Treffen in der Rosa-Lila-Villa ich denke im Jahr 1992 übernommen. 1995 wurde der Verein Trans X gegründet, und dann folgte die Vernetzung mit der restlichen queeren Community, im selben Jahr wurde auch das ÖLSF (Österreichisches Lesben- und Schwulenforum) gegründet. Das ÖLSF hatte zu einer Besprechung zur Idee einer Parade eingeladen.

Hannes: Ich möchte ergänzen, dass das ÖLSF später in Österreichisches Lesben-, Schwulen- und Transgenderforum umbenannt wurde und es war der Versuch, zum ersten Mal einen bundesweiten Verein zu gründen. Es gab Vereine in den einzelnen Bundesländern und städtische Vereine, mit der Vernetzung wollte man eine neue politische Kraft darstellen. Das ÖLSF war in diesen Jahren ziemlich aktiv und war bei der ersten Regenbogenparade noch sehr relevant.

Veit Schmidt: Ich betreibe mit Jürgen (Ostler) die Buchhandlung Löwenherz. Anfang 1992 bin ich aus Kiel nach Wien gekommen. Ich glaube, dass wir damals unsere Arbeit nicht aktivistisch betrachtet hatten, wir haben einfach gemacht, was notwendig war. 30 Jahre zurückblickend kommen mir die Worte aktivistisches Engagement fast überpathetisch vor.

Chris: Das Transgender-Treffen in der Villa war kurz vor dem Aus und ich habe es halt übernommen, dann stellte sich heraus, dass wir es erstmal auf rechtliche Füße stellen und einen Verein daraus machen mussten.

Hannes: Das Zusammenwachsen zwischen schwuler, lesbischer und trans Community waren genau diese Jahre, wo man sich vorsichtig, aber dann doch angeschaut und dann doch gemeinsame Sache gemacht hat.

Veit Schmidt, Hannes Sulzenbacher, Andreas Brunner
Interview zu „10 Jahre Regenbogenparade“ von Proud2beGayAT
https://www.youtube.com/watch?v=BKD052fHirE

Am 26. Juni 1996 fand die erste Regenbogenparade in Wien statt. Wie habt ihr euch auf die erste Parade vorbereitet?

Veit: Der ÖLSF hat als Dachverband einerseits Vernetzungsarbeit geleistet und war andererseits ein ständiger Streitgenerator, weil es immer hieß, wenn man sich einigen soll, man könne das ja gar nicht. Die HOSI hatte Mitte der 1990er Jahre ein völlig anderes Image, an der ersten Parade durfte die HOSI als angemeldete Gruppe teilnehmen. Die HOSI hat die heutige Größe und Dynamik im Grunde im Jahr 2002 mit der Übernahme der Paradenorganisation erlangt.

Hannes: Ich war mit Andreas Brunner, der sozusagen das Zentralgestirn der ersten und folgenden Paraden war, 1994 in New York und wir sahen dort die 25. Gay Pride Parade. Ich war völlig fassungslos und dachte mir: „Da gibt es Gruppen von schwulen Piloten?!“ (lacht) Zurück in Wien waren wir irgendwo zu viele Bier oder Gspritzte trinken und ich sagte zum Andreas: „Sollen wir das hier probieren?“ und Andreas gab die wildeste Antwort: „Ja, das machen wir!“ Wir haben gewusst, dass wir viel Zeit und viele Allianzen brauchen werden. Das erste Treffen war mit den Frauen aus der Rosa-Lila-Villa, weil wir gedacht haben, wenn wir das nicht im Vorhinein als Schwulen-Lesben-trans-Ding aufstellen, dann scheitern wir schon im ersten Wollen. Wir haben die ersten Gespräche geführt, alle möglichen Veranstaltungen und die erste Kampagne gemacht, die SICHTBAR 1996 hieß. Gleichzeitig hat es sich etwas zäh entwickelt. Viele Leute haben gesagt, ja ja, machen wir schon mit und wir dachten uns: Ok dann stehen wir wieder wie üblich bei den kleinen Demos mit 150 Leuten irgendwo und die rennen davon, wenn irgendein Fotograf von einer Zeitung daherkommt. Es kam zur Krise dieses SICHTBAR 96-Projektes und es kam zu einem großen Plenum.

Veit: Vor dieser krisenhaften Sitzung gab es den Beschluss, dass wir ein Straßenfest rund um das Burgtheater machen. Wir haben gesagt: „Das bringen wir zusammen!“

Hannes: Als die Krise da war, war kurze Zeit Christian Michelides maßgeblich am Zustandekommen der Parade beteiligt, aber er hat sich auch bald wieder zurückgezogen. Letztlich waren es ziemlich viele Leute, die – dirigiert von Andreas Brunner – diese erste Parade auf die Beine gestellt haben: die Frauen von der Villa waren wichtig, Günter Strobl, Reinhard Pinter, Chris Svatos hat die kleine, aber ganze Transgenderszene mitgebracht, es war extrem wichtig, wie viele Leute doch begeistert waren und gesagt haben: „Doch, wir schaffen das!“

Unser wichtigster Partner war das Wiener Rathaus, vor allem das Büro des Bürgermeisters (Anm.: Michael Häupl). Auch die damalige Vizebürgermeisterin Grete Laska war sehr unterstützend. Wäre nicht aus dem Rathaus gewaltige Unterstützung gekommen, hätten wir es nicht geschafft.

Veit: Man muss bedenken, im Jahr 1993 gab es den § 221 des Strafgesetzbuches (Anm.: § 221. Wer eine Verbindung einer größeren Zahl von Personen gründet, deren wenn auch nicht ausschließlicher Zweck es ist, gleichgeschlechtliche Unzucht zu begünstigen, und die geeignet ist, öffentliches Ärgernis zu erregen, ferner, wer einer solchen Verbindung als Mitglied angehört oder für sie Mitglieder wirbt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.) D.h. Vereine wie die HOSI waren per se illegal. Sie waren nicht genehmigungsfähig, Veranstaltungen wie eine schwule Demonstration waren strafrechtlich bewehrt. Zwischen Rathaus und Polizeidirektion gab es die Absprache: Man tut nichts, das lassen wir laufen. Das war entscheidend.

Hannes: …nicht nur wir lassen es laufen, sondern wir unterstützen es. Für uns war ja alles neu. Woher bekommt man einen LKW? Wo schmückt man den? Wie kommt er auf die Ringstraße? Und wir hatten den ständigen Bammel, dass max. zwei LKWs dastehen und es kommt sonst niemand (lacht), das war natürlich schon ständig unsere Angst. Bei den ersten Plakaten fühlten wir uns schon so international, dass wir sie in deutscher und englischer Sprache beschrieben haben. Und da wir überhaupt kein Geld hatten, haben wir das klassische Plakatformat A1 in der Mitte auseinanderschneiden lassen.

Veit: Wir haben damals auf viele Sachen nicht geachtet, aber vom Organisationsgrad war ab der zweiten Parade alles vorhanden und hat sich im Laufe der Jahre graduell gesteigert. Bei der ersten Parade war alles irgendwie im Ungewissen, man startete am Schwarzenbergplatz… Die Dinge wurden erledigt und irgendwer (meistens Andreas Brunner) hat meistens alles so gemacht, dass es gelaufen ist, aber es gab keine echte Struktur, deshalb war auch die Buchhandlung Löwenherz so wichtig, da sie die einzige Tagesstelle war. Es war die Zeit vor dem Internet und wir hatten hier ein Faxgerät, was essenziell war, ebenso wie das Telefon.

Hannes: Zusammen mit der Buchhandlung wurde das Café Berg gegründet und der Gründer Leo Kellermann hat quasi sein halbes Personal als Aushilfe für die Parade bereitgestellt. Ohne den Spirit, ohne die Lässigkeit und die Vernetzung des Berg-Teams hätte man es schwer gehabt.

Veit: Man wusste ja nicht, was ist das? Was tue ich da? Parade…hat keiner gehört. Und wie am 1. Mai soll es nicht sein. Wie es in New York läuft, hat bis auf Andreas und Hannes auch niemand gesehen, und so wurde es auch nicht. Es war alles nicht fremd, aber unbekannt. Wir haben es einfach gemacht, und alle haben sich irgendwas Durchgeknalltes ausgedacht. Leo Kellermann war als Unternehmer in dieser Zeit für die Parade wichtig, er hat auch finanziell vorgestreckt.

Hannes: Das Café Berg und die Buchhandlung waren damals relativ neu und waren schon der, heute würde man sagen, queere Hotspot. Hier war der Umschlagplatz für alle Infos und für jede coole Queerness, und das war total wichtig. Und das Personal des Café Berg war für den Partyspirit der Parade unheimlich wichtig.

Wie erinnert ihr euch an den 26. Juni 1996?

Veit: Die erste Parade startete um 15 Uhr über die Ringstraße; sie endete am Schottentor, auf dem die Schlusskundgebung stattfand. Der erste Sattelschlepper diente dort als Bühne.

Chris: Wir hatten immer die große Panik: „Kommt überhaupt jemand?“ und dann stehen wir am Ring und es kommen tausende Leute, Das war wirklich ein enormer Eindruck!

Veit: Also man hat so ein bisschen Butter in die Knie gekriegt. (lacht)

Hannes: Wir wussten ja, dass LKWs angemeldet sind und dass es nicht total peinlich wird. Aber das dann eben 25 000 dort stehen, das war schon ein „magic moment of your life“.

Veit: Wir drei waren sowas von gerührt! Und das war einer der großen, einenden Momente, dass es auf einmal keine Rolle mehr gespielt hat, und das ist der Parade glaube ich bis heute erhalten geblieben – dass sie dieses Einende hat und kein falscher Umbrella-term oben drübergelegt wird, sondern der Grundkonsens war „sexuelle Devianz“. Man wusste, dass sich etwas in der Stadt verändert hat. In dem Moment geht es ans Grundmenschliche, denn wir sind viele und wir sind zusammen, ohne dass wir ein Versprechen leisten müssen. Wir halten einfach zusammen!

Hannes: Die Demokultur hat sich in Wien tatsächlich verändert. Am Anfang wurden wir sowohl innerhalb der Community als auch in den Medien viel angegriffen, nach dem Motto: „Was wollt ihr denn überhaupt, also was will die Parade?“ Wir haben gesagt: „Wir wollen die Bühne geben, jede:r kann jede Forderung hier stellen. Wir sind die Plattform für die Forderungen. Das war der erste einigende Moment. Andererseits waren bis dahin Demos immer traurig und betroffen, und wir haben gesagt: „Es ist eine große Party und jeder kann tanzen, singen, saufen und ein im queeren Sinne des Aktivismus sinnvolles Transparent tragen. Vor allem wollen wir, dass es euch und uns gut geht.“

Das war völlig neu, das Pathos der politischen Veränderung kann man auch ganz anders zum Ausdruck bringen.

Chris: Es hat auch ein anderer Aspekt mitgespielt, denn es war die Hochzeit der Technopartys in Berlin. Bei uns haben schon viele gedacht: „Damit kriegen wir die Leute.“ deshalb auch die Sattelschlepper mit der Musik. Das war durchaus ein Kalkül. Und es waren von Anfang an auch viele Heteros dabei, die am Ring eine tolle Party machen konnten, auch wenn ein politischer Hintergrund gegeben war.

Kritische Stimmen meinen, die Regenbogenparade wirkt schon oft wie eine Mischung aus Fasching und Loveparade.

Veit: Es gibt kein Früher, wo es besser war. Die Klage, dass die Parade so kommerziell geworden sei, ist von der ersten Parade an da. Die Stimmen waren immer schon da, sie haben immer schon genervt, weil sie es immer schon nicht verstanden haben. Ein wichtiger Grund dafür ist sublimierter lesbisch-schwul-queerer Selbsthass, weil die Nichtbilligung der Außenwelt, dass man Spaß am Leben hat, inhaliert ist. Wenn mein Leben besser werden soll, darf ich als Erstes mal keinen Spaß haben. Völlig verquer, nicht queer! Dieser Vorhalt, dass die Parade kommerziell geworden ist, war von der Stunde null an da. Es geht immer nur darum, eine Ausrede zu finden, warum man selber nicht hinwill, und das ist meistens Feigheit.

Ist die Regenbogenparade – obwohl sie wie eine bunte Party wirkt – immer noch eine politische Veranstaltung?

Alle: Selbstredend. Was soll sie sonst sein?!

Hannes: Und das wird sie immer sein.

Chris: Die Kommerzialisierung hat sich wesentlich verändert. Die ganzen Firmen, die heute auf den Wägen Queerness predigen, haben damals gesagt: „Was wollt ihr von uns, Geld, Sponsoring? Na sicher nicht.“ Und umgekehrt, die Kommerziellen damals, das waren die schwul-lesbischen Clubs und Lokale, die Villa.

Veit: Aber auch denen ist vorgehalten worden, selbst Santo Spirito, deren Konzept es ist, überlaute, klassische Musik zu spielen. Mit diesem Konzept sind die auf die Parade gegangen und haben einen super Wagen gemacht. Mehr Gäste, mehr Umsatz und mehr Werbung haben die nicht nötig gehabt. Aber selbst hier gab es den Vorhalt, es sei kommerziell.

Chris: Der Vorwurf hat sich gegen die Szene selbst gerichtet.

Was ist euch von der ersten Regenbogenparade besonders im Gedächtnis geblieben?

Veit: Mein schönstes Erlebnis im Rahmen der ersten Parade war am Schluss; wir waren ganz aufgeregt. Die Polizei fuhr mit ihren kleinen Bussen auf der Ringstraße vor und sperrte den Platz ab. Wir sammelten die gelben Warnwesten ein und ich stand voller Glückshormone rum, dackelte dann zur Polizei und sagte zum Einsatzleiter, ob wir noch etwas tun sollen. Und er sagte: „Nein, nein, das haben Sie super gemacht. Tausend Bussis!“ und aus den offenen Fenstern von diesen Bussen machen alle die Daumen hoch (lacht). Wir hatten damals ein völlig anderes Bild von der Polizei.

Hannes: Die unglaubliche Menge an gut aufgelegten Leuten am Schwarzenbergplatz zählt zu meinen schönsten Momenten. Dann haben wir gewusst: ab jetzt kommen viele! (alle lachen)

Chris: Ja, das war überwältigend.

Wie stand es um die Meldungen aus der Medienlandschaft?

Hannes: Am Tag der Parade schrieb die Kronen Zeitung, dass es zu Verkehrsbehinderungen wegen einer Demonstration kommt, man wurde ja nie genannt.

Chris: Damals bin ich den ganzen Vormittag zuhause gewesen und habe mich vorbereitet und das Radio lief… nichts! Keine Meldung, nichts. Es wurde totgeschwiegen.

Hannes: Allgemein kann man sagen, dass über die mediale Berichterstattung die Trans-Sichtbarkeit explodiert ist. Weil die auf den Fotos am meisten hergegeben haben.

Veit: Und das Wort schrill kommt in jeder Über- oder Unterschrift vor!

Hannes: Es kommt immer darauf an wo man ist und wo man hinschaut. Ich bin auf jeder Parade und ich bin total fad, schaut mich einfach an (lacht)! Man schaut natürlich dorthin, wo sich etwas bewegt, wo etwas ungewöhnlich, laut und bunt ist – und dann wird das kritisiert.

Veit: Ich finde ja, was uns als queeren Menschen am wichtigsten an der Parade sein muss, ist, wie wirkt sie denn eigentlich auf uns. Für viele ist es im engeren Sinn ein Feiertag. Der Tag ihres Coming-outs vor ihrer Familie, der Tag, wo sie zum ersten Mal mit dem Partner/der Partnerin Hand in Hand, in der Öffentlichkeit waren… und das ist ja auch eine Aufgabe für alle, die es hinter sich haben, zu schätzen und den weiteren Rahmen zu bieten, damit sie sich Jahr für Jahr daran erinnern können.

Wie können Allies die queere Community aktiv unterstützen?

Alle: Auf die Parade kommen! (alle lachen)

Interview von Amela Džanko

Historikerin und Aktivistin

Anmerkung der Redaktion
Die beiden Interviews geführt von Amela Džanko in dieser Ausgabe Lambda #203 stellen bewusst die Erinnerungen und Einschätzungen der InterviewpartnerInnen aus persönlicher Sicht ins Zentrum. Dabei werden in den Interviews auch Aussagen getroffen, die entweder historisch widersprüchlich, eindeutig widerlegbar sind (beispielsweise waren auch trans Personen an der ersten Parade beteiligt), oder sie enthalten Meinungen, die möglicherweise nicht vom Verein HOSI Wien mitgetragen werden. Diese unterschiedlichen Perspektiven möchten wir dennoch sichtbar machen.

Von Gastautor*in

Unter diesem Tag versammeln sich verschiedene Gastautor*innen der Lambda.