Kategorien
Schwerpunkt

Partys und Aktivismus

Zur Feier der Regenbogenparade treffen wir den Namensgeber Mario Soldo. Im Interview erzählt er, wie aus einem Gastarbeiterkind eine Drag Queen wurde und wie sich Partys und Aktivismus ergänzen können.

Wann und wie hast du angefangen, die LGBTIQ+ Community zu unterstützen?

Da muss ich gleich sagen, der Teil TIQ+, das bin nicht ich. Als ich als Kind draufgekommen bin, als jugoslawisches Gastarbeiterkind, noch dazu mit zwei Brüdern, heterosexuellen Eltern, war das für uns nicht vorstellbar, ein „peder“ (kroat. für schwul) zu sein. Auch im Französischen sagst du abwertend: „il est pédé!“, und das hat mich wahnsinnig geärgert. Wenn du als Junge mit 12, 13 Jahren draufkommst: Moment einmal, beim Durchschauen eines Versandhauskatalogs der Mama habe ich mich geschämt, dass mich Männer in Unterwäsche mehr angezogen haben als Frauen. Weil das nicht möglich war, das ging gar nicht. Ich habe mich so weit entwickelt, dass ich es einfach mal probieren wollte. Und ich glaube, LGB – wir drei haben viel mehr erreicht als alle anderen. Deswegen kann ich mich mit dem Ausdruck LGBTIQ+ nicht wirklich identifizieren, denn ich bin einfach nur gay. Auch ich hatte mit 23 Jahren eine Freundin, meine Eltern haben sich gefreut und gedacht, ich wäre doch nicht schwul, aber nach zwei Jahren haben wir uns getrennt, und für mich war das Thema abgeschlossen. Ich wusste, nein, sexuell zieht mich ein Mann mehr an.

1984 habe ich mit meinem Outing als Drag Queen angefangen, damals war ich 21 Jahre alt. Ich hatte die große Chance im U4, das war damals die In-Disco, die U-Modemesse zu moderieren. Mein damaliger Chef Ossi Schellmann wollte, dass ich die Moderation übernehme, und das war ein durchschlagender Erfolg, ich habe erkannt, dass ich durch das Make-up, die Kleidung und die Perücke wie ein Schamane mein Wesen verändere. Mit meinen verschiedenen Auftritten wurde ich zu einem Sprachrohr für viele. Ich war nie politisch aktiv, habe meine Worte allerdings bedacht gewählt und meine Stimme eingesetzt und viele Leute erreicht. Es gibt einerseits den relativ konservativen schwulen Mann Mario Soldo als Unternehmer, und es gibt die glamouröse Dame Galaxis, die vom Wesen anders ist, also eine Kunstfigur. Und ich kann sagen, dass ich die erste Wiener Drag Queen war. Und ich habe immer das Wort ergriffen, wenn es darum ging, dass wir die gleichen Rechte haben können, und das ist uns auch gelungen.

Wie erinnerst du dich an die erste Regenbogenparade am 29.06.1996?

Franz Thell war der Erfinder des Wiener Szenelokals Motto, damit ist er übersiedelt ins Hundertwasserhaus, und dort gab es eine Sitzung im Herbst 1995. Da saßen an diesem langen Tisch 20 bis 30 schwule Männer, damals gab es wenige Lesben in der HOSI, wir beschlossen nun vereinsmäßig mit der HOSI als Vorsitz, die Organisation eines CSD. Ich habe gesagt, Christopher Street Day ist so lang und die Geschichte dahinter kennen viele auch nicht, und so haben wir einen Namen gesucht. Mein Vorschlag war der Name Regenbogenparade, und das wurde angenommen. Das war mein Engagement und ich hatte dann die große Freude und Ehre, bei der ersten Regenbogenparade die Abschlussrede zu halten. Damals war ich aber nicht in der HOSI aktiv, sondern genoss durch meine Clubbings und Fernsehauftritte als Drag Queen eine gewisse Prominenz.

Mario Soldo (Foto credits: Mario Soldo)

Wie hast du dich auf die erste Parade vorbereitet? Gab es auch Angst?

Ich habe überhaupt keine Angst gehabt, weil ich die Jahre davor immer in Berlin auf der Love Parade war, und im Jahr 1993 hatte Gery Keszler mit dem Life Ball begonnen. Und das waren meine Inspirationen, insofern war ich einfach froh darüber, dass es auch in Wien eine Parade gab. Am Anfang waren die gestandenen Lesben, Schwulen und Drag Queens auf der Straße, mittlerweile gehen Leute mit, weil sie Bock haben, sich an dem einen Tag zu verkleiden bzw. zu entkleiden – und das ist auch nicht ganz meins. Andererseits gab es immer Demonstranten, die die Parade als etwas Verruchtes ansahen. Heutzutage ist mir die Regenbogenparade persönlich teilweise zu sexualisiert.

Wie hat sich die Regenbogenparade deiner Meinung nach im Lauf der Zeit geändert?

Sie ist, finde ich, kommerzieller geworden. Bis in die 2010er Jahre haben viele ihre Meinung geändert im Sinne von: „Ach die sind schwul, toll! Die haben auch Rechte jetzt, oh ja, die sind eh so wie wir! Dann werden wir sie unterstützen“ und viele Firmen sind aufgesprungen. Irgendwann mal sprangen die Sponsor:innen aufgrund kritischer Stimmen wieder ab. Ich freue mich jedenfalls, dass so viele Menschen in Österreich die gleichen Rechte haben und dies erkämpft wurde, auch durch das Sichtbarmachen auf der Straße.

Ist die Parade noch eine politische Veranstaltung?

Der Spaßfaktor ist nie so wichtig wie das Recht für alle. Ich glaube, dass wir die Rechte längst haben, und nun ist es ein Zeigen der Solidarität, auch seitens der Stadt Wien, dass sie für uns queere Personen einsteht.

Was ist dein persönliches Pride-Highlight in Wien?

Geht’s auf der Parade mit, denn danach zerstreut sich das in hunderte Lokale, es gibt überall Pride Partys etc. Ich finde das Tanzen auf der Straße ganz toll, ich finde die Busse und die Soundanlagen ganz großartig. Ich kann nur sagen: Feiert mit und seid an diesem Tag Teil unseres Lebens, dass wir für euch auf der Straße zeigen.

Interview von Amela Džanko

Historikerin und Aktivistin

Anmerkung der Redaktion
Die beiden Interviews geführt von Amela Džanko in dieser Ausgabe Lambda #203 stellen bewusst die Erinnerungen und Einschätzungen der InterviewpartnerInnen aus persönlicher Sicht ins Zentrum. Dabei werden in den Interviews auch Aussagen getroffen, die entweder historisch widersprüchlich, eindeutig widerlegbar sind (beispielsweise waren auch trans Personen an der ersten Parade beteiligt), oder sie enthalten Meinungen, die möglicherweise nicht vom Verein HOSI Wien mitgetragen werden. Diese unterschiedlichen Perspektiven möchten wir dennoch sichtbar machen.

Von Gastautor*in

Unter diesem Tag versammeln sich verschiedene Gastautor*innen der Lambda.