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Party oder Protest?

Für mich war der erste Besuch einer Regenbogenparade kein Befreiungsschlag, und das, obwohl ich im Freundeskreis längst geoutet war. Viele erzählen mir, dass sie schon Jahre vor ihrem ersten Outing hingegangen sind. Wer einmal dort war, versteht warum: Die Innenstadt pulsiert und ist voller Menschen, laut, bunt, lebendig. Die Menschen zeigen sich in allen Farben, Formen und Stimmungen. Glitzernde und bunte Outfits, Kinder auf den Schultern, ältere Paare Hand in Hand und Freundesgruppen, die tanzen, als gäb’s kein Morgen.

„Gehst du eigentlich zur Regenbogenparade?“, frage ich Yasmin.

„Die was?“, fragt sie mich, grinst verschmitzt und legt wie gewohnt ihren Kopf schief.

Mit ihrem Undercut, dem Zopf und der schwarzen Lederjacke würde man weder meinen, dass sie erst seit einigen Jahren in Österreich lebt, noch, dass sie bis vor wenigen Jahren mit einem Mann verheiratet war. Aufgewachsen in einem ultrakonservativen Land, in dem Homosexualität tabu ist, hat sie erst spät verstanden, dass sie Frauen liebt.

„Achso, die große Party im Juni, ja? Nein, war ich nie. Früher waren die Kinder zu klein und ich kannte niemanden, der hinging. Gehen wir zusammen dieses Jahr, ja?“

Eine Party also? Oder ein Protest?

Ich war 36, als ich zum ersten Mal hinging. Bis dahin hatte ich nur Fotos und Fantasien im Kopf, von einem Fest voller gut gelaunter, bunt gekleideter Menschen, die zwischen fliegendem Konfetti und Seifenblasen tanzen. Bunt, lustig, laut, frei. Menschen, die sich feiern. Und ich? Ich fühlte mich kein bisschen frei.

Eine Freundin nahm mich mit, zusammen mit einer Gruppe von Bekannten. Alle in knappen, glitzernden Outfits, selbstbewusst und laut. Daneben ich: schüchtern und nervös. In einem schwarzen Kleid, weil ich mich in meinem übergewichtigen Körper unwohl fühlte. Dazu Schmetterlingsflügel in Regenbogenfarben.

Als wir bei der Parade ankamen, war es nicht besser. Wir gingen nicht mit der Menge um den Ring, sondern waren immer in einer Lücke. Ich hatte das Gefühl, angestarrt zu werden. Auf meiner Arbeit wusste niemand, dass ich lesbisch bin, weder meine Arbeitskolleg*innen noch Klient*innen. Die Angst, gesehen zu werden, lief ständig mit und ich wusste nicht, wohin mit mir. War das meine Welt? Die, zu der ich gehören sollte?

Als wir um den Ring waren, entspannte ich mich etwas und wir gesellten uns ins Pride Village vor dem Rathaus. Statt einem kunterbunten Fest und guter Laune, sah ich müde Gesichter, platt getretene Pflanzen, benutzte Kondome in Büschen und Joints, die rumgereicht wurden, dazwischen leere Wodkaflaschen und plattgetretene Werbeflyer. Ich war verwirrt. Feiern wir hier wirklich uns und unsere Liebe… oder verlieren wir gerade etwas, wofür wir einmal auf die Straße gegangen sind?

Lucia war noch nie auf der Regenbogenparade. „Einmal hab ich versucht, schon am Vormittag da zu sein, mit Kopfhörern, aber es war mir schnell zu viel.“, erzählt mir Lucia und knetet nervös ihre Hände.

„Mit der Autismus-Spektrum-Störung kann ich Geräusche und Reize von außen einfach nicht gut filtern. Da ist so eine Veranstaltung der pure Horror für mich. Aber ich finde trotzdem toll, dass es sie gibt.“ Sie lächelt leicht.

„Meistens schau ich mir danach die Fotos und Videos an und freue mich, dass so viele Menschen zum Feiern kommen.“, ergänzt sie.

Also doch nur eine Feier?

„Naja, die Frage ist, ob eine Feier nur eine Feier ist. Schließlich werden wir als Community damit sichtbar.“

Für sie ist die Regenbogenparade kein Ort, an dem sie teilnehmen kann, und trotzdem einer, der Bedeutung hat.

Sonja sieht das ganz anders:

„Für mich ist es vor allem eine Feier. Ich gehe schon seit vielen Jahren mit Freunden, auch schon lange bevor ich geoutet war. Ich kann nicht nachempfinden, wenn jemand sagt, er fühlt sich an diesem Tag nicht zugehörig. Es geht doch nicht darum, krampfhaft was umsetzen zu wollen, sondern ganz entspannt sich selbst zu feiern… das Leben und die Liebe zu feiern. Jede Art von Liebe.“

Ein paar Tage später sitze ich mit Freundinnen, alle cis und hetero, auf der Donauinsel.

„Ich liebe die Regenbogenparade!“, sagt Laura sofort. „Ich freu mich schon mega, ich bin auf jeden Fall dabei! Es ist einfach die einzige Party, bei der die ganze Stadt draußen ist und man den ganzen Tag auf der Straße feiern kann. Die Party geht immer bis spät in die Nacht. Das wird wieder wild, einfach nur wild!“ und lacht laut.

Sofia ergänzt vorsichtiger, „Es ist einfach wichtig und toll Vielfalt zu feiern und dass echt jeder dabei sein darf… aber letztendlich geht es schon um die Party.“ Ihre Aussage ist gefolgt von allgemeinem Gelächter.

Für sie ist die Parade vor allem eines: ein Event. Ein offener Raum, in dem sie sich bewegen können, ohne darüber nachdenken zu müssen. Ohne Risiko. Und genau darin liegt der Unterschied.

Für viele queere Menschen ist die Regenbogenparade noch immer weit mehr als nur eine Party.

„Mir hat in den letzten Jahren die politische Message gefehlt.“, bringt es Luna klar auf den Punkt. Großgewachsen, schlank und mit pinken kurzen Haaren würde man heute nicht mehr auf die Idee kommen, dass ihr bei der Geburt ein anderes Geschlecht zugewiesen wurde.

„Ich finde beides gerechtfertigt, auch den Partyaspekt. Wir müssen uns auch mal selber feiern, dass es uns gibt und dass wir unseren Stolz auf die Straße tragen können.“

Ich verstehe sofort, was sie meint. Auf queeren Events und in queeren Locations sehe ich immer gleichgeschlechtliche Paare Händchen halten, sich küssen oder eng umschlungen tanzen. Auf anderen Events habe ich das bislang nie gesehen, und weder ich noch jemand aus meinem queeren Freundeskreis würde sich das trauen. Erst Ende April diesen Jahres wurde wieder ein schwules Pärchen in der U-Bahn beleidigt und dann aus der Station hinaus bis auf die Straße verfolgt und angegriffen. Einer der beiden erlitt einen Schädelbasisbruch. Solche und andere Nachrichten gehen an niemandem in der Community einfach so vorüber. Und genau das ist der Widerspruch von Veranstaltungen wie der Regenbogenparade: Sichtbarkeit bedeutet für uns gleichzeitig Befreiung und Risiko.

„Aber so sehr die Partyaspekte ihre Daseinsberechtigung haben… In einer Zeit, in der die Rechte homosexueller Menschen und trans Menschen in mehreren Ländern sehr massiv angegriffen werden, finde ich, dass wir wieder fordernder auftreten müssen und Zugeständnisse der Politik brauchen, damit solche Zustände bei uns nicht eintreten. Es ist Zeit, ein Zeichen zu setzen.“, fährt Luna fort.

„Wir merken das auch in Österreich: Letztes Jahr haben bereits mehrere Firmen das Sponsoring für die Pride eingestellt, hängen dann aber trotzdem im Juni die Regenbogenflaggen auf. Ich mag dieses Rainbow Washing nicht. Auch die Community braucht keine Schönwetterfreunde.“, sagt sie und lacht.

„Und auch in Österreich sind schon politische Stimmen laut geworden, die nicht für uns als Community sind. Es macht mir Sorgen, dass wir das erste Mal seit langer Zeit wieder erleben, dass unsere Rechte in richtig harter Gefahr sind. Und da geht es nicht nur ums Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe oder Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare… Da geht es um unsere Existenz, unser Leben und unsere Liebe. Wir müssen uns mit der Realität auseinandersetzen, dass wir leider wieder einen gesellschaftlichen Kampf führen müssen.“

Und die Regenbogenparade, was ist sie nun?
Feier oder Protest?
Sichtbarkeit oder Risiko?
Zugehörigkeit oder Überforderung?

Die Wahrheit ist letztendlich: Die Regenbogenparade ist alles davon.

Für manche ist sie der erste vorsichtige Schritt.
Für andere grenzenlose Freiheit.
Ein politisches Statement.
Ein Spektakel.
Ein Schutzraum… und gleichzeitig nicht für alle gleich.
Eine Demo für alle, die nicht dabei sein können – weil es zu viel ist, zu unsicher ist oder zu riskant ist.
Und für alle, die sich zum ersten Mal sichtbar machen.
Eine Feier für alle.

Und am Ende ist die Regenbogenparade das, was du aus ihr machst.

Ich war letztes Jahr übrigens das dritte Mal dabei. Diesmal stand ich mittendrin, oben auf einem Wagen, gut sichtbar für alle, in einem Kleid, das hell in der Sonne schillerte. Und habe laut meine Liebe gefeiert.

Text von Sarah

Psychologin, große Schwester, Träumerin, Lesbe

Von Gastautor*in

Unter diesem Tag versammeln sich verschiedene Gastautor*innen der Lambda.