Kennt ihr das vielleicht auch? Man erlebt einen Moment, in dem man physisch oder verbal als queere Person angegriffen wird; man erzählt dann dem heteronormativen Bekanntenkreis davon und bekommt oft eine von zwei Reaktionen:
- „Das war sicher alles nur ein Missverständnis.“
- „Du musst das verstehen. Sie/er hat gerade [Problem/Stressfaktor/Generationsausrede einfügen].“
Diese Reaktionen bekam ich, als ich davon erzählte, dass: ich angespuckt wurde, es ohne Erklärungen in der Arbeit Budgetkürzungen für queere Projekte gab, seit Jahren meine falschen Pronomen verwendet werden, ich Scammer-Mails erhalten habe nachdem eine rechtsradikale Zeitschrift meinen Namen veröffentlich hatte, ein anonymer Brief an meinen Arbeitsplatz an mich und andere queere Kolleg*innen gesendet wurde usw. Alles nur ein Missverständnis – passiert ja den heteronormativen Menschen auch regelmäßig… oder?
Dem Papst zum Beispiel passiert es nicht, dass sein „Deadname“ weiterverwendet wird, nachdem er in sein Amt eingetreten ist. Die anderen Workshops an meinem Arbeitsplatz haben keine Budgetkürzungen oder Angriffe erfahren, und auch Scammer-Mails und rechtsradikale Zeitschriften, die hässliche Dinge über einen schreiben, sind meinen heteronormativen Kolleg*innen auch noch nicht widerfahren. Vielleicht doch kein Missverständnis? Hmm…
Das Verständnis ist so eine Sache. Für uns queere Menschen ist das Verständnis sehr niedrig angelegt. Ist doch alles halb so wild! Zusätzlich wird dieser Irrglaube noch mit Kommentaren zu Gunsten der diskriminierenden Person bestärkt („Sie/er ist doch [positive Eigenschaft einfügen]“). Das Erlebte muss daher ein Missverständnis sein! Wenn dann aber einer Hetero-Cis-Person ein Unrecht passiert, ist es plötzlich kein Missverständnis mehr. Dann werden meistens nicht nur die Achseln gezuckt, sondern es gibt auf einmal Gespräche und aktiv Maßnahmen, die gesetzt werden, um den (Arbeits-)Raum sicherer zu gestalten. Spannend…
Das führt mich zum zweiten Punkt: Verständnis für unsere Situation gibt es kaum, dafür müssen wir umso mehr Verständnis der diskriminierenden Person gegenüber aufbringen. Ist die diskriminierende Person über 50? Na dann ist es ja klar, dass sie/er so reagiert – sie/er wurde so erzogen! Hat sie/er einen schlechten Tag und „deshalb“ rutscht mal ein queerphober Spruch raus? Absolut nachvollziehbar! Ist er vielleicht auch noch dazu ein Mann? Der Arme kann ja nicht anders – er ist gefangen in einer toxisch-maskulinen Welt und kennt es nicht anders. Der braucht Zeit, bis er sich an „neue“ Dinge gewöhnt – das kann schon mal Jahrzehnte dauern! Man sieht: Es wird ein überdurchschnittlich großes Maß an Verständnis von uns abverlangt.
Wir sind uns vermutlich einig: Da braucht es eine Umkehr. Aber was kann man tun? Der bekannteste Vorschlag: Man könne ja einfach nicht sichtbar queer sein. Es ist ja eigentlich deine eigene Verantwortung, ob dir Diskriminierung passiert (hallo Victim Blaming). Anpassung und Unsichtbarkeit – das sind unsere Optionen. Aber seien wir mal ehrlich – das sind gar keine wirklichen Optionen. Was wir tun können, ist, unseren Stimmen weiterhin auf verschiedenster Art und Weise Gehör verschaffen, das eigene Umfeld aufklären, sich mit queeren Gruppen und Organisationen vernetzen und anti-diskriminierende Stellen wie z.B. die WASt aufsuchen.
Man darf aber eines nicht: die mentale Gesundheit vergessen. Übergriffe zu erleben und eine aktive Stimme zu haben, können sich zu einem Burn-out und einer Depression entwickeln. Wenn es zu viel wird, dann darf man sich auch zurückziehen und die anderen mal (für sich) lauter werden lassen.
Es gibt also noch viel zu tun! Ich baue auf eine Zukunft, in der es mehr Verständnis für uns queere Menschen gibt und diskriminierende Vorfälle nicht mehr in Missverständnisse sondern in aktives Handeln zugunsten unseres Schutzes umgewandelt werden. Bis dahin bleibt uns aber nichts anderes übrig, selbst die gesellschaftliche Verständnislücke für einander auszufüllen.
