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Liebes Tagebuch

Beim Durchstöbern meiner alten Büchersammlung im ehemaligen Kinderzimmer bin ich auf mein altes Tagebuch gestoßen, dabei habe ich auch einen Tagebucheintrag über meine erste Wien Pride 2017 gefunden. Wie ich damals als kleiner frisch geouteter Homo vom konservativen Kärntner Land ins große Wien kam und das erste Mal „Pride“ erlebte.

18. Juni 2017

Liebes Tagebuch,

Ich sitze gerade im Zug zurück nach Kärnten und kann noch immer nicht glauben, was gestern passiert ist. Ich war noch nie so nervös, glücklich und frei. Jetzt ist mein Handyakku fast leer, meine Stimme tut weh, und ich spür meine Beine fast nicht mehr. Aber ich will das alles aufschreiben, bevor dieses Gefühl wieder verschwindet.

Gestern war meine erste Wien Pride.

Wenn ich daran denke, wie ich gestern in der Früh aufgestanden bin, muss ich fast lachen. Ich hatte solche Angst. Nicht nur davor, allein nach Wien zu fahren, sondern davor, überhaupt dort zu sein. Bei uns „gibt’s keine Schwulen“, wie du ja weißt. Sagen jedenfalls alle. In Oberdrauburg kennt jeder jeden. Wenn die wüssten, wo ich gestern gewesen bin, gäb‘s sicher viel zu reden. Fast schon schade, dass ich es niemandem erzählen kann. Offiziell bin ich ja auch „bei Freunden“.

Ich glaube, ich habe mir Wien immer wie eine andere Welt vorgestellt. Ich mein, ich war ja schon mal da zur Wienwoche in der Hauptschule. Aber das gestern war anders als in meiner Erinnerung. Größer, lauter, bunter. Schon als ich aus der U-Bahn bei diesem großen Platz, wo sich alle versammelt haben, ausgestiegen bin, habe ich überall Regenbogenflaggen gesehen. Menschen mit bunten Haaren, Glitzer im Gesicht, Männer, die Röcke getragen haben, Händchen gehalten haben. Und keine blöden Blicke oder dumme Sprüche darüber.

Ich bin am Anfang einfach nur herumgestanden und habe alles beobachtet. Ich hatte Angst, dass mir irgendwer ansieht, dass ich zum ersten Mal da bin. Dass ich eigentlich ein Dorfkind aus Kärnten bin, das keine Ahnung hat, wie man „offen schwul“ ist. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, richtig dummer Gedanke eigentlich. Ist doch für jeden irgendwann das erste Mal.

Auf einmal ist aber eine ältere Frau auf mich zugekommen, hat mich angelächelt und mir eine kleine Regenbogenflagge in die Hand gedrückt. Einfach so. Sie hat gesagt: „Freit mi, doss du do bist.“

Und dann kam YMCA und alle haben gesungen und getanzt und plötzlich war ich in einer Gruppe von sechs Leuten, die mich mitgenommen und mit mir getanzt haben.

Mein Kopf war in dem Moment irgendwie so leer. Keine Ahnung warum. Ich musste an nichts denken, hab mir keine Sorgen gemacht. Ich war einfach da mit diesen bunten und lustigen Menschen. Der kleine Kärntna Bua zwischen Schildern mit „Love is Love“, bunt angezogenen Leuten und Regenbögen, wo man auch hinschaut.

Nach der Parade brauchte ich kurz einen Moment für mich und wollte mich von meiner „Tanzgruppe“ still und heimlich verabschieden. In meinem Kopf kam der Gedanke: „Die hatten jetzt Mitleid mit mir und haben mich deswegen mitgenommen. Jetzt ist die Situation vorbei, besser ist es, jetzt zu gehen, bevor es unangenehm wird.“ Aber nein, sie haben sofort nach meiner Nummer gefragt und ob ich wiederkomme? In meinem Kopf habe ich schon überlegt, dass ich wahrscheinlich bald heimfahren werde und plötzlich hatte ich da eine Gruppe von Menschen, die auf mich warten, um gemeinsam weiterzufeiern. Das war ein unglaubliches Gefühl.

Vielleicht klingt das übertrieben, du weißt, wie dramatisch ich manchmal bin. Aber ich hab mich in meinem Leben noch nie so authentisch wertgeschätzt gefühlt. Und das von Leuten, die ich erst ein paar Stunden kenn. Weiß noch nicht, ob ich das schön oder traurig finden soll. Jedenfalls bin ich dann länger geblieben, sind dann noch in eine Bar und ich konnte mit vielen neuen Freunden Nummern tauschen. „Wenn du wieder mal in Wien bist, schreib mir“ war oft der Satz, der kam, während ich eine neue Nummer in mein Handy eingespeichert habe.

Ein Lichtblick, falls es daheim schlimmer werden sollte.

Zum ersten Mal habe ich mich Teil einer Gemeinschaft gefühlt. Wenn auch nur für einen Tag, denn jetzt bin ich wieder auf dem Weg raus aus dieser zauberhaften Welt zurück in die Normalität. Aber ich komme wieder. Besser früher als später!

Von Sebastian Brandstätter

studiert Politikwissenschaften, ist Redakteur bei QueerSalzburg.at und Pressesprecher der Heublumen – LGBTQIA+ Initiative