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Stereotype, Befreiung & Positive Männlichkeit

Was uns Schwulenkultur heute noch bringen kann.

Schwule Ikonen prägen seit jeher das popkulturelle Gedächtnis. Sie sind immer auch Ausdruck des zu der jeweiligen Zeit herrschenden Männerbildes. Was die Schwulencommunity, und die der queeren Männer allgemein, als attraktiv bewertet, findet nicht selten Einklang in die allgemeine Bewunderung eines bestimmten Typus Mann. Das hängt unter Anderem damit zusammen, dass viele Künstler das Leben als solcher wählten, weil sie für klassische Berufe eine Gläserne Decke spürten. Als Bildhauer, Maler oder später Fotograf, war es einfacher einen alternativen Lebensstil zu pflegen, der die Allgemeinbevölkerung um einen herum nicht allzu misstrauisch machte.

Wilhelm Freiherr von Gloeden –
1856-1931 Hypnos
(Quelle: Wikicommons)

Ikonen entstehen in der Kunstgeschichte durch Wiederholung derselben Attribute. Teils in einen historistischen Kontext gesetzt, teils in einen neuzeitlichen. Es ist nicht möglich durch Bilder und Archetypen nicht zu kommunizieren, welche Menschen und damit Motive als abbildungswürdig eingestuft werden und welche nicht, selbst wenn es sich um eine dokumentarische Arbeit handelt.

Das bedeutet damit gleichzeitig auch, Ikonenbildung kann aktiv genutzt werden, um bestehende Rollen- und Männlichkeitsbilder proaktiv zu hinterfragen. Kunst, die sich nicht zumindest teilweise in Opposition zur gesellschaftlichen Norm stellt, geht schnell in Belanglosigkeit unter.

(Credit: Mo Blau)

Ein prominentes Beispiel wo mit dem Spannungsfeld von scheinbarer Belanglosigkeit und kultureller Bedeutung gespielt wurde, ist der Katalog von Andy Warhol. Selbst seinerzeit keine unkontroversielle Figur, griff er die bestehenden Bilder von schwuler Männlichkeit auf und transformierte sie.

Neben Abbildungen von als begehrenswert angesehenen Weltstars, wie den österreichischen Bodybuilder Arnold Schwarzenegger, bildete sich Warhol in einer bekannten Fotoserie selbst in Drag ab. Sich selbst mit der eigenen Androgynität auseinandersetzen, stellt den queeren Künstler ins Zentrum seiner eigenen Arbeit. Diese Fotografien, auch wenn sie den Künstler selbst in einer Rolle abbilden, machen die Aussagen, welche durch ihre Bildsprache getroffen werden, nicht weniger relevant. Wir entdecken in diesem Wechselspiel des Subjekt und Objekts die Empfindungen und Gelüste des Künstlers, der Person hinter der Kamera, nun ebenso vor der Kamera. Eine sichtbarere Beziehung zueinander wird etabliert.

Village People in 1978.
(Quelle: Wikicommons)

Wenn hier im Text von Ikonen der schwulen Kultur die Rede ist, sind Archetypen gemeint, deren Ästhetik genauso in eine homoerotische Unterhaltungsindustrie reinbluten, wie umgekehrt. Am eindrucksvollsten ließ sich das an der US-Amerikanischen Musikgruppe Village People beobachten. Sie trieben mit ihrem Marketing als „der Holzfäller, der Amerikanische Ureinwohner, der Marineoffizier, der Bikertyp, der Polizist und der Cowboy“ diese klischeebehafteten Archetypen auf die Spitze. Aus heutiger Sicht sicher mitunter kritisierbar, doch genau das ist der Punkt: sie waren ein Ausdruck der damaligen Zeit, als die schwule Pornoindustrie durch Verbote erst in den Untergrund gedrängt wurde und dadurch mit einem massiven Boumerangeffekt in Form von popkultureller Unterwanderung in den Mainstream drängte.

Dass diese schwulen Archetypen, wie wir sie bei den Village People beobachten konnten, eigentlich stark von Künstlern wie Tom of Finland beeinflusst wurden, ist dabei dem Großteil der Bevölkerung wohl verborgen geblieben.

Physique Pictorial Vol 17 No 1
Gezeichnet von Tom of Finland 1968
(Quelle: Wikicommons)

Trotzdem nahmen heterosexuelle Männer dieses erotisch aufgeladene Männerbild, welches fast schon karikaturesque Männerkörper als Lustobjekte überzeichnete, in ihre eigenen Bestrebungen attraktiv zu wirken auf. Tom of Finland ist übrigens ein Pseudonym, da er es seinerzeit nicht für möglich erachtete unter seinem echten Namen derartige Veröffentlichungen zu verbreiten, die bestimmt wohl auch von einem zeitgenössischen Bikertyp inspiriert wurden. Nun ist James Dean sicher nicht das beste Beispiel für einen heterosexuellen Mann, er wurde von hetero Männern als solcher gesehen. Während er von männerbegehrenden Produzenten als Sexsymbol aufgebaut wurde, das eine für die Masse zugänglichere Version der durch Tom of Finland später populär gemachten Rebellenästhetik darstellte.

(Credit: Mo Blau)

Heutige Darstellungen von homoerotischen Archetypen wie Lederdaddy, Catboy/Femboy Twink, Bear, Hunk und weitere, ziehen sich sowohl durch die Malerei, die Fotografie, wie auch durch die Pornografie, Social Media, Dating-Apps und weitere Neue Medien, auch Dresscodes bei sexpositiven Parties, welche bisher noch unbekannte Möglichkeiten und Herausforderungen bieten.

(Credit: Mo Blau)

Es drängen sich einem zwangsläufig Fragen auf, wie „Was, wenn ich in keine dieser Kategorien reinpasse?“, oder „Wie stark beeinflussen diese ganzen Eindrücke mein Attraktivitätsempfinden bei anderen, lenken mein Begehren unbewusst?“.

(Credit: Mo Blau)

Aber das bietet eben auch Chancen, die man nicht unterschätzen darf. Schwulenkultur, breiter gefasst Queere Kultur, beeinflusst und beeindruckt noch heute. Das sollte sich nicht so schnell ändern…Nutzen wir es doch!