Zwei Männer, ein Regenbogen
In queeren Räumen ist oft von Vielfalt und Zusammenhalt die Rede, dabei zeigt sich immer wieder, wie unterschiedlich sichtbar wir sind. Für viele Außenstehende steht das Bild von zwei Männern unter dem Regenbogen sinnbildlich für LGBTQIA+. Dieses Bild wirkt tief nach innen: Es entscheidet mit, wer auf Plakaten auftaucht, wer in Talkshows sitzt und wer als „typisch“ für die Community gilt. Als queere Frau spüre ich täglich, wie stark diese Vorstellung meinen Alltag prägt. Lesbische, bisexuelle, queere Frauen und nicht-binäre Menschen gehören selbstverständlich dazu, aber oft nicht auf den ersten Blick, sondern erst bei genauerer Betrachtung.
Schwule Räume, lesbische Körper
Wenn ich in einen schwulen Club gehe, wird schnell klar, auf welche Körper und Wünsche der Raum zugeschnitten ist. Die Musik, die Codes, die Blicke, all das kreist um schwule Männlichkeit. Ich kann mich wohlfühlen, tanzen, Freundschaften leben. Und doch bleibt spürbar: Mein Körper, mein Begehren waren nicht der Ausgangspunkt dieser Veranstaltung. Partys, die eher von Frauen und nicht-binären Personen besucht werden, gibt es in Wien zwar, aber ein eigenes Lokal ist zumindest mir nicht bekannt. Dabei ist das kein persönlicher Vorwurf; die Räume für schwule Männer sollten auch keinesfalls weniger oder kleiner werden. Es geht um das Aufzeigen eines Symptoms und verdeutlicht, wie tief Geschlechterrollen und historische Entwicklungen unsere Strukturen immer noch durchziehen.
Gemeinsame Kämpfe, andere Akzente
Die Beziehung zwischen lesbischen* und schwulen* Bewegungen ist von gemeinsamer Geschichte und unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen geprägt. In Österreich engagierten sich Lesben* und Schwule* in denselben Organisationen, protestierten gemeinsam gegen Kriminalisierung, Stigmatisierung und staatliche Repression. Lesben* brachten Erfahrungen aus der Frauen*bewegung mit, in der Gewalt, ökonomische Abhängigkeit, Care-Arbeit und patriarchale Rollenbilder im Mittelpunkt standen. Schwule Männer kämpften insbesondere um Entkriminalisierung, rechtliche Gleichstellung und öffentliche Sichtbarkeit als homosexuelle Männer. Beide Linien sind unverzichtbar, aber sie erzeugen unterschiedliche Erfahrungen von Anerkennung, auch innerhalb derselben Community.
Starre Rollen, dynamische Ausdrucksweisen
Diese Unterschiede setzen sich in den Geschlechterrollen fort, die in unseren Räumen sichtbar werden. In vielen schwulen Kontexten kreisen Selbstbilder, meiner Wahrnehmung nach, stark um Männlichkeit: um Körper, Ideale von Stärke und bestimmte Stile der Selbstdarstellung. Weiblichkeit hingegen erscheint dort häufig als Spiel. Als Drag, als Parodie, als etwas, das man an- und ausziehen kann. Und auch als etwas, das gefeiert und wertgeschätzt wird. In lesbischen* Kontexten haben sich andere Formen herausgebildet, etwa Butch und Femme. Diese Figuren sind keine simplen Kopien heterosexueller Paare, sondern eigenständige queere Antworten auf Geschlechterrollen. So kann eine Butch lesbische Maskulinität verkörpern und eine Femme lesbische Femininität.
Irritierende Maskulinität
Besonders interessant wird es, wenn diese unterschiedlichen Formen von Genderexpressionen aufeinandertreffen. Die maskuline Lesbe* irritiert, weil sie zeigt, dass ein Männlichkeitsbild nicht an einen männlich gelesenen Körper gebunden sein muss. Sie stellt die Idee infrage, es gebe nur eine „echte Männlichkeit“. Schwule Männlichkeit wiederum macht deutlich, dass auch Männlichkeit verletzlich, queer und von Diskriminierung betroffen sein kann. Wenn wir diese Erfahrungen nebeneinanderlegen, entsteht kein Gegeneinander, sondern ein komplexeres Bild: Männlichkeit kann gleichzeitig unterdrückt und privilegiert sein. Je nachdem, mit welchem Körper, welcher Geschichte und welchen Zuschreibungen sie verbunden ist.
Privilegien und Care-Arbeit
Sichtbarkeit und Privilegien sind in diesem Bild ungleich verteilt, ohne dass das automatisch individuelle Schuld bedeutet. Viele schwule (cis) Männer erleben Homofeindlichkeit, Gewalt, riskante Coming-outs, den Verlust von Familie oder Arbeitsplatz. Gleichzeitig profitieren sie von Männlichkeitsprivilegien, etwa bei Lohn, Karrierechancen oder Zugang zu finanziellen Ressourcen. Das hat Spuren in der Community hinterlassen. Es zeigte sich daran, wer Räume betrieb, wer Veranstaltungen vordergründig organisierte, wer auf Bühnen stand und als Person mit Expertise angesehen wurde. Meinem Gefühl und meiner Erfahrung nach ist die Verteilung von ehrenamtlicher Arbeit mittlerweile gleichmäßig(er) verteilt, das war jedoch nicht immer so: Auch in der Community arbeiteten FLINTA*-Personen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen) eher im Hintergrund, im Vordergrund schwule Männer. Dennoch bleiben Aufmerksamkeit, Geld und symbolischer Status für FLINTA*-Personen oft geringer ausgeprägt.
Queerfeminismus als Haltung
Es ist hilfreich, diese Unterschiede nicht als starre Trennlinien zu begreifen, sondern als Ausgangspunkt für Gespräche. In gemischten Gruppen erlebe ich, wie wichtig es ist zu benennen, wer gerade spricht und wessen Stimmen fehlen. Wenn vor allem Männer in einem Plenum reden, ist das kein persönliches Versagen, sondern Ausdruck unserer Sozialisation und der Machtverhältnisse, in denen wir groß geworden sind. Wenn queere Frauen und nicht-binäre Personen eigene Gruppen bilden oder Räume schaffen, ist das keine Abgrenzung von Schwulen, sondern der Versuch, Erfahrungen sichtbar zu machen, die sonst leicht untergehen. Queerfeminismus bedeutet für mich, diese Dynamiken ernst zu nehmen und gleichzeitig an der Vorstellung festzuhalten, dass wir zusammengehören.
Auch FLINTA ist divers
Auch innerhalb lesbischer* und FLINTA*-Communitys gibt es Machtunterschiede. Nicht alle sind gleich sichtbar, nicht alle haben den gleichen Zugang zu Ressourcen. Hautfarbe, Geschlechtsidentität, Herkunft, Klasse, Körpernormen und Behinderungen entscheiden mit darüber, wer gehört wird und wer ständig die eigene Anwesenheit im Raum erklären muss. Rassismus, Klassismus und andere Herrschaftsverhältnisse verschwinden nicht automatisch, sobald wir einen queeren Raum betreten, sie strukturieren auch unsere politischen Bündnisse und unsere Konflikte. Ein queerfeministischer Blick auf die Community heißt darum, auch darüber zu sprechen, wie sich verschiedene Machtachsen in unseren gemeinsamen Räumen verschränken. Solidarität entsteht nicht von selbst, sondern dort, wo wir bereit sind, diese Verhältnisse zu sehen und Verantwortung dafür zu übernehmen.
Momente der Verantwortung
Hoffnung geben mir Momente, in denen diese Verantwortung spürbar wird. Wenn schwule Veranstalter bewusst FLINTA*-Kollektive einladen das Programm mitzugestalten, und bereit sind, echte Entscheidungsmacht zu teilen. Wenn lesbische* Gruppen schwule Männer als Verbündete in feministische Kampagnen einbinden und dabei klare Schutzräume respektiert werden. Wenn wir uns gegenseitig zuhören, statt nur zu erklären. Wenn eine Butch auf einer Bühne steht und von lesbischer Maskulinität erzählt und schwule Männer im Publikum nicht nur irritiert sind, sondern neugierig bleiben. Wenn wir alle anerkannt werden, ohne uns rechtfertigen zu müssen, und unsere Erfahrungen nicht als Randthema, sondern als Teil der gemeinsamen Geschichte verstanden werden. In solchen Augenblicken wird sichtbar, dass sich unsere Kämpfe nicht nur überschneiden, sondern es ein gemeinsamer Kampf ist. Dass wir einander stärken und auffangen können, wie wir es auch in der Vergangenheit schon getan haben.
Ein Netz statt ein Zentrum
Aus Perspektive einer queeren Frau heißt schwul zu sein in einer sich verändernden LGBTQIA+-Community für mich vor allem, gemeinsam einen Schritt weiterzugehen. Weg von der Vorstellung, dass eine Gruppe den Kern der Community bildet und alle anderen sich darum herum gruppieren. Hin zu einem Verständnis, in dem verschiedene Erfahrungen gleichzeitig Ausgangspunkt sein können. Lesbisch, schwul, bisexuell, trans, nicht-binär, inter, queer: diese Labels bezeichnen nicht verschiedene Personenkreise, die bloß zufällig in der LGBTQIA+-Community zusammengefasst sind. Wir sind ein Netz aus Persönlichkeiten, Beziehungen, Konflikten und Bündnissen, das nur dann stabil bleibt, wenn wir die Spannung aushalten und füreinander ansprechbar bleiben. Wir sind divers und empfinden auch nicht alle eines der genannten Labels als für uns passend.
Ich wünsche mir eine Community, in der es selbstverständlich ist, dass wir Räume gestalten, Konzepte mitbestimmen und eigene Schwerpunkte setzen. Eine Community, in der schwule Männlichkeit ihren Platz behält, aber nicht mehr automatisch als Norm gilt. In der wir gemeinsam darüber sprechen, wie Geschlechterrollen uns einschränken und zugleich Orientierung geben können. In der wir uns nicht fragen, wer das Zentrum ist, sondern welche Verbindungen wir herstellen wollen. Vielleicht ist das der spannendste Teil einer sich verändernden Community: dass wir einander immer wieder neu erzählen, wer wir sind, und dabei merken, dass wir nur gemeinsam die ganze Geschichte sichtbar machen können. Ich bin sehr froh in Wien so eine Community gefunden zu haben und diese auch gegen Einflüsse zu verteidigen, die uns spalten und auseinanderreißen wollen.
