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Chemsex

Von Lifestyle zu unterschätzter Gefahr

Chemsex ist auch in Österreich seit Jahren Realität. Spricht man mit Menschen aus der Szene oder mit involvierten Expert*innen, wird schnell klar – das Thema nimmt zu und Männer sind oft nicht mit einem Lifestyle, sondern mit ernsten gesundheitlichen Fragen und Problemen konfrontiert. Informationen, adäquate Anlaufstellen und offene Gespräche sind daher wichtiger denn je.

Mit dem Begriff Chemsex definiert man in der Regel den Konsum bestimmter Substanzen (GHB/GBL, Mephedron, Chrystal Meth, Ketamin) beim Sex von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM). Was häufig als Lifestyle in einzelnen Netzwerken beginnt und teils auch jahrelang ohne Probleme gelebt werden kann, wird mitunter sehr gefährlich. Die negativen Seiten von Chemsex können die psychische und physische Gesundheit sowie die Lebensqualität massiv und nachhaltig beeinflussen. Und auch in Österreich mussten bereits Todesfälle in Zusammenhang mit Chemsex registriert werden.

Umso wichtiger ist es, dass Männer, die Chemsex praktizieren, bei Bedarf wissen, welcher Support wo verfügbar ist. Und dass die dementsprechenden Anlaufstellen ihnen auch verlässlich einen sicheren Raum anbieten, um dieses sensible Thema vorbehaltsfrei anzusprechen. Immerhin kombiniert Chemsex gleich mehrere Aspekte, die vielerorts tabuisiert sind.

Oft stellt es schon eine Erleichterung dar, mit einer externen Person offen über Chemsex reden zu können. Das kann ermöglichen, die eigene Situation stressfrei zu reflektieren und zu überlegen, ob und welche Veränderungen gut bzw. erstrebenswert wären. Die Frage nach passenden professionellen Angeboten ist keinesfalls trivial, da es sich um eine Mischung aus diversen Themen handelt. Es geht um queere Lebenswelten, queere Sexualität und der Umgang der Gesellschaft mit der Gruppe der MSM. Es geht um sexuelle Gesundheit inklusive Infektionen wie HIV, Hepatitis, Gonorrhö oder Syphilis. Gleichzeitig geht es um Drogenkonsum, die Anwendungsform selbst (z.B. Slammen), Überdosierungen oder Wechselwirkungen. Und es geht um psychische Komponenten wie Blackouts, Panikgefühle, Psychosen oder depressive Episoden. Dies sind nur einige der vielen möglichen Aspekte der Chemsex-Thematik, die aber gut verdeutlichen, dass die Frage „An wen wenden?“ sehr individuell ist: Es gibt hier keine „One-size-fits-all“- Lösungsvorschläge.

Um dem zu begegnen, wurde vor Jahren das Österreichische Chemsex Netzwerk gegründet. Es bietet eine Orientierungshilfe, welcher Support wo angeboten wird: Unter www.chemsex.at finden sich österreichweit Anlaufstellen, die im Thema arbeiten und Chemsex praktizierenden Männern aufgeschlossen und ohne Wertung begegnen.

Chemsex – Definition und Fokus helfen

Natürlich haben Menschen seit jeher Sex und konsumieren Substanzen. Auch die Kombination aus beidem ist nicht neu. Sex & Drugs ist keinesfalls ein exklusives Thema von MSM. Ganz unabhängig von sexuellen Orientierungen oder geschlechtlichen Identitäten wird in allen Bevölkerungsgruppen, Altersklassen, sozioökonomischen Settings etc. Sexualität durch Substanzen verändert oder kommt es umgekehrt beim oder durch den Konsum zu Sex. Als einfaches Beispiel wäre wohl Alkohol zu nennen.

Dennoch ergibt es Sinn, Angebote für definierte Personengruppen zu stellen, da Hintergründe, Umfeld und Lebenswelten einfach oft sehr unterschiedlich sind. Die Definition Chemsex bietet genau diesen Fokus an. Leider entsteht durch diesen Fokus teils das Missverständnis, Expert*innen würden sexualisierten Substanzkonsum bei anderen Menschen nicht ernst nehmen. Und durch den Fokus wird manchmal unterstellt, dass hier alle MSM in eine Schublade gesteckt würden. Beidem ist definitiv nicht so.

Chemsex – Drei Umfragen zeigen auf

Nicht nur Chems-konsumierende MSM und ihr direktes Umfeld stehen mitunter vor großen Herausforderungen. In Folge der vielen involvierten Themen und der großen Bandbreite an physischen und psychischen Auswirkungen sind die Expert*innen unterschiedlicher Fachrichtungen ebenfalls enorm gefordert. Es werden daher auch in Österreich immer wieder Umfragen durchgeführt, um die Situation greifbar zu machen und um mit den Ergebnissen die Angebote zu verbessern.

Viele Daten unterstreichen, dass Chemsex keinesfalls bagatellisiert und potenzielle Auswirkungen nicht verharmlost werden dürfen, wie folgende Auszüge aus Umfragen veranschaulichen.

Umfrage 1: Unterschiedliche Wahl der Anlaufstellen von MSM und Gesundheitssystem

Anfang 2021 nahmen 154 MSM und 59 Gesundheitsanbieter*innen an einer Online-Umfrage teil. Spannende Ergebnisse lieferte die Frage, welche Anlaufstelle für das Thema Chemsex geeignet wäre.

Von den MSM würden sich ca. 30 % an Ärzt*innen bzw. Einrichtungen zu sexueller Gesundheit wenden und ca. 11 % an Suchteinrichtungen. Mitarbeiter*innen des Gesundheitssystems hingegen würden am häufigsten (ca. 36 %) an die Drogenberatung verweisen. Es besteht also eine unterschiedliche Wahrnehmung, was passende Unterstützung sein kann. Zusätzlich nannten die Männer als Informationsquelle an erster Stelle den Freundeskreis (ca. 40 %) und das Internet (ca. 31 %). Das veranschaulicht vermutlich die Hemmschwelle, das Thema mit Expert*innen zu besprechen.

Umfrage 2: Unterschiedliche Einschätzung der Konsequenzen von MSM mit und ohne Chemsex

Ende 2022 beantworteten fast 200 MSM diverse Fragen. 52 % der Männer hatten eigene Chemsex-Erfahrungen. Es wurde z.B. gefragt, wohin man sich beim Thema Chemsex wenden würde. Hier ergab sich ein interessanter Unterschied bei der Wahl der Anlaufstelle. Chems-User gaben an erster Stelle Ärzt*innen (22 %), gefolgt von Drogenberatungen und Psychotherapeut*innen (jeweils 14 %) an. Im Gegensatz dazu würden sich Nicht-User seltener an Ärzt*innen (10 %) und kaum an Drogenberatung (4 %) und Psychotherapie (3 %) wenden. Die Nicht-User gingen also weniger davon aus, dass medizinische oder psychotherapeutische Unterstützung notwendig sein kann. Diesen Unterschied kann man so interpretieren, dass Non-User die gesundheitlichen und psychischen Probleme im realen Chemsex-Leben unterschätzen.

Umfrage 3: Unterschiedlicher Zugang zu eigenem Unterstützungsbedarf bei Chemsex

Eine Ende 2024 durchgeführte Online-Umfrage (mit Schwerpunkt Wien) inkludierte 102 Chemsex-praktizierende MSM. Die häufigsten konsumierten Substanzen waren Mephedron (92 %) und GHB/GBL (86 %), gefolgt von Ketamin (61 %) und Methamphetamin (47 %). Bei allen Substanzen wurde von einer Zunahme des Konsums über die Zeit berichtet. Mehr als die Hälfte (54 %) konsumierte mehrfach pro Monat und 25 % berichteten über Erfahrungen mit intravenöser Anwendung. Jeder zweite Teilnehmer begann innerhalb der letzten 5 Jahre mit Chemsex, die COVID-19-Pandemie dürfte das Problem also spürbar verschärft haben. Nur 12 % der Chems-User in dieser Umfrage hatten jemals professionellen Support in Anspruch genommen, obwohl 38 % ihren Konsum als „nicht kontrolliert“ bewerteten. Die Notwendigkeit für Aufmerksamkeit und Angebote bleibt damit nicht nur hoch, sondern steigt an.

Interview mit Mediziner Dr. Horst Schalk

Allgemeinmediziner und HIV-Experte Dr. Horst Schalk betreut in seiner Ordination auch MSM, die mit Chemsex-Themen Unterstützung suchen.

Welche medizinischen Probleme zum Thema Chemsex kommen in deiner Ordination vor?

Meistens geht es um direkte Auswirkungen vom Slammen, also vom Injizieren der Substanzen. Wir sehen Phlegmone, Abszesse, Infektionen und auch Nekrosen an Armen und Beinen. Sie entstehen durch unsterile Nadeln, ungelerntes Injizieren und die Substanzen selbst. Manche Patienten sagen offen, woher die Symptome stammen, andere erklären z. B., es wären Insektenstiche. Letztlich ist die Erklärung egal. Hauptsache, es wird behandelt und Spätfolgen werden reduziert.

Wie behandelt man Spritzenabszesse und was sind Spätfolgen?

Abszesse und Entzündungen werden mit Antibiotika behandelt. Unterschätzt werden aber oft die Langzeitfolgen von intravenösem Drogenkonsum. Es kommt zu einer Vernarbung der Venen. Bei Blutabnahmen, oder falls mal eine Infusion notwendig ist, finden sich dann wenig verwendbare Venen. Diese Vernarbungen bilden sich nicht mehr zurück und sind auch Jahre nach dem Konsum und unabhängig von Chemsex ein Problem.

Gibt es noch andere Aspekte, mit denen Männer sich an euch wenden?

Wir sehen auch Verletzungen durch längeren und härteren Sex, was ja unter Chems vorkommt, also z. B. Analfissuren oder sogar Darmrisse mit hochdramatischen Folgen. Hier wieder der Aufruf: Es braucht keine Erklärung oder Rechtfertigung. Wichtig ist, dass man eine Behandlung ermöglicht.

Spielt Scham immer eine Rolle? Bietet eure Schwerpunktpraxis einen Safe Space?

Es ist natürlich unser Wunsch und Ziel, einen geschützten Rahmen zu bieten. Für viele unserer Patienten funktioniert das auch und sie können entspannt ihre Themen vorbringen. Aber alle Menschen sind unterschiedlich und das sehen wir genauso in Bezug auf Chemsex. Von super schüchtern bis hoch extrovertiert – da ist alles dabei. Trotz möglicher Scham ist es wichtig, dass uns die Männer ihr Problem schildern. Denn auch mit unserer Erfahrung können wir ja nicht hellsehen. Und unsere Patienten sind mündige Menschen, wir setzen schon ein Mindestmaß an Offenheit uns gegenüber voraus, damit wir als Mediziner gut unterstützen können. Und zwar ganz egal zu welchem Thema.

Interview mit Psychotherapeut Mag. David Mayrhofer MSc

Der klinische Psychologe, Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut Mag. David Mayrhofer berichtet aus seinen Erfahrungen.

Was sind Auslöser, dass Menschen mit einer Chemsex-Thematik psychotherapeutischen Support suchen?

Viele Männer machen schon seit längerem Chemsex und erzählen, dass ihnen in den letzten Monaten die Kontrolle entglitten ist und sie jetzt mehr konsumieren als geplant. Gemeint ist einerseits öfter – statt z. B. früher einmal im Monat inzwischen jede Woche – und andererseits länger. Das bedeutet, dass früher eine Session vielleicht einen Abend lang war und jetzt über 24 oder 48 Stunden geht. Das gilt auch für Sessions allein, also Chemskonsum und Selbstbefriedigung in Kombination mit Pornografie. Wenn im Nachhinein der Gedanke auftaucht „Eigentlich hatte ich das nicht geplant und es ist mir schon wieder passiert“, ist das ein Zeichen für Kontrollverlust.

Gibt es noch andere Merkmale, an denen man feststellen könnte, dass sich die Situation verändert und aus der Kontrolle gerät?

Es gibt Merkmale, die für viele Substanzen und Süchte anwendbar sind. Und zwar, wenn andere Lebensbereiche beeinträchtigt werden. Etwa wenn die Arbeitsleistung nachlässt, z.B. weil man montags nach einer Session verkatert in der Arbeit ist oder eventuell gar nicht arbeiten gehen kann. Oder wenn andere Aktivitäten und Hobbys zurückgefahren werden. Viele Klienten erzählen, dass sie insgesamt weniger mit Freund*innen unternehmen. Mit der Zeit distanzieren sich dadurch Freundschaften.

Entstehen auf Chemsex-Partys nicht umgekehrt neue Kontakte, bzw. gibt es hier nicht eine starke Gemeinsamkeit?

Oft entstehen keine persönlichen oder freundschaftlichen Kontakte. Gemeinsamkeiten im Erleben einer Party gibt es natürlich, doch gleichzeitig auch sehr verschiedene Wahrnehmungen. Was für manche Männer in Ordnung und lusterfüllend ist, kann für andere übergriffig oder sogar traumatisierend sein. Das empfinden alle im gemeinsamen Erleben sehr unterschiedlich.

Chemsex ist auf vielen Ebenen individuell. Gibt es Fragen oder Themen, die für alle passen?

Am Anfang steht in der Regel die Frage, wo jemand hinwill. Viele sagen: „Ich möchte zurück zum kontrollierten Konsum.“ Das ist ja auch völlig verständlich. Ehrlicherweise sage ich dann: „Das ist zwar schwierig, aber möglich.“ Oft hilft es, eine mehrwöchige Abstinenz zu schaffen, um einfach aus der laufenden Dynamik auszusteigen. Für Andere reicht eine Pause nicht und sie benötigen einen kompletten Bruch zum Thema. Da braucht jeder was anderes. Letztendlich ist aber für alle das Ziel, wieder zu mehr Lebensqualität und einem selbstbestimmten Leben zurückzukommen.

Von Birgit Leichsenring

Mikrobiologin und biomed. Wissenschaftskommunikatorin (www.med-info.at)