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Gespensterrollen auf dem Beifahrersitz

Als ich angefangen habe, Personen meines Geschlechts zu daten, dachte ich zunächst, dass ich die Schwerkraft heteronormativer Rollen endlich hinter mir lassen kann. Zwei Frauen, keine Männer, dementsprechend keine Maskulinität, keine Dominanz, kein stilles Gesetz, das zwischen uns steht und schon gar keine heteronormative Ordnung. Doch erst durch eigene Erfahrungen wurde mir bewusst, wie hartnäckig sich bestimmte Rollenbilder durchsetzen wollen. Die Rollenerwartungen kehrten leise zurück, in Gesten, in Erwartungen, in Fragen, die ich mir stellte. Obwohl ich mich als feministisch und queer-politisch reflektiert verstand, merkte ich, dass ich längst nicht so frei von heteronormativer Prägung bin, wie ich dachte.

In meiner früheren Beziehung mit einem heterosexuellen cis Mann verfolgte mich stets das Gefühl, viel zu „männlich“ zu sein, abgesehen davon, dass ich zu dieser Zeit schon sehr stark an meinem heterosexuellen Dasein zweifelte. Also machte ich mich kleiner, gab Raum ab, übte mich im Zurücktreten. Ich setzte mich instinktiv auf den Beifahrersitz, wartete vor Türen, dass er sie öffnete, versuchte mich über Blumen zu freuen, die er mir schenkte. Und das sicher nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit, aus einem Pflichtgefühl, seiner Männlichkeit genug Raum zu geben. Als ich ging, blieb ein Verlagen: Aufbrechen.

So stolperte ich von Date zu Date mit der Mission, alle Genderrollen, die mir seit meiner Kindheit mitgegeben wurden, zu durchbrechen. Ich übernahm alles, was ich davor nicht durfte. Fuhr Auto, hielt unzählige Türen auf und brachte Blumen mit. Mal war es mir so wichtig, dass ich alles ablehnte, was in mein stures Gegensteuern nicht reinpasste, oft schaute ich weg. Ich spielte mit dem Gegensatz, spielte mit der vermeintlichen Freiheit. Bis ich mich verliebte.

Und plötzlich standen wir da, zwei Frauen, die beide Auto fahren, Türen aufhalten und Blumen kaufen. Zwei, die sich gegenseitig den Mantel zum Reinschlüpfen reichen. Und keine von uns weiß so recht, wer ihn zuerst anziehen soll.

All den Widerständen und Gedankenkonflikten liegt eine Erkenntnis zugrunde: Ich kann mich mit dem binären Denken nicht anfreunden, das ständig und ausnahmslos zwischen „maskulin“ und „feminin“ unterscheidet. Mich stört daran, dass diesen Kategorien starre Eigenschaften zugeschrieben werden, die sich scheinbar ausschließen. So sehr ich nachvollziehen kann, dass diese klaren Muster Orientierung und vermeintliche Sicherheit schaffen, so hartnäckig begleitet mich der Gedanke, dass sie uns zugleich einschränken, indem sie unserer Persönlichkeit starre Grenzen setzen. Zwischen all dem taucht die Frage auf, ob das auch anders gelebt werden darf.

Ich beginne, meine eigene Identität zu hinterfragen, mich auszuprobieren, Grenzen zu verschieben. Nebenbei beobachte ich in der lesbischen Community, dass Beziehungspersonen teilweise in entweder stärker „maskulin“ oder „feminin“ gelesene Rollen eingeteilt werden. Diese Rollen erzeugen automatisch Erwartungen. Es gibt klare Zuschreibungen: eine Person übernimmt Verantwortung, die andere ist für alle emotionalen Belange zuständig, eine Person führt, die andere folgt. So entstehen nicht nur Machtgefälle, sondern besonders starke Abhängigkeitsdynamiken, die schlicht an heteronormative Muster erinnern.

Ich hinterfrage nun nicht nur mich selbst, sondern auch meine Partnerin und unser gemeinsames Auftreten in der Gesellschaft. Was bedeutet es eigentlich „maskulin“ zu sein? Was ziehe ich am besten an, wenn ich mich heute eher „feminin“ fühle? Und warum muss ich mich stets an diesen zwei Kategorien orientieren?

Diese Muster kommen mir nicht zufällig vor, sondern als Ausdruck einer Sozialisation, in der Beziehungen fast immer in männlichen-weiblichen Gegensätzen dargestellt werden. Auch queere Spaces sind davon nicht unbeeinflusst. So kann es dazukommen, dass wir alternative Beziehungsformen leben wollen aber dennoch alte Rollenbilder in einer neuen Form reproduzieren.

Das Auseinandersetzen mit (toxischer) Maskulinität in lesbischen Beziehungen zeigt mir immer wieder, wie tief Rollenerwartungen in unserer Gesellschaft verankert sind, selbst dort, wo ich sie nicht erwartet hätte. Für mich bedeutet das, bewusster hinzusehen und meine Handlungen und Einstellungen immer wieder zu reflektieren. Wo handle ich aus meiner Persönlichkeit und wo aus erlernten Strukturen? Auch wenn viele Fragen offenbleiben, höre ich nicht auf, mich selbst immer wieder neu zu einer genderneutralen Haltung zu erziehen.

Von Sarah Fichtinger

B.Sc. Psychologie