Vom Finden einer Community
„Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das Gemeinschaftsgefühl, […] erstreckt sich im günstigsten Fall nicht nur auf Familienmitglieder, sondern auf den Stamm, das Volk, auf die ganze Menschheit. Es kann sogar über diese Grenzen hinausgehen und sich dann auch auf Tiere, Pflanzen und andere leblose Gegenstände, schließlich sogar auf den Kosmos überhaupt ausbreiten.“ – Adler, 1927
Das Gemeinschaftsgefühl ist eines der wichtigsten Gefühle, weil es uns verbindet. Freundschaften, Liebschaften und familiäre Beziehungen beruhen auf dem Gefühl, dass man sich gesehen und verstanden fühlt. Vor allem in Selbstfindungsphasen des Lebens ist man auf andere Menschen und deren Verständnis oder Hilfe angewiesen: so auch wie in einigen Filmen und Serien, die die Selbstfindungsphasen schwuler Jugendlicher behandeln.
Found family
„Found family“ (also die Entstehung familienähnlicher Bande durch Freundschaften; oftmals, wenn die eigentliche Familie dem nicht nachkommt) ist eine Trope, die sich über viele queere Geschichten hinweg zeigt. In „Heartstopper“ ist sie ebenfalls präsent – jedoch nicht bei dem Hauptcharakter Charlie, sondern bei Darcy, eines queeren weiblichen Charakters, der im Gegensatz zu den anderen Charakteren der Serie aus einem unguten Elternhaus kommt.
Auch bei dem Film „Love, Simon“ sieht man das Konzept der „found family“, wenn auch etwas anders als gewohnt: Simons Vater lässt gern den ein oder anderen Witz über queere Menschen fallen, doch er macht das nicht um seinen schwulen Sohn zu demütigen. Seine Eltern sind einfach noch ahnungslos. Und hier kommen seine Freunde ins Spiel, die ersten Menschen, denen er sagt, dass er schwul ist. Seine Freunde fungieren hier sozusagen als eine „Testfamilie“, bei der Simon probt, wie es ist, diese Worte in den Mund zu nehmen und eine noch nie vorher dagewesene Verwundbarkeit zu zeigen.
Raum der Orientierung
Jugendliche sind in sich orientierungslos und wissen noch nicht, wie sie sich in die Gesellschaft einfinden werden/sollen. Mit der Zeit finden sie dann Zugehörigkeit und ein Gemeinschaftsgefühl mit ihren Mitmenschen. Etwas, das helfen kann, sich selbst zu finden, ist zu Leuten aufzuschauen, die sich bereits gefunden haben oder gerade ebenfalls im Prozess sind. Durch sie werden andere Perspektiven und Lebensausblicke gewonnen, die einem helfen können. „Alex Strangelove“ ist ein Film über genau diesen Punkt: ein Film über die Suche nach einem Label – nach einer Community, die der Protagonist am Ende auch findet.
Durch diese Filme können sich junge Schwule selbst besser einordnen und wichtige Dinge lernen, wie die Wichtigkeit von Freunden in der Jugend, aber auch im ganzen Leben, inklusive dem Umgang mit schwierigen oder teils bedrohlichen Situationen.
Ausblick auf die Community
Eine Community entsteht da, wo gleichgesinnte Leute sich austauschen und zusammen etwas Anderes – etwas Größeres bilden. Es ist ein unkonkreter Ort, der sich stets im Wandel befindet. Ein Ort, der durch seine Teilnehmenden zusammen geschaffen, gestaltet und erhalten wird.
Man ist nicht mehr bloß ein Konsument eines Filmes; man schafft selbst etwas, wie neue Beziehungen oder kreative Auslegungen des Films. Menschen kommen zusammen und schreiben Geschichten, zeichnen oder machen Fanvideos.
“Für mich hat das ganz viel verändert. Ich wäre sonst nicht, wo ich heute bin. [. . .] Auf einmal waren da ganz viele Menschen, die sich für dieselben Dinge interessieren wie ich, und ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das Schönste ist, dass sich niemand für den Wettbewerb interessiert. Es geht um die Leute und um die Wertschätzung von ihren Filmen.“ – Teilnehmer einer Filmmesse
Es ist immer schön, wenn Leute mit gleichen Interessen zusammenkommen und sich unverblümt austauschen können. Filme und Serien von oder auch über diese Communitys ebnen Wege, die junge Menschen für die Zukunft sehr gebrauchen können, wie die Kenntnis seiner selbst, aber auch communityinternen Slang.
Edda Eggs
Eine dem Regen lauschende Germanistik-Studentin aus Wien. Sie liebt es, sich fantasievolle aber auch realistische Geschichten auszudenken und sie mit interessanten Charakteren zu bereichern, die sie ab und an auch selber zeichnet:)
