Ich persönlich fand es schon sehr bezeichnend, als 2023 der CDU-Spitzenpolitiker Jens Spahn in einem „Nius“ Interview zum Thema Selbstbestimmungsgesetz sagte, er sei „schwul, nicht queer“. Weiters Spahn: „Ich bin ja nicht morgens wach geworden und habe mir gesagt: Ich will jetzt schwul sein. Ich bin es einfach. Und deswegen kann ich mit diesem ‚Ich-definiere-mich-jetzt-mal-als-dies-oder-jenes‘ wenig anfangen“, und insinuierte mit dieser Aussage unterschwellig, dass das Schwulsein keine Entscheidung sei, aber Teile der queeren Community sich ihre Identität frei nach Lust und Laune auswählen würden.
Dieses Interview führte mir erstmalig eindrücklich vor Augen, dass der Wunsch nach persönlicher Abspaltung von Teilen der (queeren) Community selbst bei manchen schwulen Männern vertreten ist.
Ausschluss wegen Diskriminierungsangst
“Ich bin schwul, nicht queer“, oder „Ich bin zwar mit einem Mann zusammen, aber sonst so wie ihr“, sind Aussagen, die man auch heute noch oft hört. Meist in Situationen, in denen schwule Männer ihr Leben einem heterosexuellen Umfeld vorstellen. Ein Gefühl kommt auf, anderen eine Erklärung schuldig zu sein. Welche Botschaft dabei mal mehr mal weniger unterschwellig mitschwingt, ist ein „Ich bin zwar schwul, aber anders als die anderen. Ich bin normal und so wie ihr.“ Auf solche Aussagen folgen meist Beteuerungen, dass schwul und lesbisch sein ja okay sei, aber trans beziehungsweise nichtbinäre Menschen „unserem Ruf als Community schaden würden.“
Aber warum tun das manche schwule Männer und auch lesbische Frauen? Warum diskriminiert man Menschen aufgrund ihrer Identität oder Sexualität, wo man doch wahrscheinlich im eigenen Leben schon negative Erfahrungen mit dieser Art Diskriminierung sammeln musste? Ich würde dieses Gebaren als eine Art Selbstschutzmechanismus sehen von Menschen, die Angst davor haben, diskriminiert zu werden, weil sie zu einer Gruppe zugehörig befunden werden, die auch heute noch in westlichen Gesellschaften oft diskriminiert wird. Sie wollen sich quasi nicht „sinnlos ins Kreuzfeuer stellen, wenn sie selbst ja nicht betroffen sind.“ Für sie ist der Kampf um ihre persönlichen Rechte abgeschlossen, jede weitere Bemühung würde einen persönlichen Kontrollverlust bedeuten. Manchmal artet das zu einem Extrem aus, dass die eigene Sexualität verschleiert oder heruntergespielt wird, nur um im gleichen Satz doppelt so stark zu beteuern, dass man trotzdem ein ganz „normaler“ Mensch sei. Oder man ist ein hochrangiger Politiker in einem Interview beim rechten Krawallmedium „Nius“ und möchte die konservativen bis rechten Menschen nicht mit seiner „eigenen Sexualität vor den Kopf stoßen“ und kostbare Wählerstimmen verlieren.
Ich muss selbst zugeben, dass ich mich auch ausgrenzend innerhalb der eigenen Community verhalten habe. In meinen Teenagerjahren, nach meiner ersten Outingwelle, war es mir wichtig, mich von „schrillen und femininen“ Männern abzugrenzen. Nicht, weil ich deren Lebensstil verwerflich gefunden habe. Insgeheim bewunderte ich sie. Ich tat es, weil ich Angst vor Ausgrenzung und Kontrollverlust hatte. Anstatt stolz zu mir und der Community zu stehen, blieb nach meinem Outing ein Fuß immer noch im Schrank. Diese Zeit konnte ich glücklicherweise in meine frühen Teenagerjahre verbannen. Heute bin ich sehr viel reflektierter. Aber diese Entwicklung scheint bedauerlicherweise nicht jeder vollzogen zu haben.
Im selben Boot
Aber was ist daran das große Problem? Denn ich höre von vielen Menschen, auch innerhalb der eigenen Community, dass solche Narrative von schwulen Männern ja ihre persönliche Entscheidung seien. Wenn sie es für nötig halten, sich von der queeren Community zu distanzieren, sei das ja ihre persönliche Sache. Jens Spahn darf gerne „nicht queer, sondern schwul“ sein. Am Ende ist es mir persönlich herzlich egal, wie sich ein Herr Spahn definiert.
Alles kein Problem, wenn ich nicht sehen würde, wie dieses Narrativ verwendet wird, um gegen queere Menschen zu hetzen: strategische Angriffe auf Teile der queeren Community, um diese Teile zu isolieren und die Community an sich zu schwächen. Wenn ich mich als schwul oute, aber Wert darauf lege, andere Teile der queeren Community herabzusetzen oder auszuschließen, verfestige ich eine Hierarchie. Oben ich, der schwule Mann, der ja eigentlich fast so wie die anderen heterosexuellen Männer ist. Unter mir Menschen, die heute noch eine große Zielscheibe für den Hass rechtspopulistischer und fundamentalistischer Akteure darstellen. Ich werte mich auf, indem ich anderen ihr Recht abspreche.
Der Gedanke der queeren Bewegung soll doch sein: „Gleiches Recht für alle, egal wen man liebt und wer man ist.“ Doch das Privilegieren der eigenen gesellschaftlichen Position in der heteronormativen Welt durch das öffentliche Verurteilen von Teilen der LGBTQIA+-Community widerspricht diesem Ansatz komplett.
Wie können wir uns sicher sein, dass wir die gleichen Rechte wie heterosexuelle cis Menschen haben, wenn wir Teile unserer eigenen Community ausschließen? Am Ende des Tages weichen wir alle von der heteronormativen Norm ab. Wir alle müssen auch heute noch für unsere Rechte kämpfen, die nach wie vor alles andere als in Stein gemeißelt sind.
Wenn wir uns intern abwerten und gegenseitig unsere Rechte sowie unser Existenzrecht absprechen, machen wir uns angreifbar für mächtige Menschen. Mächtige Menschen, die am Ende des Tages keinen Buchstaben von LGBTQIA+ in der Öffentlichkeit sehen wollen und sich die Hände reiben, wenn sie sehen, dass die Community nicht zusammensteht.
Mächtige Menschen und der Kulturkampf
Schon mal von „Divide and Conquer“ gehört? Eine Strategie rechter und fundamentalistischer Akteure, um Gesellschaften durch Kulturkämpfe zu schwächen. „Divide“ (teilen) und „Conquer“ (besiegen) spricht davon, dass Gesellschaften leichter zu manipulieren und zu steuern sind, wenn sich tiefe Gräben zwischen Menschen und sozialen Gruppen bilden.
Wie sieht diese Strategie in der Praxis aus? Man begünstigt durch einseitige Berichterstattungen, emotionalisierte Narrative und das Etablieren eines „Wir gegen Die“-Denkens eine Atmosphäre der Polarisierung zu bestimmten gesellschaftlichen Themen. Man spielt Menschen gegeneinander aus. Menschen ohne Migrationshintergrund gegen Menschen mit einem. Mann gegen Frau. Hetero gegen Queer. Schwul gegen trans. Auf diese Art bekämpfen sich gesellschaftliche Gruppen untereinander anstatt Ungleichheiten des Systems an sich in Frage zu stellen. Hinter dieser Strategie stehen rechte Politiker*innen, fundamentalistisch-religiöse Oberhäupter und einflussreiche Unternehmer*innen. Diese sehen im Kulturkampf die Chance, ihre eigenen Positionen zu sichern. Sie müssen keinen starken Gegenwind aus der Bevölkerung fürchten, wenn sich dort die Menschen gegenseitig bekämpfen.
Ich weiß, es klingt extrem und fast schon wie Verschwörungsglaube, aber die Strategie „Divide and Conquer“ ist nachweislich fester Bestandteil politischer Kampagnen wie der „LGB without the T“-Bewegung, der „LGB Alliance“ oder dem „Family Research Council“, einer christlich-rechten Denkfabrik in den USA. Alles Organisationen mit starken Verbindungen zu einflussreichen Unternehmer*innen und nicht zuletzt zu Politiker*innen.
„Unite“ statt „Divide“
Am Ende bleibt eine unbequeme Wahrheit: Sicherheit durch Anpassung ist eine Illusion. Rechte, die nicht gemeinsam verteidigt werden, sind nie dauerhaft. Schwule Männer, die sich heute durch Abgrenzung absichern wollen, werden morgen feststellen, wie schnell ihre eigenen Rechte wieder zur Debatte stehen können.
„Unite“ (zusammenschließen) heißt nicht, gleich zu sein und jede Entwicklung unkommentiert abzunicken, sondern solidarisch zu sein. Seine Sicherheit und Bestätigung nicht bei seinen eigentlichen Unterdrückern zu suchen. Es heißt, Spaltungsversuche von mächtigen Menschen zu erkennen und ihnen bewusst entgegenzutreten. Denn nur eine Community, die zusammensteht, kann dem Kulturkampf etwas entgegensetzen. Ohne „Divide“ ist nämlich kein „Conquer“ möglich.
