Das traditionelle Männerbild
Es ist nach wie vor tief in der Gesellschaft verankert, dass Männer zur Wettbewerbs- und Leistungsorientierung erzogen werden sollen. Traditionell männliche Werte wie Erfolg, Status, Stärke, Unabhängigkeit, Durchsetzungsvermögen, emotionale Zurückhaltung und Dominanz prägen nach wie vor das Selbstwertgefühl vieler erwachsener Männer. Bereits Kinder wachsen mit diesen Normen auf und verinnerlichen so, immer kämpfen und stark sein zu müssen, um nicht als passiv oder schwach zu gelten. Es wird somit noch immer vermittelt, dass es eine richtige und eine falsche Art gebe, ein Mann zu sein.
Das traditionelle Männerbild bringt jedoch diverse Schwierigkeiten mit sich:
- Emotionale Unterdrückung: Männer werden dazu ermutigt, Gefühle zu unterdrücken, was zu psychischen Problemen wie Depressionen oder Angst führen kann. Psychische Erkrankungen wiederum gelten als „schwach“.
- Gewalt und Aggression: Das Ideal des starken, dominanten Mannes kann aggressive und gewalttätige Verhaltensweisen begünstigen.
- Überhöhter Leistungsdruck: Der Druck, alleiniger Versorger der Familie zu sein und beruflichen Erfolg zu haben, kann zu psychischen Problemen wie Burnout führen.
- Fehlende emotionale Nähe: Durch die Betonung von Unabhängigkeit und Stärke kann es zu Schwierigkeiten kommen, enge und unterstützende Beziehungen aufzubauen, was Einsamkeit und Isolation weiter verstärkt.
- Schädliche Stereotype: Diese können zu einer eingeschränkten Sichtweise führen, was ein Mann sein und tun kann, weshalb manche Wünsche eventuell nicht ausgelebt werden.
Übergang zu neuen Männerbildern
Gleichzeitig gerät das traditionelle Rollenbild des starken Mannes seit einigen Jahrzehnten ins Wanken. Ursachen dafür sind einerseits sich wandelnde gesellschaftliche Bewegungen, andererseits aber auch persönliches Wachstum und vermehrte Reflexion von Männern. Alternative Männerbilder sind vielfältiger und dynamischer. Betont werden Empathie, Bedürfnisorientierung sowie Unterstützung bei Hausarbeit und Kindern.
Es ist kein Wunder, dass bei vielen Männern deshalb eine Unsicherheit vorherrscht, was gesellschaftlich von ihnen erwartet wird, da es noch kein neues männliches Leitbild in der Gesellschaft gibt. Erschwert wird das noch durch die Unvereinbarkeit des traditionellen und alternativen Männerbildes sowie Generationsunterschiede, da sich das Männlichkeitsideal von älteren und jüngeren Männern teils stark unterscheidet. Dieser Übergang zu neuen Rollen kann Identitätskrisen oder Selbstzweifel auslösen.
Männer und psychische Gesundheit
Männer gehen oft anders mit dem Thema psychische Gesundheit um:
- Da Frauen eher zugestanden wird, Emotionen zu zeigen und über Probleme zu sprechen, haben Männer oft einen Druck, „schwach“ konnotierte Emotionen wie Angst oder Traurigkeit zu unterdrücken bzw. mit Wut zu kompensieren.
- Hilfesuche: Männer suchen sich seltener professionelle Hilfe, weil sich Hilfe zu suchen oft als Zeichen von Schwäche gesehen wird.
- Männer tun sich oft schwer, mit Freund:innen oder Familie über psychische Probleme zu sprechen aus Angst, schwach zu wirken. Dadurch sind Männer anfälliger für Isolation, besonders in Krisenzeiten.
- Falsche Informationen: ein Mythos lautet beispielsweise, dass Männer seltener an Depression erkranken. Grund hierfür ist einerseits, dass Männer sich seltener Hilfe suchen und im Gesundheitssystem aufscheinen. Andererseits zeigen depressive Männer oft andere Symptome als Frauen. Während Frauen von gedrückter Stimmung, Antriebsmangel und Interessensverlust berichten, ist bei Männern eher Gereiztheit, Aggression, Risikoverhaltensweisen und erhöhter Alkoholkonsum vorhanden.
Die Konsequenzen können schwerwiegend sein. So gibt es bei Männern bis zu dreimal höhere Suizidraten und ein stark erhöhtes Risiko, dass psychische Erkrankungen unbehandelt bleiben, was zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einer Sucht führen kann. Auch berufliche Konsequenzen durch eine verminderte Leistungsfähigkeit aufgrund des Ignorierens von psychischen Symptomen sind möglich. Das Risiko ist außerdem hoch, auch den eigenen Kindern diese Normen mitzugeben, was in einem Kreislauf münden kann.
Der Weg aus dem Kreislauf heraus
Es ist wichtig, eigene Definitionen von Männlichkeit zu finden. Auf individueller Ebene können Selbstreflexion, das Sammeln von Information, Offenheit für Veränderung, Gefühle erkennen und ausdrücken lernen, das offene Zeigen von Empathie, Vorbilder mit ähnlichen Werten suchen und Mut, gegen gesellschaftliche Erwartungen zu handeln, helfen.
Es braucht aber auch ein kollektives Bewusstsein. Aufklärung ist dabei besonders wichtig. So können beispielsweise speziell an Männer gerichtete Kampagnen wichtige Informationen liefern. Gesellschaftlich braucht es eine Normalisierung, dass auch Männer über psychische Probleme sprechen dürfen.
Psychische Gesundheit ist ein universelles Menschenrecht, das Menschen aller Geschlechter zustehen muss. Umso wichtiger ist es, auf individueller und kollektiver Ebene Schritte in die richtige Richtung zu unternehmen!
