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Lust ohne Zweifel

Ein spontaner Flirt, eine Nacht voller Nähe, eine Begegnung ohne Verpflichtung – für viele Menschen ist das Teil eines freien, selbstbestimmten Lebens. Lust zu leben heißt auch, Verantwortung zu übernehmen: für die eigene Gesundheit und die der anderen. Gerade wenn Sexualität vielfältig und offen gelebt wird, rückt das Thema sexuelle Gesundheit stärker in den Mittelpunkt.

Trotz aller Fortschritte in Medizin und Prävention bleibt HIV in Österreich präsent. Im Jahr 2024 wurden laut Virologie der Universität Wien 454 neue HIV-Diagnosen registriert – etwas mehr als in den Jahren zuvor. Insgesamt leben rund 8.400 Menschen mit HIV in Österreich. Die meisten von ihnen führen dank moderner Therapie ein völlig normales Leben. Doch etwa 42 % erfahren erst spät von ihrer Infektion – oft erst, wenn das Immunsystem bereits geschwächt ist. Besonders betroffen ist die Altersgruppe zwischen 20 und 50 Jahren, also Menschen mitten im Leben. Diese Zahlen zeigen, wie wichtig regelmäßige Tests und niederschwellige Angebote sind – nicht nur für bestimmte Gruppen, sondern für alle, die sexuell aktiv sind.

Wissen, testen, handeln

Ein HIV-Test bedeutet heute keine Hürde mehr. Schnelltests liefern Ergebnisse in rund 30 Minuten – allerdings erst 12 Wochen nach dem Risikokontakt, Labortests sind noch präziser und erkennen Infektionen bereits wenige Wochen nach dem Risiko. Wer frühzeitig Bescheid weiß, kann handeln – und das Virus soweit unterdrücken, dass es im Blut nicht mehr nachweisbar ist. „Nicht nachweisbar“ heißt auch: nicht übertragbar. Regelmäßige Tests sind also keine Frage von Risiko, sondern von Selbstfürsorge – sie geben Sicherheit, Freiheit und Ruhe.

Mehr als HIV: steigende STI-Zahlen

Neben HIV steigen in Österreich auch andere sexuell übertragbare Infektionen (Sexual transmitted Infections) deutlich an. Syphilis, Chlamydien und Gonorrhoe verzeichnen europaweit Rekordwerte. Ärzt*innen nennen als Hauptursachen ungeschützten Verkehr, geringere Risikowahrnehmung und zu seltene Tests.

Kondome bleiben der beste Rundumschutz, doch die Möglichkeiten sind heute vielfältiger: So schützt die PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe) vorbeugend durch eine tägliche Tablette vor HIV, während die PEP (Post-Expositions-Prophylaxe) eine Notfallmedikation ist, die innerhalb von 48 Stunden nach einem Risiko eingenommen werden muss.

Beide schützen ausschließlich vor HIV – nicht jedoch vor anderen Infektionen. Darum gilt: Kombinierter Schutz und regelmäßige Tests sind entscheidend.

Beratung ohne Barrieren

In Wien ist die Aids Hilfe Wien seit Jahrzehnten zentrale Anlaufstelle für Beratung, Tests und Unterstützung – vertraulich, anonym und ohne Vorurteile. Menschen aller Geschlechter, Identitäten und Lebensweisen finden hier medizinische, psychologische und soziale Hilfe.

Doch die Stadt Wien geht nun einen Schritt weiter: Mit dem neuen Ambulatorium magnus* entsteht ab 2026 ein Zentrum, das sexuelle Gesundheit auf ein neues Niveau hebt.

Ein Leuchtturm für sexuelle Gesundheit: magnus*

Magnus* wird als „Walk-in-Ambulanz“ funktionieren – ein Ort, an dem Diagnostik, Therapie, Prävention und psychosoziale Beratung unter einem Dach vereint sind. Getragen von der Aids Hilfe Wien, der Stadt Wien und den Sozialversicherungsträgern, soll das Zentrum jährlich rund 32.000 Kontakte ermöglichen. Geplant sind kostenfreie und anonyme HIV-Tests, umfassende STI-Diagnostik, Impfungen, HIV-Therapie, PrEP- und PEP-Betreuung sowie ein breites Beratungsangebot. Auch nichtversicherte Personen sollen Zugang erhalten.

Die Öffnungszeiten werden deutlich erweitert – Montag bis Freitag von 8 bis 19 Uhr, Samstag von 8 bis 14 Uhr. Zudem entsteht erstmals ein österreichweites Kompetenzzentrum für STI-Daten und Forschung, das die Prävention langfristig verbessern soll.

Nach Planungsphase (2024) und Umsetzung (2025) soll magnus* 2026 in den Vollbetrieb gehen – als Leuchtturmprojekt für Wien und Vorbild für ganz Österreich.

Freiheit durch Verantwortung

Sexuelle Gesundheit bedeutet Sicherheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität. Wer sich informiert, schützt und regelmäßig testen lässt, kann Sexualität unbeschwert leben. Denn echte Lust braucht keine Angst – nur Wissen, Mut und den Willen, Verantwortung zu übernehmen.

„Sex, Schutz & Sicherheit“

Wann soll ich mich nach einem Risiko testen lassen?

Ein HIV-Test ist erst einige Wochen nach dem erfolgten Risiko aussagekräftig (in diesem Zusammenhang spricht man auch vom „diagnostischen Fenster“): Ein HIV-PCR-Test erkennt HIV nach 2 Wochen, ein Labortest erkennt HIV sicher nach 6 Wochen, ein Schnelltest nach 12 Wochen. Wer sofort reagiert, kann innerhalb von 48 Stunden eine PEP beginnen – eine Notfallmedikation, die eine Ansteckung verhindern kann.

Wie sage ich beim Sex, dass ich etwas nicht will?

Ganz einfach: „Ich möchte das nicht.“ Ein Nein ist immer okay – auch mittendrin. Grenzen zu setzen zeigt Selbstbewusstsein, kein Desinteresse.

Wie kann ich meine eigene Lust besser kennenlernen?

Sexuelle Gesundheit bedeutet auch, den eigenen Körper und die eigenen Bedürfnisse zu kennen. Selbstbeobachtung, Masturbation und offene Gespräche mit Partner*innen helfen, Vorlieben und Grenzen zu erkennen. Wer sich selbst gut kennt, kann Sexualität bewusster und erfüllender erleben.

Woran merke ich eine STI?

Oft gar nicht. Manche Infektionen verlaufen ohne Symptome. Deshalb sind regelmäßige Tests wichtig – besonders bei wechselnden Partner*innen.

Was, wenn ich Angst vor dem Testergebnis habe?

Das geht vielen so. Aber: Wissen gibt Sicherheit. Selbst bei HIV ist ein normales Leben mit Therapie möglich, und viele andere STI lassen sich einfach behandeln oder heilen, wie Chlamydien, Gonorrhoe oder Syphilis. Ein Test verschafft Klarheit, ermöglicht rechtzeitige Behandlung und schützt dich und deine Partner*innen. Die Aids-Hilfe Wien berät anonym, kostenlos und ohne Urteil – egal, welches Ergebnis herauskommt.

Juliana Metyko-Papousek
Aids Hilfe Wien

Von Gastautor*in

Unter diesem Tag versammeln sich verschiedene Gastautor*innen der Lambda.