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Editorial

Ob-wort

Liebe Leser*innen, liebe Freund*innen, eigentlich möchte ich nach der Pride über all das schreiben, wofür wir seit Jahrzehnten kämpfen: über Sichtbarkeit, gleiche Rechte, Selbstbestimmung und darüber, was noch zu erreichen ist. Doch manchmal zwingen uns Ereignisse dazu, innezuhalten.

Der tödliche Anschlag im Umfeld des Berliner CSD hat viele von uns tief erschüttert. Ein Mensch wurde aus dem Leben gerissen, viele wurden verletzt. Ein Ort, der für Freiheit, Vielfalt und queere Selbstbestimmung stehen sollte, wurde zum Schauplatz von Angst und Gewalt. Viele in unserer Community kennen das Gefühl, das in solchen Momenten entsteht. Wir greifen zum Handy und schreiben Freund*innen: „Bist du okay? Bist du sicher? Bitte melde dich.“ Und wissen gleichzeitig, dass irgendjemand diese erlösende Nachricht nicht bekommen wird.

Unsere Gedanken sind bei der getöteten Frau, den Verletzten, ihren Familien, ob blutsverwandt oder Chosen Family, und bei allen, die diesen schrecklichen Abend miterleben mussten.

Gewalt gegen queere Menschen ist kein isoliertes Phänomen. Orlando, Oslo oder Bratislava haben sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingeschrieben. Unterschiedliche Täter und Ideologien, aber immer wieder werden queere Menschen zur Zielscheibe, weil unsere Existenz einem menschenfeindlichen Weltbild widerspricht.

Deshalb müssen wir auch über Islamismus sprechen. Klar und ohne falsche Scheu. Wenn ein Anschlag islamistisch motiviert ist, müssen wir ihn so benennen. Islamismus ist eine extremistische politische Ideologie, die Demokratie, Gleichberechtigung und die Selbstbestimmung queeren Menschen fundamental infrage stellt. Wo Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität verfolgt und Gewalt gegen sie legitimiert wird, müssen wir widersprechen. Islamismus bedroht queeres Leben. Diese Bedrohung dürfen wir weder relativieren noch verschweigen. Gleichzeitig müssen wir jeder Instrumentalisierung unserer Community für antimuslimischen Rassismus entgegentreten. Islamismus und Islam sind nicht dasselbe. Muslim*innen sind nicht verantwortlich für die Taten von Islamist*innen. Sie sind unsere Nachbar*innen, Freund*innen, Kolleg*innen und selbstverständlich auch Teil unserer queeren Community. Wer Muslim*innen pauschal zu Feindbildern erklärt, bekämpft keinen Extremismus, sondern schafft neuen Hass. Beides auszusprechen, ist kein Widerspruch, sondern demokratische Notwendigkeit. Wir können Islamismus bekämpfen und Muslim*innen vor Ausgrenzung schützen. Wir können Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus und Islamismus benennen, ohne Menschen unter Generalverdacht zu stellen. Eine Community, die Differenzierung im Umgang mit sich selbst einfordert, muss sie auch anderen zugestehen.

Auch die Politik trägt Verantwortung für das gesellschaftliche Klima. Wer queere Menschen als Bedrohung darstellt, insbesondere trans Menschen zum Gegenstand permanenter Kulturkämpfe macht oder mit Desinformation und Angst Politik betreibt, verschiebt gesellschaftliche Grenzen. Worte haben Konsequenzen.

Gerade deshalb müssen wir uns daran erinnern, was Pride bedeutet. Pride war nie nur Party. Pride war und ist Protest: gegen Hass, Ausgrenzung und Gewalt, und für unser Recht, sichtbar, selbstbestimmt und sicher zu leben und zu lieben. Aber auch für Queer Joy: für das Recht, unser Leben nicht ausschließlich im Widerstand gegen andere führen zu müssen.

Unsere Community hat viel überstanden: Unsichtbarkeit, eine Epidemie, Gewalt, politische Rückschritte und Trauer. Wir werden auch diese Zeit überstehen. Aber Überstehen allein reicht nicht. Wir müssen wieder mehr miteinander als übereinander reden und Differenzen aushalten, ohne einander zu Feind*innen zu erklären. Social-Media-Posts, Likes und Statements allein tragen keine Community. Es braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen, sich engagieren, Strukturen erhalten und Räume schaffen. Denn queere Räume sind keine Selbstverständlichkeit. Sie sind Schutzräume, Orte der Begegnung und Orte, an denen jener Zusammenhalt entstehen kann, den wir gerade so dringend brauchen. Was wir nicht zulassen dürfen, ist, dass aus Angst Schweigen wird, aus Trauer Spaltung und aus berechtigter Wut pauschaler Hass. Wer unsere Freiheit angreift, möchte, dass wir uns zurückziehen, uns verstecken und weniger sichtbar werden.

Unsere Antwort muss eine andere sein: Zusammenhalt.

Zusammenhalt innerhalb unserer vielfältigen Community und mit allen Menschen, die für Demokratie, Menschenrechte und Freiheit eintreten. Wir dürfen trauern. Wir dürfen Angst haben. Wir dürfen wütend sein.

Aber dann gehen wir weiter.

Weiter laut. Weiter sichtbar. Weiter solidarisch.

Denn Aufgeben können wir uns nicht leisten.

Von Ann-Sophie Otte

Obfrau HOSI Wien (Foto: © Marie Dvorzak)