Der bi+ Blickpunkt
September ist Bi+-Sichtbarkeitsmonat. (Bi+ steht für das Spektrum nicht-monosexueller Identitäten, worunter z. B. Bi- und Pansexualität oder Biromantik fallen.) In einer Gesellschaft, die vielfach auf Basis binärer Erwartungshaltungen operiert (etwa männlich/weiblich, homo/hetero), sind bi+ Orientierungen ständig von Unsichtbarmachung (bi erasure) bedroht. Dabei ist die Lebensrealität von bi+ Personen nicht bloß eine Mischung aus homo und hetero oder etwa eine Art „Queer light“, sondern umfasst ganz spezifische Erfahrungen. Bi+ Frauen* (und von der Außenwelt weiblich gelesene Personen) im Speziellen spüren die Auswirkungen der Überschneidung von Misogynie und Bi-Feindlichkeit. Im Sinne der Sichtbarmachung wollen wir hier einen Blick auf Bi-Misogynie und Gewalt werfen.
Es ist vielfach durch Studien belegt, dass bi+ Frauen* ein signifikant höheres Risiko haben, von sexualisierter Gewalt betroffen zu sein; zugleich sind die negativen Nachwirkungen derartiger Übergriffe häufiger bzw. langanhaltender für sie. Johnson und Grove (2017) identifizierten als maßgebende Risikofaktoren – neben dem (in dieser Gruppe statistisch höheren) Substanzkonsum – die für bi+ Frauen typischen Erfahrungen der Hypersexualisierung und bi-feindliche Stereotype.
Nach wie vor existiert in zu vielen Köpfen (auch innerhalb der Community) das Bild von bi+ Frauen* als sowohl gierig, unzuverlässig und unehrlich als auch sexuell verfügbar und willig. Hypersexualisierung bewirkt eine Entmenschlichung, die der Legitimierung oder Verharmlosung von Gewalt dient, und dabei auch den Betroffenen von Gewalt eine Mitverantwortung zuschiebt. Eine besondere Heftigkeit nehmen sexualisierende und exotisierende Zuschreibungen für bi+ Frauen* of Colour an, denn Rassismus und Bi-Misogynie überschneiden und verstärken sich gegenseitig.
Im Bild von der uneingeschränkten sexuellen Verfügbarkeit schwingt auch die bi-feindliche Unterstellung mit, dass bi+ Frauen* letztendlich nur ein Ziel haben können: das Begehren von cis Männern zu bedienen, um dadurch in der patriarchal geprägten Gesellschaft einen sicheren Status zu erlangen. Es scheint ein wenig paradox, derartige bi-feindliche Vorbehalte auch in queeren Kreisen zu hören, wird darin doch wiederum die heteronormative Logik reproduziert, wonach die Rolle von Frauen* nur durch cis Männer als Bezugspunkt bestimmt werden kann.
Ähnlich verhält es sich mit dem Vorwurf, bi+ Frauen* hätten das Privileg des Straight Passing, könnten also nach Belieben als hetero auftreten und damit queerfeindlicher Diskriminierung entgehen. Diese verkürzte Darstellung widerspricht empirisch belegter queer- bzw. explizit bi-feindlicher Diskriminierung und Gewalt. Darüber hinaus wird verkannt, dass Betroffene tatsächlich Sichtbarkeit und Anerkennung in ihrer bi+ Identität haben wollen, was zugleich bedeutet, ständig gegen die mononormative Prägung unserer Gesellschaft ankämpfen zu müssen.
Bi-feindliche Vorbehalte können in scheinbar unverfänglichen Aussagen durchschimmern, aber auch in offenen Hassbotschaften geäußert werden. Wenn beispielsweise jemand erzählt, nur andere Lesben* zu daten, weil eine bi+ Frau* könne ja mit jedem*jeder etwas anfangen. Oder auch in dem öffentlichen Backlash, den queere Künstler*innen erfahren, wenn sie eine „hetero“ Beziehung bekannt geben, selbst wenn sie sich bereits zuvor dem Bi+-Spektrum zugeordnet hatten. Am Ende ergibt sich ein Sammelsurium an Aussagen, die den Platz von bi+ Frauen* in der Community in Frage stellen, insbesondere, wenn sie sich in (scheinbar!) „hetero“ Beziehungen befinden.
Eine Community hat auch die wertvolle Funktion, als Schutz und Anlaufstelle für Betroffene queerfeindlicher Gewalt zu dienen. In diesem Sinne sollte auch das „B“ Teil der LGBTIQ-Community sein können, ohne beweisen zu müssen, „queer genug“ zu sein. Bi+ Frauen* insbesondere sollten sich nicht erst von dem Generalverdacht freibeweisen müssen, nach männlicher Aufmerksamkeit und Anerkennung zu streben. Vielmehr sollte es uns allen ein Anliegen sein, auch gegen Bi-Misogynie laut und solidarisch einzustehen.
Beitrag von Martina Schwarz
LesBiFem-Team
HOSI Wien
