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Community & Politik

AÇIK S’AÇIK

Widerstand statt Angst bei der Istanbul Pride 2026

Seit 2003 gibt es die Pride Demonstration in Istanbul, seit 2015 wird sie verboten. Und trotzdem gehen noch immer jeden Sommer Hunderte Menschen auf die Straßen und protestieren für ihre Rechte, für Sichtbarkeit und Solidarität.

So auch dieses Jahr: Die Pride Week vom 22. bis 28. Juni stand unter dem Motto „AÇIK S’AÇIK“ und gipfelte in der Demonstration am letzten Tag. Die Abriegelung zentraler Orte wie dem Taksim Platz, der oft ein Versammlungsort bei Demonstrationen ist, ist an diesem Tag mittlerweile Standard, genauso wie Straßensperrungen und Einschränkungen im Nahverkehr. Trotzdem organisiert sich die queere Community, plant ihre Demonstrationen und hält Ort und Zeitpunkt dabei geheim. Bei den Festnahmen der Aktivist*innen kommt es jedes Jahr zu Polizeigewalt und auch Journalist*innen werden immer wieder bei ihrer Arbeit behindert.

„Açik s’Açik“ ist eine Art Redewendung, die sich nicht wörtlich übersetzen lässt. „Açik“ bedeutet offen, am ehesten kann man „Açik s’Açik“ aber mit „halbnackt“ übersetzen, in dem Sinne, dass jemand in einer Art und Weise zu freizügig angezogen ist, die für die Situation unangemessen ist. Die Auswahl des diesjährigen Mottos begründet die Istanbul Pride in ihrem Statement mit folgenden Worten:

„We are open, because we refuse to hide.
We are shameless, because we do not fit into the morality of your order.
We are openly shameless, because our existence exceeds your limits and spills beyond them.“

Diese Akzeptanz, dass man nie in die eingeschränkten Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft und Politik passen wird, dass das aber okay ist und man sich dieser Ordnung entzieht und zu sich selbst steht, dass man dabei die auferlegten Grenzen sprengt und den Raum einnimmt, der einem zusteht, ist grundlegend für queeren Widerstand. Für Widerstand überhaupt. Denn wenn Machthaber, politische Strömungen oder reaktionäre Gruppierungen entschieden haben, dass du ihr Feind bist, dann bist du ihr Feind und sie hoffen, dass du klein beigibst. Auch wenn Angst dabei die natürlichste aller Reaktionen ist, schließlich hat jeder Mensch einen mehr oder weniger starken Selbsterhaltungstrieb, heißt Angst nicht, dass man sich selbst verleugnen oder klein beigeben und sich in vorauseilendem Gehorsam selbst in beengte Schubladen stecken muss. Angst heißt auch nicht, dass man alle Kontakte abbrechen und sich zurückziehen und die Türen zusperren muss. Denn das ist das zweite Learning aus dem Statement der Istanbul Pride:

„From here, we call out to everyone: the LGBTI+ struggle is not only the struggle of us LGBTI+ people; it is the struggle of women, the working class, Alevis, Armenians, Kurds, and all oppressed peoples. The LGBTI+ struggle is one of the shared lines of defense of every struggle.“

Unsere Kämpfe sind miteinander verbunden, also sollten wir es auch sein. Die Istanbul Pride ruft dazu auf, auch in der Angst die Solidarität nicht aufzugeben und für die Menschen einzustehen, die Gewalt erleben, unterdrückt werden, kriminalisiert werden. Dabei musst du nicht in vorderster Reihe stehen und Konfrontation und Gewalt suchen. Solidarität kann viele Formen annehmen. Wichtig ist nur, dass sie sichtbar ist und du deine Hand all jenen reichst, die die gleichen Unterdrückungsmechanismen in all ihren Formen erleben. Unsere Stärke liegt in der Gemeinschaft, in der Solidarität, in unserem Zusammenhalt und das dürfen wir uns nie nehmen lassen.

„In the face of fascism, we do not settle for merely surviving; we insist on not bowing down. WE OPEN UP, WE SPILL OUT.“

Beitrag von Daria Vogelberg
Internationales Komitee
HOSI Wien

Von Gastautor*in

Unter diesem Tag versammeln sich verschiedene Gastautor*innen der Lambda.