Kategorien
Community & Politik

Wenn Angst Forschung lenkt

Queere Themen unerwünscht: Die Devise der aktuellen US-Regierung könnte kaum deutlicher sein. Forschungsgelder in Millionenhöhe werden gestrichen. Universitäten geraten unter massiven politischen Druck. Begriffe wie gender, LGBT oder discrimination verschwinden aus Förderanträgen. Datensätze zu LGBTIQ+-Themen werden aus öffentlichen Archiven entfernt.

Was in den USA seit Beginn der zweiten Amtszeit Donald Trumps Forschende und queere Organisationen beschäftigt, sorgt längst auch auf der anderen Seite des Atlantiks für Unruhe. Forschende in Europa, die zu marginalisierten Gruppen arbeiten, warnen vor den Folgen der Repressionspolitik Trumps – nicht nur für die Wissenschaft. Sie sprechen von Informationsverlusten, die Gesellschaften über Jahrzehnte zurückwerfen könnten. Aber auch von Angst, Autozensur und einer Gefährdung der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit.

Von Autozensur und Notfallnummern

„Ich erwische mich immer öfter dabei, mich zu fragen: ‚Soll ich das so sagen? Wird mir das später zum Verhängnis?‘ Das geht schon krass in Richtung Autozensur“, erzählt Raphaël Bize vom Universitären Zentrum für Allgemeinmedizin und öffentliche Gesundheit (Unisanté) in Lausanne. Der Mediziner forscht zu queerer Gesundheit. Noch seien die Folgen der US-Politik in der Schweiz vor allem in internationalen Kooperationen spürbar. Dennoch wachse auch hierzulande die Unsicherheit. „Einerseits mache ich mir Sorgen um meine wissenschaftliche Arbeit, dass sich etwa ein ‚falscher‘ Kommentar negativ auf die Bewilligung eines Förderantrags auswirkt. Gleichzeitig frage ich mich zunehmend, ob ich mich womöglich selbst in Schwierigkeiten bringen könnte, etwa bei Reisen ins Ausland.“

Auch andere haben solche Bedenken. Als Tabea Hässler von der Universität Zürich im Februar 2026 zu einer wissenschaftlichen Konferenz über LGBTIQ+ Themen in die USA reist, erhält die Professor*in für Sozialpsychologie und Gruppenverhalten von ihrem Arbeitgeber eine ungewöhnliche Empfehlung: Hässler soll nur mit einem vollständig bereinigten und auf Werkseinstellungen zurückgesetzten Laptop einreisen. „Um sicherzugehen, dass ich mit keinen Daten unterwegs bin, die mich in Gefahr bringen könnten“, erzählt Hässler. Doch nicht nur das: „Sie haben mir geraten, alle Telefonnummern aufzuschreiben, die ich im Notfall anrufen kann – falls bei der Einreise etwas schiefgeht.“

Angst breitet sich aus

Auf der Konferenz in Chicago erlebt Tabea Hässler hautnah, wie sich der politische Druck inzwischen auf die internationale Forschungsgemeinschaft auswirkt. „Von zwölf Personen im Organisationsteam waren nur vier anwesend. Die anderen kamen nicht, aus Angst vor der Einreise.“ Auch die Zahl der Konferenzbeiträge brach ein: „Wir hatten etwa halb so viele Einreichungen wie im Vorjahr.“ Internationale Kooperationen werden so zunehmend erschwert.

In einer spürbar angespannten Atmosphäre hört Hässler von Forschenden aus den unterschiedlichsten Teilen der USA, was das aktuelle Klima konkret bedeutet: „An einer Universität in Florida dürfen LGBTIQ+-Themen im Unterricht nicht mehr erwähnt werden. Gleichzeitig brechen öffentliche Fördergelder weg. Selbst Eliteuniversitäten müssen deshalb Stellen abbauen.“

Um den Wegfall öffentlicher Mittel aufzufangen, versuchen Forschende, private Stiftungen als Geldgeberinnen zu gewinnen. Doch auch dort stoßen sie zunehmend an Grenzen, sagt die Leiterin eines Forschungsinstituts einer amerikanischen Eliteuniversität, die anonym bleiben möchte. Die Folge: Projekte werden eingestellt, Stellen gestrichen. „Viele geben auf. Sie wechseln ihr Forschungsgebiet oder verlassen die USA – aus Sorge um ihre Zukunft oder ihre Familie.“ Die amerikanische Forschungslandschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Allein staatliche Forschungsbehörden verloren seit 2025 mehr als 10 000 wissenschaftliche Mitarbeitende in naturwissenschaftlichen Disziplinen.

Was verschwindende Daten bedeuten

Besonders alarmierend ist das rasche Verschwinden wissenschaftlicher Daten durch diesen Umbruch. Vor allem sind Informationen zur Gesundheit und Lebensrealität queerer Menschen, zu HIV, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität betroffen. Viele stammen aus den USA, werden aber weltweit genutzt, womit die Folgen längst international sind.

Mit den Daten verschwindet auch Sichtbarkeit. Wo Evidenz fehlt, gewinnen ideologische Behauptungen an Gewicht. Anti-queere Bewegungen erhalten mehr Raum, ihre Narrative zu verbreiten. Hässler bestätigt, dass auch in der Schweiz Anti-Gender- und Anti-LGBT-Bewegungen an Einfluss gewinnen. Und so gibt es in der Schweiz inzwischen Vorstöße, den Zugang Jugendlicher zu geschlechtsbejahenden Behandlungen einzuschränken.

Doch die Entwicklung löst nicht nur Rückzug aus. Sie führt auch zu neuen Formen internationaler Solidarität. Für Hässler ist klar: „Das Phänomen beginnt nicht in den USA – und endet auch nicht dort.“ Hässler verweist auf Ungarn, wo die Regierung unter Viktor Orbán die Rechte von LGBTIQ+-Menschen in den vergangenen Jahren schrittweise beschnitten hatte. Gleichzeitig sei dort eine neue Form internationaler Solidarität sichtbar geworden: „Als die Regierung die Pride in Budapest massiv einschränken wollte, gingen Hunderttausende auf die Straße.“

Ebenso rückt die internationale Forschungsgemeinschaft enger zusammen, um Daten zu sichern und dem zunehmenden Informationsverlust entgegenzuwirken. Dies bestätigt auch die anonyme Wissenschaftlerin aus den USA. „Wir bauen eigene Datenbanken auf, um unabhängig von staatlichen Infrastrukturen zu sein.“ Denn: Der Angriff richtet sich nicht nur gegen einzelne Forschende. Was verloren geht, sind nicht nur Datensätze. Es ist die Grundlage, auf der wissenschaftliche Erkenntnis und politische Entscheidungen entstehen.

Vorsorge in unsicheren Zeiten

Auch in der Schweiz wächst die Sorge, dass sich das politische Klima ändern könnte. „Wir müssen jetzt möglichst viele Erkenntnisse gewinnen, solange die Rahmenbedingungen günstig sind“, sagt Raphaël Bize mit Blick auf das Nationale Forschungsprogramm NFP 83 „Gender, Medizin und Gesundheit“. „Wir wissen nicht, ob wir in einigen Jahren noch einmal dieselben Möglichkeiten haben werden.“

Ähnlich denken auch Tabea Hässler und Léïla Eisner. Gemeinsam leiten sie das Schweizer LGBTIQ+ Panel – eine Langzeitstudie zur Lebensrealität queerer Menschen in der Schweiz. Gerade weil langfristige Datenerhebungen immer wertvoller werden, versuchen sie, das Projekt möglichst krisenfest aufzustellen, durch flexible Strukturen und vermehrt Finanzierungen durch private Stiftungen, um unabhängiger von politischen Entwicklungen zu werden. Von öffentlicher Seite wünschen sich beide mehr Rückhalt. „Es fehlt an klaren Signalen, dass solche langfristigen Projekte auch künftig politisch gewollt sind.“

Doch auch beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) beschäftigt die Entwicklung die Verantwortlichen. Laure Ognois, Leiterin der Abteilung Internationale Zusammenarbeit, bestätigt, dass derzeit eine Überarbeitung der internationalen Strategie im Gange ist. Ziel sei es, Forschende stärker für geopolitische Risiken zu sensibilisieren und wissenschaftliche Kooperationen breiter abzustützen. „Wir wollen Forschende dazu anregen, bei internationalen Projekten genauer hinzuschauen: Mit wem arbeite ich zusammen – und welche Risiken bringt das mit sich?“ Gleichzeitig sucht der SNF nach neuen internationalen Partnern, etwa in Japan, Singapur oder Kanada. „Die USA bleiben ein wichtiger Partner. Aber wir müssen Alternativen aufbauen, damit wir im Fall geopolitischer Veränderungen handlungsfähig bleiben“, so Ognois.

Der politische Druck auf die Wissenschaft macht längst nicht mehr an Landesgrenzen halt. Die eigentliche Herausforderung beginnt deshalb nicht erst dort, wo Daten verschwinden oder Fördergelder gestrichen werden. Sondern dort, wo Forschende aus Angst ihre Fragestellungen, ihre Sprache oder ihre Themen ändern. Denn was nicht mehr erforscht wird, verschwindet früher oder später auch aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Von Klara Soukup

Wissenschaftsjournalistin
(Foto Credits: S. Colomer Lahiguera)