Von Geschlechtsdysphorie hört man öfters, wenn man sich in queeren Kreisen bewegt. Dass es einen Unterschied zwischen binären transgender und nichtbinären Personen und ihren Erfahrungen damit gibt, wissen aber die wenigsten. Bevor ich aber zur Erläuterung voranschreite, möchte ich klarstellen, dass dieser Artikel die Dysphorie von binären trans Personen nicht abschwächen möchte. Mein Fokus liegt primär auf nichtbinären Erlebnissen, da dies meine eigene Lebenswelt darstellt, und bezweckt nicht, den Leidensweg Anderer in den Schatten zu stellen.
Aber was bedeutet eigentlich Dysphorie? Dysphorie ist ein psychologischer Fachbegriff und beschreibt ein emotionales, körperliches und/oder soziales Unwohlsein (das Antonym wäre Euphorie – das Konzept kennt man vielleicht besser). Geschlechtsdysphorie (oder auch „Geschlechtsinkongruenz“; Inkongruenz = mangelnde Übereinstimmung) bezieht sich daher auf das Unwohlsein mit dem bei der Geburt zugeteilten Geschlecht. Laut Dgti* (Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit) wird zwischen körperlicher (z. B. Unbehagen über bestimmte Geschlechtsmerkmale wie Genitalien) und sozialer Dysphorie (z. B. Stress durch die Verwendung falscher Pronomen) unterschieden. Aber wo liegt nun der Unterschied zwischen binär- und nichtbinär-erlebter Dysphorie?
Es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber ein wesentlicher Unterschied zwischen binären transgender und nichtbinären Personen ist das Thema „Passing“ („als etwas durchgehen“). Während es für viele binäre transgender Personen wichtig ist, dem eigenem Geschlecht äußerlich gerecht zu werden („to pass“), ist das bei nichtbinären Personen fast unmöglich. Unsere Gesellschaft kategorisiert Menschen immer noch hauptsächlich anhand eines binären Systems: Mann und Frau. Somit werden nichtbinäre Personen fast immer falsch kategorisiert. Die Chance auf „Passing“ ist daher kaum gegeben – die Konsequenz: Dysphorie.
Auch bei der Transition unterscheidet sich die Geschlechtsdysphorie zwischen den beiden Personengruppen. Nimmt man beispielsweise Hormone, hoffen binäre transgender Personen meist auf ein „Passing“-Ergebnis – entweder als Frau oder als Mann. Nehmen aber nichtbinäre Personen Hormone um z. B. eine tiefere Stimme zu erhalten, kann es passieren, dass auch andere maskuline Attribute dazukommen (z. B. Bartwuchs), was aber nicht der nichtbinären Identitätsempfindung entspricht. Hier entsteht leicht wieder eine Dysphorie. Hormone, die einen mehr nichtbinär aussehen lassen, gibt es nicht. Auch geschlechtsangleichende Operationen sind auf weibliche oder männliche Merkmale ausgerichtet. So gibt es zum Beispiel eine maskuline und eine feminine Kinn-Form. Möchte man ein nichtbinäres Kinn wird ein*e Ärzt*in nicht wissen, was man darunter versteht. Diese Option existiert nicht. Es existiert nur eine binäre Transition. Auch dadurch kann eine Geschlechtsdysphorie entstehen.
Die Mehrzahl der nichtbinären Personen wissen, dass sie sich weg von femininen und maskulinen Attributen bewegen wollen – aber wohin bewegt man sich eigentlich dann? So müssen wir regelmäßig die Wegbereiter*innen-Rolle einnehmen. Wir recherchieren, probieren aus und sind in laufendem Austausch miteinander, was es bedeutet, nichtbinär zu sein, und gleichzeitig unterrichten wir dabei auch die Welt, was Nichtbinärität bedeutet. Diese Pionierarbeit kann jedoch auch Geschlechtsdysphorie hervorbringen, da sie eine oftmals schwierige Aufgabe darstellt.
Mein Fazit hier soll aber positiv sein: Ich sehe uns als Bahnbrecher*innen, die zusammen viele Hürden für die heutige aber auch die zukünftigen nichtbinäre Generationen wegräumen. Bis jetzt gibt es kaum wissenschaftliche Forschung, die sich der Dysphorie von nichtbinären Personen spezifisch annimmt, und Psychotherapieangebote, die so differenziert sind, dass sie gezielt den Bedürfnissen von nichtbinären Personen angepasst sind, sind gering. Aber es gibt sie, wenn auch wenige. Und darauf kann man aufbauen.
