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Community & Politik

(Un)sichtbarkeit

Aromantik und Asexualität

„Wann hattest du eigentlich zuletzt Sex?“ Für viele ist das eine harmlose Frage unter Freund*innen. Für andere folgt auf die ehrliche Antwort sofort Irritation: „So lange schon?“ Oder die Vermutung, mit der romantischen Beziehung, die man führt, müsse etwas nicht stimmen. Vielleicht kennst du das auch, wenn ein*e gute*r Freund*in sich nicht mehr meldet, sobald sie in einer romantischen Beziehung ist. All diese Situationen beschreiben gesellschaftliche Normen, die unser Zusammenleben stärker prägen als vielen bewusst ist, und die für uns aromantische und asexuelle Menschen alltägliche Diskriminierung bedeuten.

Diese Normen nennen sich Allo- und Amatonormativität. Allonormativität führt zu der Vorstellung, dass Sex etwas ist, das alle haben sollten, und zwar auf eine bestimmte Art, in einer bestimmten Beziehungsform und Häufigkeit. Amatonormativität hingegen beschreibt die Annahme, dass man ohne monogame romantische Beziehung verloren oder unvollständig ist, und dass romantische Beziehungen im Leben immer volle Priorität vor allen anderen Beziehungen erfordern. Weicht man von diesen Normen ab, wird häufig angenommen, man sei unglücklich, unabhängig von den eigentlichen Bedürfnissen, die man hat, und der tatsächlichen Lebenssituation, in der man ist. Diese Normen betreffen uns alle, prägen aber insbesondere die Annahme, dass alle Menschen alloromantisch (= nicht aromantisch) und allosexuell (= nicht asexuell) sind. Diese Unsichtbarmachung ist eine Form der Diskriminierung und wird als „Erasure“ bezeichnet: Die Existenz einer Gruppe wird ignoriert, Erfahrungen werden abgesprochen oder als irrelevant angesehen. Es ist eine Diskriminierungsform, die die gesamte queere Community betrifft.

Aromantisch, nicht krank. Asexuell, nicht krank.

Besonders deutlich zeigen sich die Folgen von Erasure im Gesundheitswesen. Weil aromantische und asexuelle Lebensrealitäten unsichtbar gemacht werden, werden wir häufig nicht als Teil menschlicher Vielfalt wahrgenommen, sondern als „anders“ konstruiert. Dadurch entstehen Vorstellungen, wir seien defizitär, „kaputt“ oder sogar unmenschlich. Ärzt*innen suchen deshalb bei Abweichungen von Allo- oder Amatonormativität oft nach einer „Ursache“, etwa einer Hormonstörung, Medikamentennebenwirkung oder einer psychischen Erkrankung. Im Aro Census 2020 Report gab die Hälfte der aromantischen Teilnehmenden etwa an, dass andere versucht hatten oder vorgeschlagen hatten, sie zu „reparieren“ oder zu „heilen“. Auch in der Umfrage „Aro- und Acefeindlichkeiten“ (2023) wurde berichtet, dass Aromantik durch Diagnosen wie Alexithymie, Sozialphobie, Persönlichkeitsstörungen oder Autismus als „krank“ umgedeutet wurde. Auch Asexualität wird häufig als psychische Erkrankung angesehen. Beispielsweise durch die Diagnosen „Female Sexual Interest/Arousal Disorder“ und „Male Hypoactive Sexual Desire Disorder“ mit den Kriterien: „fehlendes oder deutlich vermindertes sexuelles Interesse/Erregung sowie verminderte oder fehlende sexuelle Fantasien“. Kaum überraschend ist es dementsprechend, dass der Ace in the UK Report aus 2023 berichtet, dass asexuelle Personen 10 % häufiger von Konversionstherapien betroffen sind als Menschen anderer sexueller Orientierungen. Die Ergebnisse des Berichts und das Engagement der asexuellen Aktivistin Yasmin Benoit führten dazu, dass die britische Regierung im Juni 2026 ankündigte, asexuelle Personen künftig ausdrücklich in ein Verbot von Konversionstherapien mit einzubeziehen.

Die Empfehlungen für die Gebärmutterhalskrebsvorsorge orientieren sich beispielsweise ausschließlich am Alter. Sie berücksichtigen nicht, dass das individuelle Risiko für eine HPV-Infektion, die zu Gebärmutterhalskrebs führt, davon abhängt, ob man sexuell aktiv ist. Das ist besonders besorgniserregend, weil 1/4 der asexuellen Personen während einer Gebärmutterhalskrebsuntersuchung von Schmerzen oder erheblichem Unwohlsein berichten (Ace Community Survey Report, 2017 & 2018).

Ein weiteres Beispiel ist die Behandlung von zystischer Akne mit Isotretinoin. Da der Wirkstoff während einer Schwangerschaft zu schweren Fehlbildungen beim Embryo bzw. Fötus führt, sind als Teil der Behandlung regelmäßige Schwangerschaftstests und die Einnahme von Verhütungsmitteln verpflichtend. Für viele queere Menschen, einschließlich asexueller Personen, ist dieses Prozedere völlig überflüssig und nicht der Lebensrealität entsprechend.

Regenbogenfamilien

Allo- und Amatonormativität wirken nicht nur im Alltag oder Gesundheitswesen, sondern auch in rechtlichen Strukturen. So wird ein Kinderwunsch oft automatisch mit romantischen und sexuellen Beziehungen in Verbindung gebracht. Für alle, die jedoch unabhängig von einer Ehe oder romantischen Partnerschaft ein Kind bekommen möchten, ist eine medizinisch unterstützte Fortpflanzung in Österreich rechtlich ausgeschlossen. Viele mit Kinderwunsch und ohne Partner weichen deshalb nach Deutschland aus. Unter anderem muss in Österreich eine Schwangerschaft durch Geschlechtsverkehr erfolglos gewesen oder aussichtslos sein. Für viele aromantische oder asexuelle Personen ist damit keine künstliche Befruchtung möglich.

Teil von Erasure ist auch, dass Familien, die aus mehreren romantischen oder queerplatonischen Partnerschaften oder aus einer Freund*innengruppe bestehen, rechtlich weiterhin kaum berücksichtigt werden. In Österreich gibt es beispielsweise kein gemeinsames Sorgerecht und keine Ehe für mehr als zwei Personen. Im Alltag können jedoch Vollmachten helfen, etwa um das eigene Kind trotz fehlendem Sorgerecht zu Ärzt*innenbesuchen zu begleiten oder aus dem Kindergarten abholen zu können.

Asexualität als Eheverfehlung

Der absolute Höhepunkt von Allo- und Amatonormativität ist das Eherecht in Österreich. „Beharrlich und grundlos“ keinen Sex zu wollen, gilt, nach einer gängigen Auslegung von § 49 EheG, als schwere Eheverfehlung. Dieses Verschulden kann bestimmen, wer bei einer „strittigen“ Scheidung Unterhalt bekommt: Der schuldlose oder weniger schuldige Partner hat oft Anspruch auf Unterhalt vom alleinig oder überwiegend schuldigen Partner.

Queer Liberation für Alle

Die strukturelle Diskriminierung bleibt nicht ohne Folgen. Im „Aro Census 2020 Report“ berichteten 82,43 % von Abwertung, Ignorieren oder Nicht-Ernstnehmen aufgrund ihrer aromantischen Orientierung. 70,51 % der Diskriminierung passierte im privaten Umfeld. Auch soziale Ausgrenzung, Online-Hass und Schwierigkeiten beim Finden und Aufrechterhalten aromantischer Partnerschaften (bspw. queerplatonische Partnerschaft) sind häufig Erfahrungen von aromantischen Personen. Asexuelle Personen berichten besonders häufig von Diskriminierung im Gesundheitswesen. Oft werden medizinische Bedürfnisse übersehen und viele meiden aufgrund wiederholter negativer Erfahrungen gesundheitliche Versorgungseinrichtungen. Unsichtbarkeit und Missverständnisse über Asexualität führen außerdem dazu, dass sich Asexuelle sehr selten outen (Ace in the UK Report, 2023). Genau wie andere queere Personen berichten auch Asexuelle aufgrund von Diskriminierung häufiger von Suizidgedanken (62 %) und -versuchen (16 %) (Ace Community Survey Report, 2017 & 2018).

Um struktureller Diskriminierung entgegenzuwirken, ist es wichtig, aromantische und asexuelle Lebensrealitäten mitzudenken, indem Amato- und Allonormativität sichtbar gemacht und hinterfragt wird. Dabei ist auch Intersektionalität zentral: Was als „normal“ in Bezug auf romantische oder sexuelle Anziehung, Beziehungsform(en) und Libido wahrgenommen wird, unterscheidet sich je nach Alter, Ethnie, Geschlechtsidentität, Klasse oder Behinderung. Aromantische und asexuelle Rechte sind Teil queerer Kämpfe. Unsere Befreiung ist miteinander verbunden und kann nur gemeinsam gelingen. The future is queer!

Beitrag von Sophia Renner
B.Sc. Psychologie

Von Gastautor*in

Unter diesem Tag versammeln sich verschiedene Gastautor*innen der Lambda.