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Anti-Gewalt

Einblicke in den Ablauf einer Anti-Gewalt-Gruppe in einer Justizanstalt

Ich werde oft gefragt, warum ich mir als Klinische Psychologin gerade eine Tätigkeit in der Forensik ausgesucht habe. Die Antwort darauf lautet meistens, dass ich nach folgendem Motto therapiere: Eine Therapie der Täter:innen dient dem Schutz der Opfer. Denn nur wenn Täter:innen eigene Muster reflektieren, ist eine Verhaltensänderung möglich. Und ohne Verhaltensänderung wird es immer wieder zu Delikten kommen. Deshalb ist eine Therapie der Täter:innen meiner Meinung nach ein absolut essenzieller Baustein zur Rückfallprävention.

Einer der wichtigsten Schritte im Therapieprozess ist die Teilnahme an einer Anti-Gewalt-Gruppe. Die Teilnahmevoraussetzungen für die Gruppe sind folgende: ausreichende Deutschkenntnisse, keine der Teilnahme entgegenstehenden psychischen Störungen (z. B. akute Psychose, schwere Intelligenzminderung), eine grundsätzliche Gruppenfähigkeit sowie eine Reflexionsfähigkeit. Leider fallen damit bereits einige Personen aus der Gruppe, jedoch ist die Durchführung der Gruppe anders nicht möglich.

Insgesamt gibt es 12 Module: Einstieg, Gewalt, Gefühlsarbeit, Provokation, Umgang mit Konflikten, Deliktbearbeitung, Verantwortung übernehmen, Empathie, Selbst- und Fremdbild, Bilanzierung, Werte/Toleranz und Erarbeiten von Verhaltensalternativen. Bei jedem Modul gibt es theoretische Blöcke zur Wissensvermittlung, Reflexionsblätter sowie praktische Übungen. Die meiner Meinung nach interessantesten Module werde ich in den nächsten paar Absätzen ausführlicher beschreiben.

Inhaltlich wird bereits im zweiten Modul sehr direkt mit dem Thema Gewalt eingestiegen. Ziel ist es, eine breite Definition von Gewalt zu erarbeiten (physische/psychische/sexuelle/ökonomische Gewalt), die eigene Gewaltbereitschaft zu hinterfragen und eigene Gewalterfahrungen zu reflektieren. Eine wichtige Übung ist der Gewaltzahlenstrahl, bei dem ein Kontinuum von 0 % Gewalt bis 100 % Gewalt ausgebreitet wird und anschließend verschiedene Begriffe (z. B. Polizist, Schulhofprügelei, Lügen) diskutiert und innerhalb des Kontinuums eingeordnet werden. So wird dem oft vorhandenen Schwarz-Weiß-Denken entgegengewirkt.

Besonders wichtig ist meiner Meinung nach die Gefühlsarbeit. Viele gewalttätige Personen haben nie einen konstruktiven Umgang mit Gefühlen gelernt und reagieren deshalb vordergründig aggressiv, überlagern also quasi andere Emotionen mit Wut. An der Basis erfolgt deshalb erst eine Diskussion über verschiedene Emotionen sowie deren Ausdruck in Körperreaktionen. Die für mich wichtigste Übung hinterfragt, wie verschiedene Gefühle in der Kindheit gezeigt werden durften, wie diese von den wichtigsten Bezugspersonen gezeigt wurden und wie mit Belohnung/Bestrafung umgegangen wurde.

Aufbauend darauf wird an einem konstruktiven Umgang mit Konflikten gearbeitet. Dabei setzen sich die Teilnehmenden mit persönlichen Konfliktmuster auseinander und lernen einen Zugang zu eigenen konfliktbehafteten Themen. Oft wurde im Aufwachsen biographisch gelernt, dass körperliche Gewalt eine adäquate Strategie bei Konflikten ist, die schnell zu Erfolg führt. Ziel ist es deshalb, dies zu hinterfragen und alternative Strategien aufzuzeigen. Eine stets spannende Übung ist dabei die Platzkarte. Mehrere Sessel bilden ein Zugabteil, dabei gibt es einen Platz zu wenig für die Personenanzahl, auch Reservierungen spielen eine Rolle. In einem Rollenspiel sollen die Teilnehmenden eine Lösung für die Problemsituation finden.

Ein späteres Modul lautet Verantwortung übernehmen. In diesem Modul sollen Teilnehmende erkennen, dass es in jeder Situation Verhaltensalternativen gibt und es in der eigenen Verantwortung liegt, welche Verhaltensalternative gewählt wird. Mit dieser Einstellung soll der oft vorhandenen Opferperspektive entgegengewirkt werden („Ich kann nichts für die Tat“, „Ich wurde dazu gedrängt und bin deshalb nicht schuld“). Eine oft prägende Übung ist das Bearbeiten von verschiedenen Geschichten (und, wenn gewünscht, auch der eigenen Tat). Dabei wird bei jeder Situation, in der sich die Person auch anders hätte entscheiden können, STOPP gerufen und es werden Verhaltensalternativen erarbeitet.

Die Lernfortschritte sind innerhalb der Gruppe sehr individuell, je nachdem, wie intensiv sich die Teilnehmenden auf die Themen einlassen können und auch wollen. Oft muss erst eine Veränderungsmotivation erarbeitet werden, weil viele Teilnehmende die Ursache für die Strafe gar nicht bei sich selbst sehen. Die Bereitschaft, sich mit der Tat und den eigenen Anteilen daran auseinanderzusetzen, ist ein wichtiges Kriterium für den Erfolg.

Besonders schön zu sehen ist es, wenn die Teilnehmenden sich öffnen und eigene Erfahrungen austauschen. Dadurch entsteht oft das Gefühl, nicht alleine zu sein und manchmal werden auch hilfreiche Tipps ausgetauscht. Damit diese konstruktive Gesprächskultur überhaupt entstehen kann, ist es wichtig, klare Gruppenregeln zu definieren. Dazu gehört ein respektvoller Umgang miteinander, andere Meinungen zu respektieren, einander ausreden zu lassen und eine gruppeninterne Verschwiegenheit. Als Gruppenleiterin ist es meine Verantwortung, stets auf die Umsetzung dieser Regeln zu achten.

Es kommt auch hin und wieder vor, dass Teilnehmende wiederholt gegen die Gruppenregeln verstoßen oder offensichtlich nicht an den Gruppeninhalten interessiert sind und sich nicht öffnen können. In diesen Fällen wird erst ein Gespräch gesucht und gegebenenfalls einzelne Personen aus der Gruppe ausgeschlossen, um eine konstruktive Arbeitsumgebung für die verbleibenden Gruppenmitglieder zu gewährleisten.

Insgesamt kann man sagen, dass sicherlich nicht immer alles perfekt läuft, aber die Gruppe eine wichtige Gelegenheit liefert, in wertschätzender Atmosphäre eigene Themen zu reflektieren, zu besprechen und Veränderungen anzustoßen, sofern die Teilnehmenden dazu bereit sind.

Von Marlene

Klinische Psychologin in der Forensik und im Krankenhaussetting