auch weiterhin ist alles möglich
Als Dr. David Ho 1996 Daten zur HIV-Therapie präsentierte, hatte er vermutlich mit zwei Dingen nicht gerechnet: einerseits, dass er damit Teil einer Entwicklung der HIV-Medizin werden würde, die Millionen Menschen mit HIV ein Überleben ermöglichen sollte, und andererseits, dass er 30 Jahre später auf der renommiertesten HIV-Konferenz immer noch Daten zu innovativen Ansätzen vorstellen würde. So gesehen gibt David Ho als Wissenschaftler dem 30-Jahre-Jubiläum und der Erfolgsgeschichte der HIV-Therapie ein Gesicht.
Nachdem 1981 die ersten AIDS-Fälle beschrieben worden waren, konnte 1983 das HI-Virus als verursachendes Pathogen identifiziert werden. 1984 kam ein HIV-Antikörpertest auf den Markt und 1987 wurde das erste HIV-Medikament verfügbar. Doch weder diese erste Substanz (AZT) noch die zunächst nachfolgenden Medikamente brachten den erhofften Erfolg. Es handelte sich bei diesen anfänglichen Wirkstoffen um NRTIs, sogenannte „nukleosidische Reverse Transkriptase Inhibitoren“. Allerdings zeichnete sich bereits ab, dass die Anwendung von zwei NRTIs zusammen weitaus bessere Ergebnisse für die Menschen mit HIV brachte. Und der finale Weg zum Erfolg wurde dann etwas später geebnet, indem neue Medikamente entwickelt wurden, die eine ganz andere Funktionsweise hatten. Es folgten ein sogenannter PI, ein „Protease Inhibitor“, und ein NNRTI, ein „nicht-nukleosidischer Reverse Transkriptase Inhibitor“.
Mit diesen neuen Wirkstoffklassen gelang der Durchbruch: Als bahnbrechende Meilensteine in der HIV-Therapie gelten die CROI (Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections) und die Welt-AIDS-Konferenz im Jahr 1996. Hier zeigten Studien erstmals den Erfolg einer Kombinationstherapie aus unterschiedlichen Medikamentenklassen. Mit der damit erreichbaren deutlich besseren Wirksamkeit wurde auch ein neuer Name für die Therapie eingeführt: HAART für „hochaktive antiretrovirale Therapie“. Das Bild von Dr. David Ho, der damals auf diesen Konferenzen die Daten präsentiert hatte, ging um die Welt. Zurecht erhielt er vom Time Magazin den Titel „Forscher des Jahres“.
Seitdem hat die HIV-Therapie eine großartige Entwicklung durchlaufen. Die Medikamente wurden mit der Zeit wirksamer und führen kaum noch zu Resistenzen. Gleichzeitig konnten Nebenwirkungen massiv verringert werden. Dank eines weiteren Meilensteins aus dem Jahr 2006 ist heute die Therapie verhältnismäßig einfach anzuwenden: Es konnten komplette HIV-Therapien in einer einzigen Tablette pro Tag zusammengefasst werden. Im Vergleich zu früher, als oftmals 10-15 Tabletten an mehreren Einnahmezeitpunkten pro Tag notwendig waren, ist das eine echte Erleichterung für das Alltagsleben der Menschen mit HIV. Erst vor Kurzem wurde in diesem Bereich eine weitere Innovation ermöglicht: Seit 2023 steht auch eine HIV-Therapie in Form von 2 Injektionen alle zwei Monate zur Verfügung. Und wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, wird es in absehbarer Zeit wieder eine spannende Neuerung geben. Aktuellen Studien zufolge dürfte die Zulassung einer neuen Therapie als 1 Tablette, die nur 1-mal pro Woche eingenommen werden muss, sehr wahrscheinlich sein. Ermöglicht werden solche Erfolge durch die konstante Erforschung und Weiterentwicklung bestehender und neuer HIV-Medikamente.
Nicht verändert hat sich hingegen seit 1996 das Grundkonzept des Erfolgs: Auch heute bestehen Therapien aus der Kombination von mindestens einem NRTI mit einem Medikament aus einer anderen Substanzklasse. Aktuell werden dabei vor allem Integrase-Inhibitoren (INI) verwendet. Diese Medikamente haben mit ihren Eigenschaften ebenfalls neue Maßstäbe gesetzt, unter anderem, da sie innerhalb kürzester Zeit die Viruslast unter die Nachweisgrenze drücken. Da durch solche Weiterentwicklungen jedoch die Wirksamkeit der Therapie über die Zeit gesteigert wurde, verwendet man die Bezeichnung HAART nicht mehr.
Es gab allerdings nicht nur Veränderungen bei den Medikamenten selbst. Mehrere Studien gelten als bahnbrechend, wenn es um übergeordnete Eigenschaften der Therapie geht. Seit 2006 ist nachgewiesen, dass Therapiepausen ungünstige Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Und seit einer Studie von 2015 ist etabliert, dass eine HIV-Therapie so früh wie möglich gestartet wird.
Beides hat auch Einfluss auf die Epidemiologie. Denn über die letzten 30 Jahre wurde gezeigt, dass die Übertragungswahrscheinlichkeit direkt proportional mit der Menge der HI-Viren ist. Oder einfach formuliert: „Weniger Virus bedeutet weniger Infektionsrisiko.“ Dank umfassender Studien konnte zu diesem allgemeinen Zusammenhang ein Sonderfall formuliert werden: Liegt die Viruslast dank effektiver Therapie unter der Nachweisgrenze, kommt es auf sexuellem Weg zu keiner Übertragung. Der Slogan „U=U“ für „undetectable equals untransmittable“ ist definitiv als einer der Höhepunkte in der Geschichte der HIV-Therapie zu sehen.
Für viele Menschen, die schon lange im HIV-Bereich leben und arbeiten, sind es unfassbar schöne und motivierende Momente, solche Entwicklungen miterleben zu dürfen. Eventuell kann man sich vorstellen, wie es David Ho damit geht, maßgeblich am Start des Erfolgs der HIV-Therapie beteiligt gewesen zu sein. Dass er trotz der erreichten Erfolge immer noch in der Forschung aktiv ist und versucht, neue Wege in der Medizin zu beschreiten, spricht für seinen Zugang zum Thema.
In seiner aktuellen Forschung befasst sich David Ho z. B. mit Biologika zur Reduktion des HIV-Reservoirs. Biologika sind Wirkstoffe, die auf unterschiedliche Art und Weise das Immunsystem beeinflussen. Es werden kreative Ansätze erforscht, ob man mit solchen Immunmodulatoren diejenigen Zellen des menschlichen Körpers erreichen kann, in denen HIV versteckt liegt. Denn die HIV-Therapie verhindert zwar hocheffektiv die Vermehrung der Viren in menschlichen Zellen, aber entfernen kann sie HIV nicht. HIV integriert sich in die menschliche Erbinformation und wird nach Absetzen der HIV-Therapie wieder aktiv. Könnte man alle diese Zellen, die HIV beinhalten, finden und eliminieren, wäre eine Heilung denkbar. Die Forschungsmöglichkeiten sind also keinesfalls ausgeschöpft.
Durch solche Entwicklungsschritte der Therapie hat sich die HIV-Infektion innerhalb weniger Jahre von einer tödlichen in eine gut behandelbare chronische Krankheit gewandelt. Aber natürlich darf trotzdem keine Entwarnung gegeben werden. Selbst wenn die Lebenserwartung und Lebensqualität von Menschen mit HIV kontinuierlich steigt, so ist es dennoch eine lebenslange Therapie, die eventuell langfristig gesehen auch zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Und eine tatsächliche Heilung oder eine prophylaktische Impfung sind auch nach Jahrzehnten der Forschung leider nicht in Sicht.
Aber wer weiß – eventuell gibt es irgendwann in der Lambda einen Beitrag zu einem solchen Jubiläum. Dr. David Ho hatte damals die Zukunft sicher auch nicht in dieser Form erwartet. Solange es Motivation und Engagement auf den unterschiedlichen Ebenen gibt, ist alles möglich.
