Queerer Aktivismus in autoritären Zeiten
Die politischen Rahmenbedingungen für queere Menschen verschlechtern sich weltweit spürbar. In immer mehr Ländern werden LGBTIQ-Rechte eingeschränkt, Sichtbarkeit kriminalisiert und queere Lebensweisen offen als Bedrohung für Nation, Familie oder „Tradition“ inszeniert. Autoritäre Regierungen nutzen Queerfeindlichkeit gezielt als politisches Werkzeug: Sie lenkt von sozialen und wirtschaftlichen Krisen ab, schafft klare Feindbilder und stabilisiert Machtverhältnisse. Queere Körper und Identitäten eignen sich dafür besonders gut, weil sie bestehende Geschlechterordnungen, Familienbilder und nationale Mythen infrage stellen.
Doch queerer Aktivismus verschwindet nicht, wenn die Repression zunimmt. Er verändert seine Form, passt sich an und wird oft weniger sichtbar, aber nicht weniger politisch. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf queere Bewegungen in autoritären Kontexten nicht nur aus Solidarität, sondern auch aus einer selbstkritischen Perspektive. Denn sie zeigen, wie politische Praxis aussieht, wenn Rechte nicht selbstverständlich sind und stellen damit auch eine Frage an uns in Österreich: Was können wir aus diesen Erfahrungen lernen, solange unsere Handlungsspielräume noch vergleichsweise groß sind?
Warum der Autoritarismus das Queere als Feindbild braucht
Queere Körper und Lebensweisen stellen autoritäre Weltbilder fundamental infrage. Sie widersprechen starren Geschlechternormen, traditionellen reproduktiven Idealen und der nationalistischen Vorstellung einer homogenen Volksgemeinschaft. In Ländern wie Russland, Ungarn, Georgien oder Kasachstan werden queere Menschen daher als „westlich“, „unnatürlich“ oder „fremdgesteuert“ markiert.
Gesetze gegen sogenannte „Propaganda“, die Einstufung der internationalen LGBTIQ-Bewegung als extremistische Organisation oder gezielte Polizeigewalt sind keine Zufallsprodukte. Sie sind politische Instrumente. Queere Menschen dienen oft als Projektionsfläche, um von strukturellen Problemen wie Korruption, ökonomischer Ungleichheit oder politischem Versagen abzulenken. Das „Andere“ wird zum Sündenbock konstruiert, um die eigene Basis zu mobilisieren.
Aktivismus ohne große Bühne
In repressiven Kontexten bedeutet Aktivismus selten das, was in liberalen Demokratien darunter verstanden wird. Große Demonstrationen, Pride-Paraden oder mediale Sichtbarkeit können lebensgefährlich sein. Stattdessen entstehen andere Formen politischen Handelns: kleine, vertrauensbasierte Netzwerke, gegenseitige Unterstützung bei Wohnraum, medizinischer Versorgung oder rechtlicher Beratung und informelle Treffpunkte. Aktivismus findet in privaten Wohnungen, in Chatgruppen, in Kunst, Literatur, Musik oder Subkulturen statt, um Präsenz zu zeigen, ohne sich eindeutig angreifbar zu machen.
Diese Praktiken sind zentral für das Überleben von Communitys. Für queere Bewegungen in Österreich liegt hier eine wichtige Erkenntnis: Politische Wirksamkeit entsteht nicht nur durch Großevents, staatliche Anerkennung oder mediale Aufmerksamkeit. Sie entsteht ebenso durch stabile Beziehungen, durch Fürsorge und durch Strukturen, die Menschen auffangen, wenn institutioneller Schutz versagt. Community Care ist keine Ergänzung politischer Arbeit, sondern ihre Grundlage.
Resilienz heißt nicht Romantisierung: Das Beispiel Ukraine
Ein zentraler Begriff in diesem Kontext ist Resilienz: die Fähigkeit, unter widrigen Umständen handlungsfähig zu bleiben. Resilienz bedeutet jedoch nicht, ständig stark zu sein. Sie entsteht kollektiv, nicht individuell. Besonders deutlich wird das aktuell in der Ukraine. Trotz des russischen Angriffskrieges, trotz Luftalarms, Zerstörung und permanenter Unsicherheit organisieren queere Aktivist*innen weiterhin Pride-Veranstaltungen und politische Kampagnen. Diese sind kleiner, stark abgesichert und an die Kriegssituation angepasst, aber sie finden statt.
Im Juni 2024 fand in Kiew der erste „Equality March“ seit Beginn der großflächigen Invasion statt, begrenzt auf 500 Personen und in unmittelbarer Nähe einer U-Bahn-Station zum Schutz vor Raketenangriffen. Auch 2025 fand der Equality March wieder statt. In Charkiw organisierte die Community eine „Auto-Pride“, um das Risiko für Fußgänger*innen zu minimieren. Queere Soldat*innen, Freiwillige und Zivilist*innen fordern öffentlich rechtliche Anerkennung und Partnerschaftsrechte. Die Botschaft ist klar: Menschenrechte sind kein Luxus für Friedenszeiten. Diese Form von Resilienz ist kein Zeichen von Unverwundbarkeit, sondern von politischer Entschlossenheit.
Vom Privileg zur politischen Praxis: Was Österreich lernen kann
Mit Blick auf queeren Aktivismus in autoritären Zeiten sollten wir uns in Ländern wie Österreich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Bewegungen, die sich ausschließlich auf Gesetze, Förderungen oder symbolische Anerkennung verlassen, bleiben verletzlich. Die Auseinandersetzung mit queeren Bewegungen unter Repression wirkt wie ein Spiegel, der unsere eigenen politischen Routinen infrage stellt. Resilienz bedeutet hier, Privilegien nicht als gegeben hinzunehmen, sondern sie als Ressourcen zu begreifen, die aktiv genutzt und verteidigt werden müssen.
Queerer Aktivismus unter Druck erinnert daran, dass Demokratie kein Zustand ist, den man besitzt, sondern eine Praxis, die täglich neu ausgehandelt wird. Daraus ergibt sich für uns eine klare Verantwortung: nicht belehren, sondern zuhören; nicht romantisieren, sondern Ressourcen teilen; und vor allem lernen, wie politische Bewegungen wehrhaft bleiben, bevor der Druck unerträglich wird. Solidarität ist keine Einbahnstraße, sondern ein gemeinsamer Lernprozess im Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung.
Was sich daraus konkret lernen lässt, zeigt der internationale Vergleich sehr deutlich. Queere Bewegungen in autoritären Kontexten investieren früh in tragfähige Beziehungen, dezentrale Strukturen und gegenseitige Unterstützung, weil sie wissen, dass institutioneller Schutz jederzeit wegfallen kann. Für Österreich bedeutet das, Community-Arbeit nicht als soziales Beiwerk zur eigentlichen Politik zu behandeln, sondern als ihr Fundament. Räume, in denen Menschen aufgefangen werden, Konflikte ausgehandelt und Ressourcen geteilt werden, sind keine Nebenschauplätze, sondern das Rückgrat jeder widerstandsfähigen Bewegung.
Gleichzeitig macht dieser Blick sichtbar, wie riskant es ist, politische Wirksamkeit ausschließlich an Sichtbarkeit zu knüpfen. Pride, mediale Präsenz und symbolische Repräsentation sind wichtig, können aber nicht die einzigen Maßstäbe für Erfolg sein. Aktivismus muss auch dann funktionieren, wenn Aufmerksamkeit schwindet, Förderungen gekürzt werden oder politische Mehrheiten kippen. Veränderte Strategien können auch ein Ausdruck politischer Reife sein.
Besonders deutlich wird zudem, wie eng queere Kämpfe mit anderen sozialen Fragen verbunden sind. Bewegungen unter autoritärem Druck denken Queerpolitik fast immer intersektional, also verknüpft mit Feminismus, Antirassismus, Arbeitskämpfen sowie Fragen von Flucht, Armut und Sicherheit. Auch das ist eine zentrale Lehre für Österreich: Queere Rechte lassen sich nicht isoliert verteidigen. Eine Bewegung, die sich nur um sich selbst dreht, bleibt politisch wie gesellschaftlich angreifbar.
Schließlich mahnen diese Erfahrungen zur Wachsamkeit. Autoritäre Entwicklungen kommen selten abrupt. Sie schleichen sich ein, werden normalisiert oder als Randphänomene abgetan. Queerer Aktivismus unter Druck zeigt, wie wichtig es ist, solche Verschiebungen früh ernst zu nehmen und nicht erst dann, wenn Rechte bereits verloren gegangen sind. Lernen heißt hier aus der Erfahrung anderer Konsequenzen zu ziehen, solange Handlungsspielräume noch existieren.
Fazit
Queerer Aktivismus in autoritären Zeiten ist kein fernes Ausnahmephänomen. Er ist ein Spiegel möglicher Zukünfte und ein Archiv politischer Erfahrung. Wer genau hinschaut, erkennt darin nicht nur Unterdrückung, sondern auch Wissen darüber, wie Bewegungen überleben, sich anpassen und Würde bewahren. Dieses Wissen ernst zu nehmen und daraus Konsequenzen für die eigene politische Praxis zu ziehen ist vielleicht eine der wichtigsten Aufgaben queerer Communitys in Österreich heute.
Ina Pölzl
Internationales Komitee
HOSI Wien
