Nun brauchen wir Eure / Deine Hilfe
Es begann alles mit einem Zufall. Wir liefen uns über den Weg, beide wohin auch immer, hatten nur kurz Zeit für ein Gespräch. Mehr als ein Hallo, lange nicht gesehen, und das Vergewissern, dass die vorhandenen Kontaktdaten noch stimmten, war nicht. Anlass für die Kontaktaufnahmen war dann die Nennung eines Transgesundheitszentrums im Wiener Regierungsprogramm 2025. Zwar ganz prominent, aber ohne Vereinbarung zwischen den Regierungsparteien. Woher kam das bloß? Und da ging es los. Sahra ließ nicht locker. Ich hatte zu der Zeit wirklich andere Sorgen, teils große Schmerzen, körperliche Beschwerden und einen nahen Todesfall. Aber irgendwie wollte ich es auch wissen, wieso das auf einmal sogar auf GGG.at stand (05.07.25), wo dort doch an manchen Tagen allein Unterwäsche für Schwule zu sehen war.
Aber gut, Kontakte gab es ja. Sahra und ich hatten ja bereits länger erfolglos gegen die Windmühlen der „Community“ gekämpft, in der es zu der Zeit eher um Symbolpolitik und Partys ging. Also war für mich klar, wir docken das nicht bei LGBTIQ an, sondern allein im Gesundheitssystem. So hatten wir vor dem Sommer bereits das erste Sondierungsgespräch zur Transgesundheit, die ja auch Jahre davor schon Thema war, wie etwa mit einer zahnlosen Petition zur Unterstützung der Transambulanz im AKH. Erst nach dem Sommer hatten wir weitere Gespräche mit Mitgliedern des Wiener Gemeinderates. Dazwischen hatten wir aber schon Kontakte zu Institutionen und Vereinen geknüpft, um vorbereitet zu sein. Im Spätsommer lüftete sich dann auch der Schleier um dieses Transgesundheitszentrum. Mit einem letzten Gespräch hatten wir dann auch schon fast alles beisammen. In einem Kraftakt fasste ich mit einiger Recherche das Positionspapier zur Transgesundheit zusammen, welches die European Professional Association for Transgender Health (EPATH) nur nicht unterschrieb, weil es kein Statement ist und nicht von einer medizinischen Profession kam, die Situation besonders in Punkto geschlechtsangleichende Operationen aber zusammenfasst. Gerahmt mit einigen Punkten, die ich weiter unten anführe.
Und wieder kam Sahra mit, du, du hast mir da einen Call von Transgender Europe (TGEU) weitergeleitet. Lass uns da was machen, ich wollte schon immer mit der UNO arbeiten. Und so kam es dann auch, dass wir vor Weihnachten anfingen und Sahra die Einreichung über den unabhängigen Experten des UN Menschenrechtsrat (Independent Expert on sexual orientation and gender identity; IE SOGI) zur 62. Sitzung des UN-Human Rights Council 2026 in Genf im neuen Jahr entwarf. Es war viel Arbeit, aber es ging dann schnell. Nach zwei Korrekturzyklen, Ergänzungen und noch einigen Fußnoten ging die Einreichung Mitte Januar auf den Weg. Dabei wollten wir ursprünglich TGEU zuarbeiten und tauschten uns mit Berlin zu unserem Positionspapier aus. Doch die spezielle Thematik ließ es nicht zu, die Deadline von TGEU dazu war für uns zu knapp. Daher mussten wir alles umschreiben und eine eigene Einreichung dazu machen.
Die Zusammenarbeit mit Sahra ist großartig. Wir haben jeweils eine andere Sprache, andere Hintergründe, gehören unterschiedlichen Generationen an und haben daher auch andere Kontakte, Möglichkeiten und unterschiedliches Wissen und ja, es gibt auch manchmal Missverständnisse, die sich aber, nicht immer gleich, klären lassen. Manchmal laufen wir auch in unterschiedliche Richtungen, bis wir merken, dass wir einander falsch verstanden haben. Aber letzten Endes greift eines ins andere und Sahra ist einfach die treibende Kraft in der Freien Arbeitsgemeinschaft Transgesundheit. Doch kurz zu den Rahmungen.
Rahmung Transgesundheit
2013: Mit dem Entfallen einer genuin psychiatrischen Diagnose für Trans im DSM-V wurde festgehalten, dass Trans keine behandlungsfähige psychische Erkrankung ist, sondern ein Ausdruck natürlicher Varianz. Eine behandlungswürdige Form wurde „Geschlechtsdysphorie“ (Gender Dysphoria) benannt, und betrifft Personen, die darunter leiden. „The condition is associated with clinically significant distress or impairment in social, school, occupational or other important areas of functioning.“
2015 bezog sich die WMA (World Medical Association; Weltärztebund) auf das DSM-V und benutzte den Begriff der Gender Inkongruenz. Sie stellte auch klar, dass eine Gender Dysphorie nur dann vorliege, wenn die Person unter klinisch relevanter Not auf Grund mangelnder Anerkennung und infolge von Diskriminierung leidet. Die WMA mahnte eine individualisierte, professionelle, interdisziplinäre und leistbare transgesundheitliche Versorgung ein, um Gender Dysphorie zu vermeiden.
2022: Unabhängig von den nationalen Kodierpraktiken, unabhängig vom klinischen Alltag, gilt seit 2022 der von der WHO veröffentlichte ICD-11, welcher die Geschlechtsinkongruenz (gender incongruence) definiert. Seit 2022 gibt es seitens der Weltgesundheitsorganisation also keinerlei Pathologisierung mehr. Trans ist damit keine Krankheit, sondern einer von vielen Zuständen mit Bezug auf die sexuelle Gesundheit.
2025 hat die WMA ihr „Statement on trans people“ aus dem Jahr 2015 aktualisiert und fordert nicht nur die eigenen Fachgesellschaften, sondern auch Länder und Gebietskörperschaften dazu auf nicht nur Maßnahmen gegen die Diskriminierung von Trans zu ergreifen, sondern diese auch zu schützen und die Gesundheitsrechte von Trans zu wahren indem passende Leistungen eingerichtet werden.
Rahmung Gesetze
Folgende Stellen finden sich sowohl in „Gesundheit im Gesetz“ des österreichischen Gesundheitsministeriums (2021), als auch in „Right to Health“ (2008) des Hohen Kommissariats für Menschenrechte der UNO.
ESC
Die Europäische Sozialcharta von 1965 enthält, was Transgesundheit betrifft, in Art. 11 schon Interessanteres, verpflichtet sich Österreich doch seit 1969 „geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die unter anderem darauf abzielen: 1. soweit wie möglich die Ursachen von Gesundheitsschäden zu beseitigen.“ Dies ist vor allem in Bezug auf die oben angeführte Stellungnahme der WMA, zur Geschlechtsdysphorie als Folge der Diskriminierung und Ausgrenzung, relevant.
UN-Sozialpakt
Der UN-Sozialpakt aus 1976 zu den sozialen und kulturellen Menschenrechten geht noch weiter und adressiert den Staat „als vorrangiger Träger menschenrechtlicher Pflichten – die Gesundheit der Menschen nicht beeinträchtigt, diese vor Eingriffen schützt und Maßnahmen ergreift, damit die Menschen gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen vorfinden. Vor allem aber sollen die Menschen Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung haben.“
Ein Entfall von Diskriminierung und Benachteiligung allein wird für ein gelingendes Leben von Trans nicht ausreichen. Hier kommt die angemessene Gesundheitsversorgung mit Verweis auf den Common Sense in der Medizin zum Tragen, weshalb Trans sehr wohl Anspruch auf chirurgische Leistungen haben, wenn damit eine Geschlechtsdysphorie vermieden werden kann.
Yogyakarta Principle 17, “The Right to the Highest Attainable Standard of Health“ (9 Empfehlungen)
„Everyone has the right to the highest attainable standard of physical and mental health, without discrimination on the basis of sexual orientation or gender identity. Sexual and reproductive health is a fundamental aspect of this right“.
WMA 2017
Zuletzt gibt es auch eine Selbstverpflichtung in der Deklaration von Genf des WMA aus 1948 in der zuletzt 2017 aktualisierten Fassung: „Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten.“
Wir brauchen Dich jetzt
Wir sind bis jetzt Mia Mara Willuhn und Sahra Black, beide seit langem Aktivist*innen. Trotz all unseres Wissens, den ganzen Recherchen, den Kontakten und Gesprächen mit der Politik, den Institutionen, Organisationen und Einzelpersonen sind Sahra und ich an einem Punkt angelangt, an dem wir alleine nicht mehr weiterkommen. Zuletzt hatten wir Gespräche, in denen es auch um Diskriminierungserfahrungen von Trans ging und sowohl große Wissenslücken zu Trans, aber vor allem auch vollkommen fehlende Sensibilität gegenüber Trans im Gesundheitssystem, der Pflege und im ärztlichen Bereich zu Tage brachten. Denn auch wenn es bei der Konferenz der Frauengesundheit mit dem Titel „Wir behandeln alle gleich“ (2018) beim Thema Frauen und Lesben in der Gesundheitsversorgung bereits angemahnt wurde, in puncto Sensibilisierung und Schulung des Gesundheitspersonals hat sich fast nichts getan.
Wir sind eine freie und unabhängige Arbeitsgemeinschaft zur Transgesundheit und suchen nun Unterstützung. Solltest Du in dem Projekt zu konkreten Punkten mitarbeiten wollen, melde Dich einfach bei uns:
Danke für Deinen Beitrag!
Freie Arbeitsgruppe Transgesundheit
Anmerkung der Redaktion:
Die Autorin stellt hier eine von der HOSI Wien unabhängige Initiative vor. Es ist uns wichtig, eine Mischung aus vereinsinternen und -externen Texten in der Lambda zu bieten. Von der Bezeichnung „Trans“ als Überbegriff für trans Personen möchten wir uns allerdings distanzieren. Sie ist hier als Eigenbezeichnung zu werten.
