{"id":9991,"date":"2026-05-29T00:01:00","date_gmt":"2026-05-28T22:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9991"},"modified":"2026-05-27T22:38:29","modified_gmt":"2026-05-27T20:38:29","slug":"eine-queere-filmreise-auch-jenseits-von-teddy-awards","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=9991","title":{"rendered":"Eine queere Filmreise \u2013 auch jenseits von Teddy Awards"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nachtrag zur Berlinale 2026<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Im M\u00e4rz-Beitrag zur Berlinale ging es um die Teddy Awards, die auch im Namen Rosa von Praunheims, der Ende 2025 verstorben war, verliehen wurden. Aber es gab weitere queer-relevante Berlinale-Beitr\u00e4ge, die es wert sind, besprochen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz vorneweg, weil der Film in Wien spielt und auch weil Elfriede Jelinek am Skript beteiligt war, steht \u201eDie Blutgr\u00e4fin\u201c von Ulrike Ottinger, ein lustiger Thriller, der au\u00dferhalb des Wettbewerbs im Berlinale  Special lief. In dem trotz allem Am\u00fcsement etwas langatmigen Zweistundenspektakel macht sich Isabelle Huppert als titelgebende Blutgr\u00e4fin auf, die Ehre und das Erbe der Vampir*innendynastie zu retten. Zwischendurch st\u00e4rkt sie sich an attraktiven Frauenh\u00e4lsen und schwebt in blutroten Roben sowie in ebensolchen Kutschen durch die Hauptstadt. Eigentlich soll das Ganze im Heute spielen, jedoch lassen pl\u00fcschige Requisiten das gut kaschieren, sodass das gem\u00fctliche, etwas altert\u00fcmliche Wien allgegenw\u00e4rtig ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unbedingt zu erw\u00e4hnen ist der prominente Cast. Neben der wunderbaren Huppert, die neben Franz\u00f6sisch auch ein bisschen \u00f6sterreichisches Deutsch spricht, macht Birgit Minichmayr als treuergebene Zofe eine gute Figur, die f\u00fcr frischblutigen Nachschub und die Reinigung der vampirischen Eckz\u00e4hne sorgt. Thomas Schubert (zum Beispiel in \u201eRoter Himmel\u201c von Christian Petzold) ist der entschieden vegetarisch lebende Neffe der Gr\u00e4fin, der sich lieber an frisch zubereiteten Mehlspeisen als am blutigen Menschensaft labt, sich aber dem Einfluss der vampirischen Tante nicht g\u00e4nzlich zu entziehen vermag. Lars Eidinger ist als sein Therapeut unterwegs, und Conchita Wurst sorgt als Zeremonienmeisterin mit ihrem&nbsp;ESC-Siegertitel \u201eRise Like A Phoenix\u201c f\u00fcr queere Stimmung.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Where-to.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9996\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Where-to.jpg 800w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Where-to-300x225.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Where-to-150x113.jpg 150w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Where-to-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Where to?<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein ganz anderer Beitrag ist \u201eLady\u201c von Olive Nwosu, wobei das Auto, mit dem die nigerianische Taxifahrerin Passagier*innen durch Lagos kutschiert, blutgr\u00e4finnenrot ist. Aus Geld- und Fahrg\u00e4st*innenmangel ger\u00e4t die junge Frau jedenfalls in den Machtkreis eines Prostituiertenringclanchefs, der sie dazu \u00fcberredet, Sexarbeiterinnen zu ihren n\u00e4chtlichen \u201eAuftritten\u201c zu bef\u00f6rdern. So sehr sie sich auch mit den Frauen anfreundet und sich bem\u00fcht, ihre und die Besch\u00e4ftigung ihrer Proband*innen als notwendigen Broterwerb zu sehen, so sehr missfallen der durchsetzungsf\u00e4higen Frau, die mit M\u00e4nnern von Haus aus nichts zu tun haben will, die offensichtlichen Abh\u00e4ngigkeits- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eRose\u201c, eine \u00f6sterreichisch-deutsche Koproduktion von Markus Schleinzer, in der gleichnamigen Titelfigur herausragend verk\u00f6rpert von Sandra H\u00fcller, die f\u00fcr ihre Hauptrolle den Silbernen B\u00e4ren f\u00fcr die Beste Schauspielerische Leistung erhielt, kann im 17. Jahrhundert ebenfalls nur durch ein subtiles Spiel ihre Ziele von Abenteuer und Unabh\u00e4ngigkeit erreichen. Sie verkleidet sich als Soldat, ist tougher als alle M\u00e4nner zusammen, kann ohne Weiteres beeindrucken, trotzdem wird ihr mit Misstrauen begegnet, als sie Anspruch auf das Erbe eines verlassenen Gutshofes erhebt. H\u00fcller beeindruckt jedenfalls mal wieder immens mit ihrem schauspielerischen K\u00f6nnen, und die anderthalb Stunden Film sind viel zu kurzweilig, um sich nicht zu w\u00fcnschen, dass frau\/man* noch weitere Stunden (oder auch Tage) im Berlinale Palast verweilen d\u00fcrfe, um dem brisanten Leben der queeren Protagonistin zu folgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In \u201eThe Education of Jane Cumming\u201c von Sophie Heldman muss Liebe zwischen Frauen \u2013 wie auch in den anderen bereits besprochenen Filmen, auch wenn das lesbische Sujet dort jeweils hinter scheinbaren Hauptthemen (Vampirismus, sexuelle Ausbeutung, Patriarchat) zu verschwinden droht \u2013 ebenfalls unter dem gesellschaftlichen Deckel gehalten werden, schlie\u00dflich spielt das Drama Anfang des 19. Jahrhunderts. Zu der Zeit steht nicht nur am Schauplatz in Edinburgh Homosexualit\u00e4t allgemein unter Strafe beziehungsweise wird zumindest gesellschaftlich ge\u00e4chtet. Jedenfalls basiert die Handlung auf Gerichtsakten aus der Zeit, als es einen Skandal um ein M\u00e4dcheninternat gab, wo zwei Lehrerinnen der \u201elesbischen Unzucht\u201c bezichtigt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWhere to?\u201c von Assaf Machnes kn\u00fcpft da schon eher an \u201eLady\u201c an, auch wenn Taxifahrer Hassan seine Partyg\u00e4st*innen durch Berlin statt Lagos kutschiert. Hassan ist jedenfalls pal\u00e4stinensischer Herkunft, was ihn aus konfliktreichen Gr\u00fcnden mit einem durch Berlin strauchelnden jungen Israeli auf besondere Weise verbindet. Auch hier scheint die homosexuelle Orientierung des Stammgastes eher nebens\u00e4chlich f\u00fcr die Haupthandlung zu sein, bringt den \u00e4lteren Taxifahrer aber dazu, \u00fcber seinen eigenen Lebensweg, eine verlorene Liebe und das von Unverst\u00e4ndnis gepr\u00e4gte Verh\u00e4ltnis zu seiner nach Unabh\u00e4ngigkeit strebenden Tochter nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die diesj\u00e4hrige Berlinale war eine gelungene und \u2013 trotz oder gerade auch aufgrund politischer Diskussionen um Kriege und weltweite Auseinandersetzungen \u2013 konstruktive sowie insgesamt harmonische Veranstaltung. Am Rande wurde zwar er\u00f6rtert, ob der Wettbewerb zu wenig Staraufgebot habe, aber gerade der Umstand, dass auch weniger bekannte Schauspieler*innen eine gro\u00dfe B\u00fchne finden, macht das Festival so einzigartig ausgewogen. Und so konnten Wettbewerbsbeitr\u00e4ge mit sozialpolitisch brisanten Inhalten, wie zum Beispiel zu den Themen staatliche Repressionen und ihre Folgen, Clank\u00e4mpfe in altpatriarchalen Zusammenh\u00e4ngen sowie Demenzerkrankung und Selbstbestimmung, die sonst eher als Randthemen behandelt werden, die ersten Preise holen: Goldener B\u00e4r an \u201eGelbe Briefe\u201c von \u0130lker \u00c7atak, Silberne B\u00e4ren an \u201eKurtulu\u015f\u201c&nbsp;von Emin Alper und \u201eQueen at Sea\u201c von Lance Hammer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachtrag zur Berlinale 2026 Im M\u00e4rz-Beitrag zur Berlinale ging es um die Teddy Awards, die auch im Namen Rosa von Praunheims, der Ende 2025 verstorben war, verliehen wurden. Aber es gab weitere queer-relevante Berlinale-Beitr\u00e4ge, die es wert sind, besprochen zu werden. 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